Papst Leo ist kein Anti-Trump

Papst Leo ist kein Anti-Trump

So viel lässt sich nach den ersten zwei Monaten des Pontifikats von Papst Leo XIV. schon sagen: Was an seiner Wahl am bemerkenswertesten war, macht sich bisher in seiner Amtsführung so gut wie nicht bemerkbar: dass er Amerikaner ist. Ein Beobachter, der nur die vergangenen Wochen verfolgt hat, würde vermutlich den Kopf schütteln über die Bedenken, die bis vor Kurzem einen Papst aus den Vereinigten Staaten noch nahezu unvorstellbar erschienen ließen. Tatsächlich ist es nun kaum mehr als die im Vergleich zu Franziskus weniger blumige Ausdrucksweise, die Leos Herkunft verrät.

Wenn der Papst seit seiner Wahl Anfang Mai persönliche Verbindungen erkennen ließ, dann vor allem jene nach Peru, seiner Wirkungsstätte als Missionar und Bischof. Auch die Rolle eines Anti-Trumps, die Leo in ersten Reaktionen nach seiner Wahl bisweilen zugedacht wurde, hat er sich nicht zu eigen gemacht. Von den sieben Bischöfen, die er bisher für die Vereinigten Staaten ernannt hat, sind zwar drei in einem anderen Land geboren.

Trump und Vance suchten keinen Streit

Das lässt sich durchaus als Botschaft an den amerikanischen Präsidenten lesen. Aber die Herkunft spiegelt auch die wachsende Heterogenität der amerikanischen Katholiken wider und nicht zuletzt die biographische Prägung eines Papstes, der in Chicago geboren wurde und in Chiclayo Bischof war.

Zugute kam Leo, dass Trump und sein katholischer Vizepräsident ­Vance ihrerseits bisher nicht auf Streit mit ihm aus waren. Sie verzichteten darauf, für die größte Spendernation des Vatikans (noch) mehr Einfluss in Rom zu fordern. Auch weitere provokante theologische Rechtfertigungen der trumpschen Migrationspolitik waren aus dem Weißen Haus nicht zu vernehmen.

Weniger Klarheit herrscht weiter darüber, wo dieser Papst kirchenpolitisch zu verorten ist. Jedes Wort und jede Geste wurden auf die Goldwaage gelegt, um herauszufinden, ob sie sich mehr zu Franziskus’ Seite oder mehr zu jener Benedikts neigt. Dabei wurde jedoch manches überinterpretiert.

Schöner Wohnen ist noch kein Bekenntnis zur Tradition

Dass Leo etwa wieder in den Apostolischen Palast einzieht, muss noch kein Bekenntnis zur Tradition darstellen. Dafür gäbe es auch ein triftiges anderes, pragmatisches Motiv. Im Apostolischen Palast zu wohnen ist schlichtweg praktischer als in einem Zimmer im vatikanischen Gästehaus und mit erheblich weniger Aufwand verbunden. Der Umzug wäre dann vor allem eine Abkehr von der Symbolpolitik seines Vorgängers.

Ein Beispiel dafür, dass der Papst pragmatisches Handeln jenseits aller kirchenpolitischen Grabenkämpfe bevorzugt, bot sich jüngst in Castel Gandolfo. Dort feierte Leo in seinem Urlaub einen Gottesdienst nach einem kurz zuvor neu eingeführten Messformular, das der Bewahrung der Schöpfung gewidmet ist.

Franziskus hatte nie in Castel Gandolfo Urlaub gemacht, und Benedikt XVI. wäre eine solche Messe wohl zu neumodisch erschienen. Wenn man etwas Amerikanisches in Leos Amtsführung erkennen möchte, dann wäre es eine pragmatische Unkon­ven­tionalität, die sich jedem Schub­ladendenken entzieht.

Alles in allem hat sich bisher das bestätigt, was die Bekenntnisse des Papstes zu seinem Vorgänger unmittelbar nach seiner Wahl vermuten ließen. Leo behält die Richtung von Franziskus bei, geht aber anders an die Sache heran. Das zeigt etwa sein Umgang mit einem zentralen Vermächtnis seines Vorgängers, dem Beratungsprozess über Reformen in der Kirche.

Leo hat Synodalen Prozess bestätigt – mit Änderungen

Den Fahrplan für diesen sogenannten Synodalen Prozess bis zum Jahr 2028, der noch veröffentlicht wurde, als Franziskus schon im Krankenhaus lag, hat Leo bestätigt, allerdings mit einigen Änderungen. Diese sind für sich genommen unspektakulär, lassen aber erkennen, dass Leo sich um etwas bemüht, was Franziskus fremd war: Veränderungsprozesse ergebnisorientiert zu strukturieren.

Deutlich hebt sich Leo von seinem Vorgänger in der Ukrainepolitik ab. Zweimal hat er Präsident Wolodymyr Selenskyj empfangen. Zuerst war Selenskyj kurz nach seiner Amtseinführung sein erster Staatsgast im Vatikan überhaupt und dann, in der vergangenen Woche, der erste ranghohe Besucher, der ihm in seinem Urlaubsdomizil die Aufwartung machte. Leo ließ keinen Zweifel daran, dass für ihn eine Äquidistanz zu Kiew und Moskau keine vatikanische Option ist. Dabei hat ihm nicht geschadet, dass auch er bisher Putin als Aggressor nicht beim Namen genannt hat.

Für die deutschen Katholiken, die im Verhältnis zum Vatikan zu extremen Gefühlslagen neigen, waren die ersten Wochen des Pontifikats eine ungewohnte Erfahrung: Nach vielen Jahren ist seit Langem wieder so etwas wie Entspannung spürbar. Es muss nicht das Schlechteste sein, wenn wenigstens ein Amerikaner in Deutschland etwas Ruhe einkehren lässt.

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