Pizza-Connection: Im Keller der halbwilden Pioniere

Pizza-Connection: Im Keller der halbwilden Pioniere

Giorgio führte die konspirativen Gäste in die Küche, wo sein Bruder Francesco kochte. Von dort ging es ins Hintertreppenhaus, hinab in den Keller, unter Neonröhren, vorbei an gestapelten Getränkekisten, zu einer Holztür, hinter der sich der Weinkeller verbarg.

Vor den Regalen stand ein langer Tisch, den die Gastronomenbrüder vom Vater geerbt hatten. Eigentlich wurde der Raum nur für Weinproben genutzt, aber zwei junge Abgeordnete hatten Giorgio und Francesco überredet, das Versteck für politische Zwecke herzugeben. Sie versprachen guten Umsatz, und sie hielten ihr Versprechen.

Die beiden Scouts hießen Hermann Gröhe und Matthias Berninger. Beide waren kurz zuvor in den Bundestag gewählt worden, der Erste für die CDU, der Zweite für die Grünen. Sie kannten sich von Wahlkampfveranstaltungen für Nachwuchspolitiker aller Parteien. Gröhe, der später zum Gesundheitsminister aufsteigen sollte, war damals 34 Jahre alt. Berninger, später Staatssekretär und heute Unternehmensmanager in Washington, war zehn Jahre jünger. Fast alle Jahrgänge, die dann im Restaurant „Sassella“ erschienen, sortierten sich dazwischen ein.

Im Weinkeller des italienischen Restaurants Sassella 2008 in Bonn: Es giilt als die Keimzelle aller schwarz-grünen Kooperationen, auch „Pizza-Connection“ genannt. In der zweiten Hälfte des Jahres 1995 traf sich dort eine Schar junger CDU- und Grünen-Abgeordneter.
Im Weinkeller des italienischen Restaurants Sassella 2008 in Bonn: Es giilt als die Keimzelle aller schwarz-grünen Kooperationen, auch „Pizza-Connection“ genannt. In der zweiten Hälfte des Jahres 1995 traf sich dort eine Schar junger CDU- und Grünen-Abgeordneter.Picture Alliance

„Man sollte den Kerlen mit der Heckenschere…“

Die ersten Treffen im Jahr 1995, die alle vier bis sechs Wochen abgehalten wurden, blieben weitgehend geheim. Auch der Name, unter dem die Gruppe später bekannt werden sollte, kursierte noch nicht. Auf den Begriff „Pizza-Connection“ wären die Anwesenden schon deshalb nicht gekommen, weil es im „Sassella“ keine Pizza gab (und es die auf feinere Küche spezialisierten Brüder schwer beleidigt hätte). Die schwarz-grüne Runde – etwa ein Dutzend Abgeordnete – bestellte Antipasti, die in großen Schalen auf den Tisch gestellt wurden, und Pasta für den zweiten Hunger.

Den Begriff der „Pizza-Connection“ mit seiner beabsichtigten Mafiakonnotation prägte der damalige CSU-Generalsekretär Bernd Protzner. Es wurde aber auch derber in der (damals noch weit rechts von der CDU stehenden) CSU über die schwarz-grüne Annäherung gelästert. „Man sollte den Kerlen mit der Heckenschere die Eier abschneiden“, habe einmal einer aus dem Schutz der CSU-Landesgruppe heraus gerufen, erinnert sich Andreas Krautscheid, CDU-Teilnehmer der ersten Stunde und heute Bankenlobbyist.

Als die CSU auf die Gruppe eindrosch, war sie bereits „aufgeflogen“, was wiederum mit einem dummen Zufall zusammenhing. Helmut Kohl regierte damals, und auch wenn er berühmt dafür war, ausländische Gäste mit Pfälzer Saumagen zu quälen, bevorzugte er privat „den Italiener“. Sein Stammlokal lag auf dem Godesberger Heiderhof und hieß „Cäcilienhöhe“. Aber was die Jungen nicht wissen konnten: Kohl hatte spitzbekommen, dass auch im neuen „Sassella“ exzellent gekocht wurde, und sich einen Tisch reservieren lassen, direkt an der Küche.

