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In der WG dachten wir, Pilze könnten unser Ding werden. Wir dachten, wir müssten mal ausbrechen aus unserem urbanen Umfeld. Ich hatte ein klares Bild vor Augen: friedlich im herbstlichen Wald rumstromern, in einem rustikal-teuren Look wie die Queen in Schottland. Unsere Vorbereitung beschränkte sich aufs Bildergucken in ein paar Pilzbestimmungsbüchern aus der Stadtbibliothek. Am großen Tag kochten wir eine Thermoskanne dampfenden Tee.
Mit einem minikleinen Teil-Auto tuckerten wir in die Dübener Heide, nördlich von Leipzig. Der Flitzer sah auf dem Feldweg so falsch aus, wie ich mich im Wald fühlte. Es dauerte eine Weile, bis ich die Gedanken an heimtückische Zecken und angriffslustige Wildsäue ablegen konnte. Ich war selbst als „Frischling“ jedes Jahr im Waldkindergarten, und Wildschweine hatte ich nie gesehen – Pilze aber auch nicht.

Vielleicht lag es an der Heide, wahrscheinlich aber eher daran, dass diesmal alle Sinne auf Fungus gestellt waren. Denn sie waren überall. Unseren Büchern nach vermutlich: Maronenröhrlinge und Schopftintlinge, Steinpilze, Täublinge und Milchlinge. Direkt am Waldrand stand lehrbuchhaft eine Herde riesiger Schnitzelpilze. Wir waren aufgeregt wie Kinder und sammelten erst einmal kategorisch alles. Immer wieder schallte Begeisterung durchs Geäst: Schaut mal, wie krass der aussieht! Hier sind ganz viele! Alter, ist der groß!
Pilze sind mächtig verschlagen
Mit der Zeit wurden wir wählerischer. Man konnte sich in dem Waldstück recht schnell einen Eindruck darüber verschaffen, welche Schwammerl wirklich besonders waren, mit grellen Farben oder krassen Kurven. Einen Fliegenpilz hätten wir wohl alle noch identifiziert, aber die Bücher zeigten: Pilze sind mächtig verschlagen. Überall stehen giftige Doppelgänger herum, die nur darauf warten, dass eine Stadtpflanze an ihnen krepiert. Das war uns aber erst einmal egal. Wir machten sogar eine kleine Herausforderung daraus, einen so richtig giftigen zu ernten und so dem Pilztod ins Gesicht zu lachen. Wenn ein Pilz in einem unserer Bücher als „schmackhaft“ gelistet war, freuten wir uns umso mehr. Denn unsere gesammelten Werke sollten in einer phänomenalen Pilzpfanne gipfeln.
Damit unsere selbst geerntete nicht auch die letzte Pilzpfanne unseres Lebens werden würde, gingen wir zur städtischen Pilzberatung. Das war lustig, aber auch ein bisschen peinlich. Wir hatten viel gesammelt, was uns zwar nicht umbringen, aber auch nicht stärker machen würde. Die Pilze waren alt, angefressen oder ungenießbar. „Gestern sahen die alle noch fitter aus . . .!“, versuchten wir schwach unsere Schirmlinge zu verteidigen. Die Berater waren nicht beeindruckt; viele Pilze landeten direkt dort auf einem Müllhaufen. Ein Blick von ihnen entblößte die Doppelgänger und konnte zwischen „lecker“ und „aua“ unterscheiden.
Die Pilze, die wir mit nach Hause nehmen durften, gab es, in Sahne treibend, am Abend. Die Pilzpfanne schmeckte, wenn überhaupt, „okay“. Vor allem erdig. Und: Bei allem Vertrauen in die Berater – uns hemmte die Angst vor den Vergiftungssymptomen, mit denen die Bestimmungsbücher den Unvorsichtigen drohten. Die Lektion am Ende: Pilze sammeln macht Spaß, aber wer sie essen will, braucht Wissen, Erfahrung und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.
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