#Porträt der Historikerin Hedwig Richter

Porträt der Historikerin Hedwig Richter

Die Historikerin Hedwig Richter ist in Bad Urach aufgewachsen, einem tief protestantischen Kurort auf der Schwäbischen Alb, mit einem spätmittelalterlichen Marktplatz, dem traditionellen Schäferlauf und sinkenden Einwohnerzahlen, weil es die Jungen entweder ins nahe gelegene Stuttgart oder nach Berlin zieht.

Auch der Politiker Cem Özdemir stammt aus Bad Urach. Hedwig Richter hat sogar einiges mit ihm gemeinsam. Sie hat ihren öffentlichen Auftritt, ihre Gesten und das ausdauernde milde Lächeln perfektioniert. Sie ist zugewandt, antwortet auch auf polemische Fragen mit ungebrochenem Ernst. Fragt man Hedwig Richter nach ihrer Kindheit, antwortet sie untypisch teleologisch für eine Historikerin.

Man merkt, dass sie die Geschichte schon häufig erzählt hat. Im Rückblick scheint alles so angelegt gewesen zu sein, dass sie keine andere werden konnte als die, die sie heute ist: eine populäre Historikerin, Professorin an der Bundeswehr-Universität in München, die ein ungewöhnlich erfolgreiches Buch über das nicht gerade bestsellertaugliche Thema der deutschen Demokratie geschrieben hat, das manche Fachkollegen allerdings nicht nur für überschätzt, sondern geradezu für unwissenschaftlich halten. Aber auch das ist sie: ein Twitter-Star, eine Wissenschafts-Influencerin, die gerade ein kontroverses Manifest „für eine offene Gesellschaft“ mitverfasst hat.

Als würde man ihr beim Denken zuschauen

Hedwig Richter war die erste Frau in der Familie, die sich für ein Studium entscheiden konnte, das war in den frühen neunziger Jahren. Ihre Familie war selbst für das baden-württembergische ländliche Milieu besonders konservativ und zutiefst protestantisch. Etwa sechs Jahre war sie, als die Mutter die Bibel aus dem Regal zog. Lies, wenn du willst, sagte sie. Richter las das Alte und das Neue Testament von vorn nach hinten. Etwas später entdeckte sie die Biographie der Niederländerin Corrie ten Boom, die während der deutschen Besatzungszeit mehrere jüdische Familien versteckte. Seither fragt Richter sich, wie die Deutschen diese Verbrechen begehen konnten.

Expertin wurde Richter aber nicht für den Nationalsozialismus, sondern für das Kaiserreich, das außerhalb der historischen Forschung eher mit Autoritarismus, einem dumpfen Militarismus und einem expansiven Nationalismus in Verbindung gebracht wird. Hedwig Richter will dieses Bild verändern. Sie findet, dass das Kaiserreich auch ein Hort der emanzipativen Entwicklungen war; immerhin seien die Frauenbewegung und die Sozialdemokratie in dieser Epoche entstanden.

In der deutschen Geschichtswissenschaft ist ein differenziertes Bild der Zeit von 1871 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs längst eta­bliert. Richters Bücher aber wenden sich an eine breite Öffentlichkeit. Sie lesen sich so, als würde man Hedwig Richter selbst beim Denken zuschauen. Das wird ihr nun zum Vorwurf gemacht.

Lieblingswort „Projekt“

„Demokratie. Eine deutsche Affäre“ ist der Titel ihres Bestsellers (erschienen bei Beck). Richters Stil ist frei von Fachjargon, die Thesen dramaturgisch zugespitzt. Ihr Lieblingswort ist „Projekt“, wobei bei ihr alles zum Projekt, also zur großangelegten Unternehmung mit offenem Ausgang, werden kann. Die Emanzipation, die Sozialdemokratie, überhaupt, die Demokratie.

Die deutsche Geschichtsschreibung ist dafür bekannt, besonders nüchtern zu sein. Hedwig Richters Buch ist das Gegenteil. Im Ton einer Pop-Historiographie referiert sie die deutsche Geschichte, als wäre sie eine Netflix-Serie mit Cliffhanger und gutem Ausgang: „Es ist keine geradlinige Geschichte, deren Ende feststeht. Ganz im Gegenteil. Die Affäre geht weiter. Die nächste Staffel folgt.“

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