Dort dinierte er spät – vor ihm der übliche Teller Carbonara und wie immer die Stoffserviette am Hemdkragen befestigt – mit seiner Büroleiterin Juliane Weber und seinem Medienmann Andreas Fritzenkötter, als die jungen Abgeordneten lachend aus der Küche torkelten. Kohl blickte auf, ließ das Besteck sinken und sagte . . . nichts. „Ich glaube, er dachte in dem Moment: Lass sie ruhig mal machen, wer weiß, wofür es gut ist“, sagt Krautscheid. (Für den historischen Feinschmecker sei festgehalten, dass sich andere Teilnehmer nicht an Kohl, sondern nur an Weber und Fritzenkötter erinnern.)

Bundeskanzler Helmut Kohl und der Bundesvorsitzende der Jungen Union, Hermann Gröhe, in bester Launer beim Bochumer Deutschlandtag der Jungen Union im Jahr 1993. Zwei Jahre später gründete Gröhe die „Pizza-Connection“ und ging als „Junger Wilder“ auf Distanz zum CDU-Chef.
Bundeskanzler Helmut Kohl und der Bundesvorsitzende der Jungen Union, Hermann Gröhe, in bester Launer beim Bochumer Deutschlandtag der Jungen Union im Jahr 1993. Zwei Jahre später gründete Gröhe die „Pizza-Connection“ und ging als „Junger Wilder“ auf Distanz zum CDU-Chef.Picture Alliance

Nach der – so oder so – irritierenden Begegnung entschied sich die „Sassella“-Gruppe spontan für einen Absacker in „Breuers Nachtcafé“, dem einzigen offenen Laden um diese Zeit. Dort erlebte sie abermals, wie klein die Bonner Welt war, denn an der langen Bar saß der Patron der Grünen, Joschka Fischer, und beriet einen Düsseldorfer Parteifreund bei den ersten Koalitionsverhandlungen mit der SPD.

Auch Fischer staunte nicht schlecht, aber der damals wortgewaltigste Kritiker Kohls, der ihm nicht nur in Machtfragen ähnlich war, reagierte wie der Kanzler: stumm. Er wird ähnliche Gedanken gehabt haben, vermutet Berninger: Zwar habe Fischer unbeirrt auf Rot-Grün gesetzt und „bei der CDU an Stahlhelm und Dregger gedacht“ – aber würde es der Partei wirklich schaden, wenn sie sich politisch offen präsentiert?

Die Lage in Bonn war ein bisschen ähnlich und doch sehr anders als dreißig Jahre später in Berlin. Es gab, wie heute, ein ausgeprägtes Lagerdenken: Die „Sozen“ und erst recht die (anfangs noch vom Verfassungsschutz beobachteten) Grünen wurden von der Union als erbitterte Gegner betrachtet – und umgekehrt. Andererseits waren die Fronten nicht ganz so verhärtet wie heute zwischen den „Parteien der Mitte“ und den Neuen von der AfD.

„Da saßen Leute, die aussahen wir wir, mit Anzug.“

Erste Gemeinsamkeiten hatten die „Sassella“-Teilnehmer schon ein paar Monate zuvor entdeckt, im November 1994. Damals waren die Abgeordneten zur konstituierenden Sitzung im Berliner Reichstag zusammengetreten, und als die jungen CDUler die Gleichaltrigen in der Grünen-Fraktion musterten, erlebten sie eine Überraschung. „Neben den üblichen Strickpullovern saßen da Leute, die aussahen wie wir, mit Anzug“, erinnert sich Krautscheid. Rasch erfuhr man, dass viele aus CDU-Elternhäusern kamen, über ähnliche Witze lachten und dieselbe Musik hörten.

„Da war erst mal keine politisch-programmatische Annäherung, sondern eine kulturelle“, bilanziert Krautscheid. Bemerkenswerterweise gab es das nicht mit den jungen Sozialdemokraten, die schon damals aus einer anderen Welt zu kommen schienen. Mit ihnen, sagt der heutige Bayer-Manager Berninger, habe „die Chemie einfach nicht gestimmt“.

