Pest-Massengrab bei Erfurt aufgespürt

Pest-Massengrab bei Erfurt aufgespürt

Der „Schwarze Tod“ war eine der schlimmsten Seuchen der Menschheitsgeschichte und wütete auch in Mitteleuropa. Jetzt haben Archäologen bei Erfurt eines der wenigen bekannten Massengräber von Pesttoten aus dieser Zeit aufgespürt – ein Areal mit zahlreichen Knochenfragmenten aus der Mitte des 14. Jahrhunderts. Es ist der erste durch gezielte Suche entdeckte Fund eines solchen Pest-Massengrabs in Europa. Der Fund bietet nun die Chance, mehr über die mittelalterliche Pest, ihre Folgen und die Betroffenen in dieser Region zu erfahren.

Der „Schwarze Tod“ war eine der schlimmsten Seuchen der Menschheitsgeschichte. Der in Zentralasien entstandene Erreger Yersinia pestis wurde durch Getreideimporte per Schiff in den Mittelmeerraum eingeschleppt und breitete sich ab 1346 von den dortigen Hafenstädten aus rapide über Europa aus. In den Folgejahren fiel dieser Pestepidemie rund die Hälfte der Bevölkerung im mittelalterlichen Europa zum Opfer. In vielen Orten starben so viele Menschen, dass die örtlichen Friedhöfe zu klein wurden und die Pestopfer in Massengräbern bestattet werden mussten.

Von solchen Pest-Massengräbern berichten zahlreiche historische Aufzeichnungen, doch nur wenige dieser Totengruben wurden bislang gefunden. „Unseres Wissens nach gibt es bisher weniger als zehn Massengräber in Europa, für die archäologische und historische Belege eine präzise Datierung und einen positiven Nachweis von Yersinia pestis ermöglichten“, berichten Michael Hein von der Universität Leipzig und seine Kollegen. Das am besten untersuchte Pest-Massengrab liege im Londoner East Smithfield, weitere anderen Teilen Englands und in Frankreich. In Deutschland sind mittelalterliche Massengräber aus Lübeck und Manching in Bayern bekannt, allerdings sind bei diesen entweder die Datierung unsicher oder die Todesursachen, wie das Team erklärt.

Bohrung
Sedimentbohrungen auf der Suche nach dem mittelalterliches Pest-Massengrab bei Erfurt. © Miriam Posselt

Tausende Pesttote auch im mittelalterlichen Erfurt

Jetzt ist es Hein und seinen Kollegen gelungen, ein weiteres Pest-Massengrab aufzuspüren – bei Erfurt. Die Stadt liegt in einer der östlichsten Regionen, in denen die mittelalterliche Pestepidemie grassierte. Zeitgenössische Chroniken berichten, dass während des Ausbruchs von 1350 rund 12.000 Menschen an der Pest starben. „Die meisten dieser Pestopfer wurden in elf Gruben im Friedhof von Neuses begraben, einem Dorf einige Kilometer außerhalb der Stadt Erfurt“, berichten die Forschenden. Die genaue Lage dieser Massengräber war jedoch bislang unbekannt.

Hein und sein Team haben sich daher mithilfe eines interdisziplinären Ansatzes auf die Suche nach diesen Pest-Massengräbern gemacht. Sie werteten dafür historische Quellen aus und nutzten dann geophysikalische Messungen, um in den identifizierten Gebieten unter anderem mithilfe der Bodenleitfähigkeit und Sedimentbohrungen nach den mittelalterlichen Totengruben zu suchen. Im Fokus lag dabei das schon seit langem aufgegebene Dorf Neuses, in der den Aufzeichnungen zufolge die Gräber liegen sollten.

Knochenreste und durchwühlte Erde

Tatsächlich stießen die Archäologen in der Wüstung Neuses auf eine 10 mal 15 Meter große Fläche, in der der Untergrund auffällig durchgemischt war und besonders viel organisches Material sowie Fragmente menschlicher Knochen enthielt. Radiokarbonanalysen ergaben, dass diese Überreste aus dem 14. Jahrhundert stammen – und damit aus der Zeit der Pest. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass wir eines der in den Chroniken beschriebenen Pestmassengräber von Erfurt eindeutig lokalisiert haben“, sagt Hein. Der Fund sei das erste durch systematische Suche gefundene Pest-Massengrab in Europa.

Das neu entdeckte Massengrab liegt am Talrand des Flusses Gera im trockeneren Schwarzerde-Bereich. Der feuchte Auenboden unmittelbar am Fluss wurde damals offenbar als ungeeignet für die Beisetzung empfunden – möglicherweise, weil Zersetzungsprozesse in nassen Standorten langsamer ablaufen. „Das entspricht nicht nur modernen Erkenntnissen, sondern auch der mittelalterlichen ‚Miasma‘-Theorie, die besagt, dass Krankheiten von ‚schlechter Luft‘ oder Dämpfen verbreitet werden, welche von verrottendem organischem Material ausgehen“, erklärt Co-Autor Martin Bauch vom Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO). Auf den feuchten Standorten wäre die Seuche daher nach damaligen Vorstellungen weniger gut einzudämmen gewesen.

Wichtiger Einblick in die Ära des Schwarzen Todes

„Dieser Fund ist nicht nur archäologisch und historisch bedeutsam. Es hilft uns zu verstehen, wie Gesellschaften mit massenhaften Todesfällen umgehen und wie moderne, interdisziplinäre Forschung helfen kann, die Standorte von Massengräbern zu lokalisieren“, sagt Seniorautor Christoph Zielhofer von der Universität Leipzig. Gleichzeitig unterstreiche dies, wie sinnvoll die Kombination geophysikalischer und archäologischer Methoden für die Erforschung dieser Ära sei. Das bei Erfurt entdeckte Pestgrab eröffnet nun die Chance, durch genetische und anthropologische Analysen der menschlichen Überreste mehr über die Pest in Mitteleuropa, ihre Todesopfer und die Evolution des Erregers Yersinia pestis zu erfahren. Gleichzeitig liefert der Fund einen weiteren Einblick in die mittelalterlichen Geschichte Erfurts.

Quelle: Universität Leipzig; Fachartikel: PLOS One, doi: 10.1371/journal.pone.0337410

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