#Pestizide auch fernab aller Felder

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Landwirte verteilen Pestizide zwar gezielt auf Nutzflächen, die Spritzmittel landen jedoch auch weit abseits der Felder, wie eine neue Studie bestätigt. Im Oberrheingraben haben Forschende die Chemikalien auf allen untersuchten Flächen nachgewiesen, von der Tiefebene bis in die Höhenlagen des Schwarzwalds und Pfälzerwalds. Demnach ist unsere gesamte Landschaft mit Pestiziden kontaminiert, inklusive Naturschutzgebieten. Das ist nicht nur umwelt-, sondern auch gesundschädlich – besonders für die Landwirte, aber auch für Spaziergänger, Parkbesucher und Gartenbesitzer.
Seit den 1970er Jahren setzen konventionelle Landwirte chemisch-synthetische Pestizide ein, um Schädlingsinsekten, Unkräuter und Pilzkrankheiten auf ihren Nutzflächen zu bekämpfen. Dabei kombinieren sie häufig verschiedene Wirkstoffe und spritzen ihre Äcker, Obstplantagen und Weinberge mehrfach pro Jahr. Durch diese intensive Nutzung werden zunehmend auch angrenzende Bereiche, die nicht direkt besprüht werden, über die Luft und den Regen chronisch mit Insektiziden, Herbiziden und Fungiziden belastet. Betroffen sind unbeabsichtigt auch Flächen wie Hecken, Feldsäume oder Wiesen. Doch wie weit verteilen sich die Chemikalien in der Umwelt?

Alle Flächen sind kontaminiert
Um das herauszufinden, hat ein Team um Ken Mauser von der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität (RPTU) Kaiserslautern-Landau nun untersucht, wie stark die Oberrheinische Tiefebene mit Pestiziden belastet ist. Diese süddeutsche Agrarlandschaft erstreckt sich auf etwa 300 Kilometern zwischen Bingen und Basel. Das Klima eignet sich dort besonders gut für Getreide, Gemüse, Wein und Obst. Für ihre Studie nahmen die Forschenden während der Spritzsaison im Juni und Juli systematisch Proben von 78 Standorten in sechs Regionen. Diese reichten von den angrenzenden Mittelgebirgsregionen bis in die Tiefebene. Mauser und seine Kollegen nahmen Boden-, Pflanzen- und Wasserproben und analysierten sie auf Rückstände von 93 gängigen Pestiziden. Mithilfe geostatistischer Analysen ermittelten sie daraus, wie sich die Substanzen im gesamten Untersuchungsgebiet verteilen.
Das Ergebnis: Nahezu alle Messstandorte am Oberrhein waren belastet. In 97 Prozent der Boden- und Vegetationsproben sowie 83 Prozent der Wasserproben fanden die Forschenden Pestizid-Rückstände, auch mehrere hundert Meter von landwirtschaftlichen, gespritzten Anbauflächen entfernt. Blühstreifen, Hecken und angrenzendes Grünland waren ebenso kontaminiert wie ausgewiesene Naturschutzgebiete oder Nationalparks im Schwarzwald und Pfälzerwald. Selbst vermeintlich abgelegene Gebiete sind demnach nicht frei von Pestiziden. „Unsere Ergebnisse sind eindeutig: Pestizide verbreiten sich weit über Felder hinaus“, konstatiert Mauser.
Die Pestizidbelastung gefährdet somit viele Tiere und Pflanzen, selbst geschützte Arten, und untergräbt die Bemühungen zum Schutz der Biodiversität. Das ermittelte Ausmaß ist aber auch für uns bedenklich, denn Pestizide können gesundheitsschädlich sein und unter anderem Krebs sowie neurologische und Hauterkrankungen hervorrufen. Besonders gefährdet sind die Landwirte selbst, die direkten Kontakt mit den Chemikalien haben. „Parkinson durch Pestizide“ ist inzwischen als Berufskrankheit im Weinbau anerkannt. Aber auch für andere Menschen sind Pestizide eine Gefahr, besonders für Kinder, Schwangere und ältere Menschen. „Das ist mehr als ein landwirtschaftliches Problem – es ist eine Realität, die uns alle betrifft. Pestizide können uns beim Spazierengehen, auf Spielplätzen oder im eigenen Garten begegnen“, erklärt Mauser.

