Pfizer will kein Aktionär von Biontech mehr sein

Zuletzt konnte das während der Corona-Pandemie zu Weltruhm aufgestiegene deutsche Biotechunternehmen Biontech mit einer neuen starken strategischen Partnerschaft mit dem amerikanischen Pharmakonzern Bristol Myers Squibb für seine Krebstherapien und vielversprechenden Updates aus klinischen Studien aufwarten. In Mainz stehen die Zeichen damit klar auf der großen Zukunftsvision, die man dort seit Gründung des Unternehmens im Jahr 2008 verfolgt: den Kampf gegen Krebs mit neuartigen Therapieansätzen aufzunehmen.

Nun sorgt allerdings der mögliche Rückzug von Pfizer, dem in der Pandemie und bei der Entwicklung des Covid-Impfstoffs für die Mainzer so wichtigen Partner, für Aufsehen. Der amerikanische Pharmariese hält laut Marktdaten derzeit noch einen überschaubaren Anteil von rund 1,5 Prozent an dem Mainzer Unternehmen und ist damit dessen fünftgrößter Anteilseigner. Er will sich von seinen verbliebenen Anteilen an Biontech trennen, wie der F.A.Z. in Kreisen bestätigt wird, die mit dem Vorgang vertraut sind. Das Vorhaben sieht vor, das verbliebene Anteilspaket im Rahmen eines sogenannten Block Trades zu veräußern. Als Angebotspreis seien 108 bis 111,70 Dollar je American Depositary Receipt (ADR) vorgesehen – das sind jene Hinterlegungsscheine, in denen die an der US-Technologiebörse Nasdaq gelisteten Biontech-Aktien gehandelt werden. Die US-Investmentbank JP Morgan Chase begleite die Platzierung. Die Nachrichtenagentur Bloomberg, die als Erste über den Plan berichtet hatte, nennt als Zahl 4,55 Millionen ADRs von Biontech und einen Abschlag von bis zu 3,3 Prozent auf den Schlusskurs am Mittwoch.

Biontech bekräftigt Zusammenarbeit

Biontech nahm nicht konkret Stellung. „Die Zusammenarbeit zwischen Biontech und Pfizer bleibt unverändert – wir pflegen weiterhin eine enge und starke Kollaboration“, teilte eine Sprecherin schriftlich mit, ohne auf die Vorgänge um das Aktienpaket einzugehen. Pfizer und JP Morgan lehnten einen Kommentar ab. Die Verkaufspläne sorgten am Donnerstag bereits vorbörslich für deutliche Turbulenzen an den Märkten. Im Frankfurter Handel verloren die Biontech-Aktien am Vormittag zeitweise mehr als fünf Prozent an Wert. Denn wer an Biontech denkt, erinnert sich unweigerlich an die enge Zusammenarbeit des damals noch weitgehend unbekannten deutschen Biotechs mit dem amerikanischen Pharmagiganten. Diese Partnerschaft brachte dem Mainzer Impfstoffansatz auf Basis der damals neuartigen mRNA-Technologie entscheidende Expertise und Unterstützung, sodass 2020 mit Comirnaty der erste wirksame mRNA-Impfstoff auf den Markt kam. Teil der damaligen Vereinbarung war auch eine Kapitalbeteiligung von Pfizer an Biontech.

Die Pandemie liegt inzwischen zwar einige Zeit zurück, doch das weiterhin gemeinsam betriebene Impfstoffgeschäft mit den saisonal angepassten Corona-Vakzinen trägt nach wie vor zu den Umsätzen in Mainz und New York bei – auch wenn die Milliardenströme versiegt sind. Was bedeutet es also, wenn sich der langjährige Unterstützer nun aus seinem Investment zurückzieht? Und das ausgerechnet in einer Phase, in der Biontech im kommenden Jahr sein erstes Krebsmedikament in den USA auf den Markt bringen will – ein wichtiger strategischer Schritt auf dem Weg zu einem Multiproduktanbieter, wie es das Unternehmen bis zum Ende der Dekade anstrebt.

Unsicherheit unter Marktteilnehmern

Die ersten Kursreaktionen lassen auf Unsicherheit unter den Marktteilnehmern schließen. Doch ist diese Sorge tatsächlich begründet? Für Markus Manns, Portfoliomanager und Pharmafachmann bei Union Investment, lässt der Verkauf der Anteile keine Rückschlüsse auf die Attraktivität oder Unattraktivität der Biontech-Aktie zu, wie er der F.A.Z. sagt. Pfizer habe den Aktienanteil auf dem Höhepunkt der Pandemie als strategisches Investment erworben. Nach der erfolgreichen Bekämpfung der Pandemie sei daraus eine reine Finanzbeteiligung geworden, von der sich Pfizer nun trennt, erklärt der Fachmann. Der Schritt zeige lediglich, dass Pfizer kein Interesse an einer Übernahme von Biontech habe – was ohnehin nie zur Debatte stand. Zudem verweist Manns darauf, dass Pharmaunternehmen keine Investmentfirmen seien und sich regelmäßig von nicht-strategischen Investments trennten, da das Geld meistens sinnvoller in Forschung und Entwicklung oder Dividenden investiert werden könne.

Dass es sich bei dem Verkauf durch Pfizer um einen „normale Markttrade“ handelt, ist auch anderswo zu hören. Sollte Pfizer die Biontech-Anteile am oberen Ende der Preisspanne veräußern, könnten rund 508 Millionen Dollar in die Kasse des Konzerns fließen – und dieses Geld wird gebraucht. Erst in der vergangenen Woche hatte Pfizer den Bieterwettstreit um das vielversprechende Adipositas-Start-up Metsera gegen den dänischen Abnehmspritzenkönig Novo Nordisk für sich entschieden und übernimmt das Unternehmen für zehn Milliarden Dollar. Mit diesem strategischen Schritt will der amerikanische Pharmakonzern auch die rückläufigen Umsätze aus dem Covid-Geschäft auffangen.

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