Nahezu ihr gesamtes Werk ist von Gewalt durchzogen. Von staatlicher und politischer Gewalt, wie sie von Portugals Diktator Salazar und seinen Folterknechten ausgeübt wurde, als Paula Rego jung war, von häuslicher Gewalt, sexualisierter Gewalt, struktureller Gewalt gegenüber Frauen, Minderheiten und Außenseitern jeglicher Art, wie sie bis heute alltäglich ist. Und doch ist dieses künstlerische Werk, das den enormen Zeitraum von sieben Jahrzehnten umfasst, bei allem Leid und aller Bitterkeit auch durchströmt von Wärme, Humor, Liebe und einem ausgeprägten Sinn für das Groteske, das indes oft als bedrohlich ambivalent erscheint.
Paula Rego, die 1935 in Portugal geboren wurde, mit nur siebzehn Jahren nach London ging, um dort Kunst zu studieren, und im Laufe ihres Lebens zu einer der wichtigsten zeitgenössischen Künstlerinnen wurde, liebt das Spielerische und das Überraschende in der Kunst. Aber nicht selten sind ihre Spiele blutig und ihre Überraschungen böse.

Die Essener Retrospektive, mit der das Museum Folkwang nach Joan Mitchell, Nancy Spero und Helen Frankenthaler eine weitere international erfolgreiche zeitgenössische Künstlerin in den Fokus rückt, ist chronologisch aufgebaut und vermittelt einen starken Eindruck von der Lust dieser Künstlerin am Wechselspiel der Genres und Techniken. Collage, Tafelbild, Zeichnung, Radierung, Arbeiten auf Papier in Tinte oder Pastell bis hin zu den Puppen, die sie in ihren späten Jahren anfertigt – nie legt Paula Rego sich fest, immer ist sie auf der Suche nach der idealen künstlerischen Ausdrucksform für den jeweiligen Bildinhalt. Fast könnte man meinen die Künstlerin und die jeweilige Technik, die sie gewählt hat, bewegten sich auf einander zu, wie in einem Prozess einer gegenseitigen Annäherung.
Dass dieses heterogene und enorm umfangreiche Werk dennoch nicht disparat und zerrissen wirkt im steten Wechsel seiner Techniken, dürfte vor allem an der Haltung liegen, die in ihm zum Ausdruck kommt: Paula Rego verstand ihre künstlerische Arbeit allen erkennbaren autobiographischen Bezügen zum Trotz nie als Privatsache, sondern als dezidiert politisch. Sie wollte kommentieren, anklagen, Einfluss nehmen, Wirkung entfalten. „Wenn ich kann“, so erklärte sie 2009, „dann setze ich Malerei als politische Waffe ein, um Denkweisen zu verändern.“

Das deutet sich bereits in ihren frühesten Arbeiten aus den Fünfzigerjahren an, als die Schülerin die bedrückende Atmosphäre der Salazar-Diktatur in Gemälden und Radierungen festhält: Alltagsszenen aus dem „Estado Novo“, dem neuen Staat, den das faschistische Regime verspricht, in dem jedoch Gewalt und Unterdrückung herrschen. Die rabiate Radiertechnik, bei der eine spitze Nadel in eine metallische Oberfläche eindringt, erscheint ihr in jenen Jahren als ideales Medium.
Die Ausstellung „Paula Rego. The Personal and the Political“ bekennt sich zu einer explizit feministischen Perspektive, die von dem vielzitierten Glaubenssatz der Emanzipationsbewegung der frühen Siebzigerjahre ausgeht, demzufolge das Private und das Politische nicht voneinander zu trennen seien. Die Kuratorin Nadine Engel hat die etwa 130 in Essen gezeigten Werke auf zehn Gruppen verteilt und stets den politischen Bezug als Leitmotiv im Blick behalten. Indem sie das Private in zehn Kategorien unterteilt – das Private ist „gezügelt“, „rebellisch“, „grotesk“ oder „heilig“ –, unterzieht sie zwangsläufig auch das Politische einer entsprechenden Differenzierung und entspricht so Regos differenziertem Blick auf Geschlechter- und Machtverhältnisse, der nicht ideologisch, sondern offen für Widersprüche und Unwägbarkeiten war. Regos seltsame „Hundefrauen“ etwa entziehen sich jeder eindeutigen Interpretation.

Während die Zeichnung „Dogwoman“ von 1953 eine aggressive Frau mit einem Hundekörper zeigt, schlägt „Waiting for Food“ von 1994 die umgekehrte Richtung ein: Hier erscheint eine geduldig die Fütterung erwartende Frau als Sinnbild von Domestizierung und Abhängigkeit. Noch einmal anders behandelt Rego das Thema in ihrer „Girl and Dog“-Serie aus den Achtzigern, die in einem unbestimmten erotischen Kontext steht, aber auch von Machtverhältnissen zu handeln scheint, wenn etwa ein Mädchen einem Hund mit einem Rasiermesser die Kehle entlangfährt, als wollte es ihn rasieren. In solchen flächigen, oft scharf konturierten Pastellzeichnungen, mit denen Rego möglicherweise auch eine Technik rehabilitieren wollte, die früher gern weiblichen Amateuren zugeschrieben und dementsprechend häufig belächelt wurde, bleiben die Intentionen der Künstlerin ebenso wenig eindeutig wie in ihren Illustrationen von Verdi-Opern, mit denen sie in den Acgtzigerjahren erneut eine völlig andere Richtung einschlägt. Jetzt zitiert sie den Comic und die Pop-Art, und grotesk überzeichnete Figuren, wie sie ein Daumier in entlarvender Absicht einem dekadent gewordenen Bürgertum präsentierte, erscheinen bei ihr wie Fabelwesen aus einem grellen Phantasiereich, in dem Gut und Böse sich in bunte Farben hüllen.
Nach den späten, an Francis Bacon erinnernden Selbstporträts, die von der menschenverzehrenden Gewalt der Zeit und des Alters künden, nach den düsteren Radierungen, zu denen sich Paula Rego von klassischen englischen „Nursery Rhymes“ anregen ließ, nach einer von Disney-Figuren inspirierten Serie mit einem alt gewordenen Schneewittchen und stämmigen Ballerinen gelangen die Besucher in einen Raum, der Regos berühmter „Abortion“- Serie gewidmet ist, mit der sie 1998 eine Volksabstimmung in Portugal zum Schwangerschaftsabbruch begleitet hat. Wegen der Drastik der Bilder warnt nicht nur ein Hinweisschild vor ihrer möglicherweise verstörenden Wirkung, sondern auch die Ausstellungsarchitektur gibt dem Besucher buchstäblich die Möglichkeit, einen Bogen um die Serie zu machen, mit der Paula Rego den öffentlichen Diskurs in Portugal beeinflusst haben soll.
Die Bilder zeigen Frauen in kargen Räumen, nicht im Krankenhaus, sondern in privaten Unterkünften, wo sie hilflos, verzweifelt oder resigniert bis zur Apathie dem Eingriff entgegensehen. Es sind Dokumente der Trostlosigkeit, entstanden an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. Paula Rego, deren erste Einzelausstellung sechs Jahrzehnte zurückliegt, starb 2022 in ihrer englischen Wahlheimat.
Paula Rego. The Personal and the Political. Museum Folkwang, Essen; bis 7. September. Der Katalog kostet 34 Euro.
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