Gefahr fürs Grundwasser und durch Kombi-Effekte?
Eines der am häufigsten nachgewiesenen Pestizide war Fluopyram, welches die Forschenden in über 90 Prozent aller Proben fanden. Das Fungizid wird als PFAS eingestuft und gehört damit zu den umweltschädlichen Ewigkeitschemikalien, deren Abbauprodukte auch das Grundwasser verunreinigen können. Ob Fluopyram die Trinkwasserressourcen im Oberrheingraben kontaminiert, ist noch nicht untersucht worden. Dass sie die Substanz in nahezu allen Proben an der Oberfläche nachgewiesen haben, halten die Umweltwissenschaftler jedoch für äußerst bedenklich für die Anwohner.
In vielen Proben fanden Mauser und seine Kollegen zudem komplexe Mischungen aus mehreren Wirkstoffen. Bodenproben enthielten durchschnittlich fünf Pestizide, Vegetationsproben sechs und das Wasser war im Mittel mit zehn Substanzen belastet. Besonders intensiv genutzte Weinbau-Regionen wie die Südpfalz und der Kaiserstuhl wiesen zehn bis 20 Pestizide in Boden und Vegetation auf. Insgesamt wiesen die Forschenden 63 Chemikalien nach, in 140 verschiedenen Kombinationen aus mindestens zwei Wirkstoffen. „Pestizidcocktails sind besonders problematisch, da Wechselwirkungen auftreten und sich Effekte verstärken können“, erklärt Seniorautor Carsten Brühl von der RPTU. Das gilt sowohl für unsere Gesundheit als auch die von anderen Lebewesen.
So hat ein anderes Team aus Heidelberg beispielsweise nachgewiesen, dass mit Pestizidmischungen belastete Insekten im Labor weniger als 50 Prozent ihrer normalen Eierzahl legen. Am Oberrhein fanden Mauser und sein Team nun Pestizid-Cocktails mit ähnlichen Konzentrationen, wenngleich die Täler stärker belastet waren als die Berge. „Man kann also annehmen, dass diese Mischungen durchaus Auswirkungen auf die Umwelt haben, vor allem wenn sie das ganze Jahr über vorhanden sind, wie wir in einer anderen Untersuchung zeigen konnten“, schließt Brühl. Demnach sind Pflanzen vor allem im Sommer, Böden jedoch ganzjährig und nahezu konstant stark belastet.
Pestizidreduktion gefordert
Die Studie belegt, dass Pestizide nicht nur auf landwirtschaftlichen Flächen verbleiben, sondern die gesamte Landschaft belasten. Insbesondere die „Cocktail-Belastung” und die Kontamination geschützter Gebiete sind nach Ansicht der Forschenden besorgniserregend. Die reale Belastung könnte sogar noch höher sein, da sie nur 93 der 281insgesamt in Deutschland zugelassenen Wirkstoffe getestet haben. Das Team fordert daher den Pestizideinsatz insgesamt stark zu reduzieren und die Belastung von Landschaften zu überwachen, um Mensch und Umwelt zu schützen. Zudem sollen landwirtschaftliche Chemikalien künftig nicht nur wie bisher einzeln, sondern auch als Mischungen getestet und zugelassen werden.
Notwendig seien außerdem pestizidfrei bewirtschaftete Felder als Übergangszone zwischen Landwirtschaft und Naturschutzgebieten. Landwirte, die generell pestizidfrei arbeiten wollen, sollten indes größere Nutzflächen betreiben, um negative Effekte durch die Umgebung zu vermeiden. „Jetzt ist die Politik gefragt, großflächige und effektive, pestizidfreie Ansätze zu entwickeln, zu fördern und die Transformation hin zu einer nachhaltigen Landwirtschaft entschlossen voranzutreiben“, so Mauser.
Quellen: Rheinland-Pfälzische Technische Universität Kaiserslautern-Landau; Fachartikel: Communications Earth & Environment, doi: 10.1038/s43247-025-02118-2; Scientific Reports, doi: 0.1038/s41598-024-84811-4
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