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Ihr werdet euch mit Sicherheit nicht langweilen“, versprechen die Ausrichter der „Kriegsmarine Schiffswrack-Woche 2025“. Sie werben für Tauchgänge zu mindestens einem Dutzend deutscher Schiffswracks in der Bucht von Danzig, fünf Tage im Juli für rund 600 Euro. Betaucht wird beispielsweise die Franken, ein Trossschiff, das am 8. April 1945 von Fliegerbomben getroffen wurde, in zwei Teile zerbrach und sank. Oder das U-Boot U-367, gesunken am 15. März 1945 durch eine Mine, 43 Tote, keine Überlebenden. Ein anderer Tauchanbieter empfiehlt Tauchgänge zur Moltkefels, im April 1945 versenkt durch einen sowjetischen Fliegerangriff. An Bord des Frachters waren mehrere Tausend deutsche Flüchtlinge, etwa 500 von ihnen sollen gestorben sein. Die Ostsee sei der „interessanteste Ort zum Wracktauchen weltweit“, schwärmt einer der Anbieter.
„Von einer Totenruhe unter Wasser kann keine Rede sein“, sagt Christian Lübcke. Er ist Historiker und Landesgeschäftsführer des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Hamburg. Der Verein kümmert sich im Auftrag der Bundesregierung um die Toten beider Weltkriege und betreut mehr als 800 Kriegsgräberstätten. Seekriegstote gehören auch zu seinen Aufgaben. Lübcke beobachtet mit großer Sorge eine Zunahme illegaler Tauchgänge. In der Ostsee würden Seekriegsgräber geplündert. Bei Tauchsafaris gelte oft der Grundsatz, wer nichts mitbringe, sei nicht dort gewesen. „Was man sich an Land auf einem Friedhof nie erlauben würde, wird auf See pausenlos gemacht.“
Vor 80 Jahren, in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs, versuchten Tausende vor der heranrückenden Sowjetarmee über das Meer zu fliehen, auf allem, was irgendwie schwimmen konnte. Unzählige von ihnen starben damals in der Ostsee. Allein auf der Wilhelm Gustloff waren es Schätzungen nach bis zu 9000 Menschen, auf der Goya mehr als 7000, auf der Steuben bis zu 4200.

„In den letzten vier Kriegsmonaten sind mindestens 40.000 Menschen in der Ostsee gestorben. Das waren mehr Seekriegstote als zuvor in den ersten vier Kriegsjahren insgesamt“, sagt Lübcke. Unter ihnen waren vor allem Frauen, Kinder und Alte bei der Massenflucht aus Ostpreußen. Die meisten ruhen noch am Meeresgrund. Geborgen wurde oft nur, was angespült wird. Rund 1300 deutsche Seekriegsgräber seien identifiziert und kartographiert, etwa 2500 deutsche Seekriegsgräber gebe es, sagt Lübcke. Auch versunkene Flugzeuge zählten dazu.
Teilweise gebe es in der Ostsee komplette Skelette
Von Tauchern heiße es oft, man habe keine Toten gesehen, aber die Toten seien vielfach nicht mehr erkennbar, so Lübcke. Der Zustand von Gebeinen unter Wasser sei sehr unterschiedlich. Teilweise gebe es in der Ostsee komplette Skelette, teils nur Haufen menschlichen Gewebes. Dafür sehe man Lederwaren: Sandalen oder Kinderschuhe etwa. Aber auch Reste von Kinderwagen. Doch es sei vollkommen unerheblich, was noch vorhanden sei. „Jedes Seekriegsgrab ist für uns gleichermaßen schützenswert. Auch die Rechtslage ist hier unmissverständlich. Die Wracks sind Eigentum des deutschen Staats, egal wo sie liegen“, so Lübcke.
Es gebe immer noch viele Angehörige, die auf Nachrichten über den Verbleib ihrer Verwandten warteten, sagt Lübcke. „Hochbetagte Menschen sind in Tränen ausgebrochen, als sie vom Verbleib ihrer Väter erfuhren.“ Seiner Darstellung nach gibt es auch positive Beispiele: Wrackfunde, bei denen grenzüberschreitend kooperiert und der Fall historisch aufgearbeitet werde; bei denen etwa Kränze auf See niedergelegt würden. So wie im Fall zweier U-Boote aus dem Ersten Weltkrieg im vergangenen Jahr in belgischen Gewässern. Viele Taucher hielten sich an die Regeln. Meldeten Wracks, nähmen Rücksicht.