Während die jungen Grünen ihre Partei näher ans bürgerliche Lager führen wollten, versuchten die jungen Christdemokraten, die Altvorderen für Themen zu öffnen, die damals zukunftsträchtig schienen – und nahmen damit die Linksverschiebung der Union unter Angela Merkel vorweg. Rasch wurden sie zu „Jungen Wilden“ erklärt, weil sie das Staatsbürgerschaftsrecht verändern wollten und Themen wie Menschenrechte und Klimaschutz ernster nahmen als die Alten in der Union.

Nähe zum realpolitischen Flügel der grünen Partei gab es auch beim Thema Rente. Doch keinmal nutzten sie die Möglichkeit, mit ihren Stimmen ein Gesetz zu verhindern; darin ähnelten sie den „Unionswilden“ von heute, die ebenfalls in der Rentenpolitik abweichen, sich aber noch immer auf Linie bringen ließen.

Der Grüne Matthias Berninger (rechts), Co-Gründer der „Pizza-Connection“, hier unter den kritischen Blicken des grünen Fraktionschefs Rezzo Schlauch im Juni 1999 in Bonn.
Der Grüne Matthias Berninger (rechts), Co-Gründer der „Pizza-Connection“, hier unter den kritischen Blicken des grünen Fraktionschefs Rezzo Schlauch im Juni 1999 in Bonn.Picture Alliance

Nur einmal fügten die jungen CDUler im Verbund mit den Grünen (aber auch mit Sozialdemokraten und dem Liberalen Otto Graf Lambsdorff) der schwarz-gelben Regierung eine Abstimmungsniederlage zu. Und selbst diese kam mit Ansage daher. Im November 1995 war Außenminister Klaus Kinkel wegen einer Einladung an den iranischen Außenminister unter Druck geraten, weil Teheran den Mord an Yitzhak Rabin als Strafe Gottes bejubelt hatte.

Grüne und SPD forderten in einem Entschließungsantrag, den Iraner auszuladen, was auf Sympathien bei den jungen Wilden stieß. Einer von ihnen ging zu Fraktionschef Wolfgang Schäuble und sagte: Wir müssen einen eigenen Antrag ähnlichen Inhalts einbringen, wenn wir nicht überstimmt werden wollen. Schäuble nickte nur, und der unerfahrene Emissär wusste nicht, ob Schäuble verstanden hatte und nun alles Nötige in die Wege leiten würde, oder ob er ausdrücken wollte, dass es schon so in Ordnung sei. Am Ende gab es keinen eigenen Antrag, der Oppositionsvorstoß ging durch, Kinkel tobte, Kohl beruhigte ihn – und kurz darauf waren die Wogen wieder geglättet.

Die schwarz-grünen Pioniere prägten damals weniger die Politik als die Bonner Partyszene. Sie zechten nicht nur im „Sassella“, sie begegneten sich auf den Sommerfesten der Landesvertretungen und auf privaten Festen. Ein beliebter Gast war Eckart von Klaeden, später Staatsminister im Kanzleramt, der unter allgemeinem Johlen prominente Politiker parodierte. „Ecki, mach uns noch mal den Kohl!“, war ein viel gehörter Satz.

Die Lust am Grenzüberschreitenden verband beide Seiten, und sie endete nicht beim schwarz-grünen Brückenschlag. Auf einer Party, die Cem Özdemir in seiner WG gab, wunderten sich die Gäste über einen roten Strich auf dem Boden, der den Balkon in etwa zwei gleich große Teile trennte. Özdemir (mit Familienhintergrund in der Türkei) hatte damals einen Mitbewohner mit griechischen Wurzeln, und beide inszenierten die historische Feindschaft ihrer Völker.

In den Jahren der „Pizza-Connection“ entstanden Freundschaften, Netzwerke und Karrieren. Viele wurden Staatssekretäre, Minister oder Ministerpräsidenten – darunter Peter Altmaier, Norbert Röttgen, Armin Laschet, Cem Özdemir oder Andrea Fischer. Manche sind noch heute in respektablen Ämtern, aber zur Wahrheit gehört auch, dass der politische Gipfel denen vorbehalten blieb, die sich bedeckt gehalten hatten und nie in den Keller des „Sassella“ hinabgestiegen waren: Angela Merkel und Friedrich Merz.

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