Bannmeilen um wichtige Wracks nicht beachtet
Aber das Rechtsempfinden anderer sei nicht sehr stark ausgeprägt. So würden etwa Bannmeilen, die um wichtige Wracks errichtet wurden, nicht beachtet. Vor allem U-Boote übten auf Militariasammler große Faszination aus, da sie wie eine „Zeitkapsel“ alles von früher bewahrten. Homepages und Internetforen von Tauchern lesen sich demnach wie Sammelalben von Plünderungen und illegalen Tauchgängen. „Das kann so nicht weitergehen“, sagt Lübcke. Es sei notwendig, bei der Vergabe von Tauchlizenzen genauer hinzuschauen, für das Thema in der Tauchausbildung mehr zu sensibilisieren.
Spricht man mit Tauchern, klingt das anders. Der Volksbund sei mit dem Thema Seekriegsgräber völlig überfordert, sagt Reinhard Öser. Er betreibt die Firma Marine Research Germany. Sie organisiert „Forschungsexpeditionen“ zu Wracks, für die Teilnehmer zahlen müssen. Im Mai etwa einen Tauchtörn in der Ostsee, sechs Tage für 888 Euro. In der Beschreibung heißt es, Ziel der „Expedition“ sei die „wissenschaftliche Erfassung von schiffstechnischen Unterwasserdenkmälern“. Die Reisen seien „privat finanziert“, doch habe man teils „Forschungseinrichtungen“ mit an Bord, sagt Öser. Demnach erhält er teils einen Zuschuss von einigen Hundert Euro von öffentlichen Ämtern und Behörden. Öser sagt selbstbewusst, er sei der „Platzhirsch“ beim Thema Schiffswracktauchen, der Einzige in der Ostsee, der derlei Touren anbiete. In seiner Firma arbeiteten frühere Kampfschwimmer, Pioniertaucher und Unterwasserbiologen. Fragt man ihn, ob die Wracks nicht einfach in Ruhe gelassen werden sollten, antwortet er: Das tue ohnehin keiner.
Gold und Silber findt man dort nicht
Ob man beim Tauchen zuweilen menschliche Überreste sehe? „Da müssen Sie schon Glück haben“, sagt Öser. Dort sei „nicht alles voller Leichen“. Um die zu sehen, müsse man „ein Auge“ dafür haben, auch weil Gebeine nach 80 Jahren unter Wasser oft schwarz verfärbt seien. Ohnehin trieben Wasserleichen auf, würden angeschwemmt. Zuweilen seien Menschen aber auch eingekeilt gewesen unter Wasser. Und wenn man doch mal einen Toten sähe, sage man lieber nichts. Sonst gebe es eine „riesige Lawine“ mit Polizei und Staatsanwaltschaft, so Öser. Wenn bekannt sei, dass ein Wrack ein Seekriegsgrab sei, gehe man dort eben nicht rein. Öser übt scharfe Kritik an der Kriegsgräberfürsorge. Deren Mitarbeiter erzählten viel, könnten aber kaum etwas umsetzen, wüssten nicht, wie es funktioniere, und hätten auch kein Geld. Er selbst sei immer bereit zur Kooperation.
Wrackräuberei gebe es zudem auch durch die Mitarbeiter der Firmen, die Offshore-Windanlagen bauten, sagt Öser. Der Bau der Windparks benötige viel technisches Personal, Handwerker, Taucher. Vor dem Bau würde der Grund detailliert untersucht. „Da sehen die genau, wenn ein Wrack irgendwo liegt. Und die haben auch irgendwann Feierabend.“ Gold und Silber finde man dort nicht. Aber historische Dinge.
Neben Öser scheinen vor allem polnische Tauchfirmen in der Ostsee aktiv zu sein. Baltictech nennt sich eine dieser Gruppierungen. Sie hatte etwa den Frachter Moltkefels betaucht. Lübcke kritisiert das scharf, wirft der Gruppe vor, weder die Kriegsgräberfürsorge noch deutsche Behörden einzubeziehen. Gesprächsversuche mit dem Leiter der Gruppe, Tomasz Stachura, hätten immer wieder in der Erkenntnis gemündet, „dass es offenbar eine sehr unterschiedliche Interpretation der Rechtslage wie auch ethischer und moralischer Grenzen gibt“.
„Wir beteiligen uns nicht an der Bergung von Artefakten.“
Stachura, der auch eine Tauchausrüstungsfirma leitet und sich auf Wrack-Unterwasserfotografie spezialisiert hat, schreibt auf Nachfrage, hier liege offenbar ein „Missverständnis“ vor. Er selbst und das Baltictech-Team studierten seit vielen Jahren Wracks aus einer historischen Perspektive. Es gehe ihnen um die Identifikation, die Dokumentation und um die Spuren der Schicksale der Opfer. „Wir beteiligen uns nicht an der Bergung von Artefakten.“ Im offenkundigen Widerspruch dazu steht ein Foto, das Baltictech auf der eigenen Website von einem Tauchgang im Juni 2019 veröffentlichte. Es zeigt die Schiffsglocke der Steuben, die zuvor vom Grund geholt wurde. Von dem Schiff, auf dem bis zu 4200 Menschen starben. Lachend und stolz posieren die Taucher mit der Glocke, unter ihnen auch Stachura. Unter dem Foto steht: Obwohl das Wrack geplündert worden sei, sei es ihnen gelungen, diese Glocke zu finden und herauszuholen. Die Glocke sei ans Nationale Marine Museum in Danzig gegangen.
Die Geschichte des Frachters Moltkefels erforsche Baltictech seit Jahren auf Bitten von Überlebenden, schreibt Stachura. Der Tauchgang sei mit Erlaubnis des Marinebüros in der polnischen Stadt Gdynia erfolgt. Lübcke vom Volksbund sagt dazu, ihm sträubten sich alle Nackenhaare, wenn er höre, die Aktionen rund um das Seekriegsgrab Moltkefels seien angeblich „auf Bitten von Überlebenden“ geschehen. „Die wenigen noch lebenden Überlebenden dieser furchtbaren Katastrophe sind hochbetagte Menschen, die keine Ahnung davon haben, was Baltictech alles tut oder noch tun wird.“
Auch die polnische Firma Divehouse, die die „Kriegsmarine Schiffswrack-Woche 2025“ anbietet, aber auch schon „U-Boot-Wochen“ veranstaltet hat, rechtfertigt sich auf Nachfrage. Alle Aktivitäten bei der Tauchwoche seien legal, schreiben Mitarbeiter von Divehouse. „Unser Ziel ist es, verantwortungsbewusstes Tauchen mit großem Respekt vor den von uns besuchten Schiffswracks und ihrer Geschichte zu fördern.“ Man wolle die Geschichte der besuchten Schiffswracks schützen und bewahren. Die Wracks seien im Katalog der Schiffswracks aufgeführt, die für das touristische Tauchen geöffnet seien und vom Marinebüro in Gdynia veröffentlicht würden. Die vorgesehenen Wracks seien von den zuständigen Institutionen untersucht worden. „An diesen Wracks wurden keine menschlichen Überreste gefunden.“
Es werde kein deutsches Staatseigentum beeinträchtigt, auch seien die Schiffswracks offiziell für das touristische Tauchen geöffnet, daher sei es nicht erforderlich, zusätzliche Genehmigungen von deutscher Seite einzuholen, so die Mitarbeiter von Divehouse. Man sei aber gerne bereit zur Zusammenarbeit mit der Kriegsgräberfürsorge und wolle zur Erhaltung des historischen Erbes unter Wasser und zum Gedenken an die Gefallenen beitragen. Und die Dokumentation der „Kriegsmarine Schiffswrack-Woche 2025“ gebe man sehr gerne weiter.
Lübcke vom Volksbund sagt dazu, viele Tauchfirmen gäben sich nach außen hin den Deckmantel einer angeblichen „Forschung“. Eigentlich aber störten die Taucher aus kommerziellen Gründen die Ruhestätten auf See. „Wäre dies wirklich ernsthafte Forschung, würde man Besitzer und Betroffene mit großem zeitlichem Vorlauf beteiligen und ständig informieren.“ Die Kriegsgräberfürsorge werde meist nur von wirklich rechtschaffenen Tauchern informiert – und meist nur bei Tauchprojekten in weit entfernten Seegebieten. Die letzten Taucher, die wirklich vorab um Erlaubnis gebeten hätten, seien Briten, Belgier und Dänen gewesen. Dass die Rechtslage derlei Tauchtouren untersage und dass es noch Angehörige der Toten auf den Wracks gebe, interessiere die Anbieter der Tauchtouren meist nicht.
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