Potsdams Minsk widmet sich der Wohnkultur des Plattenbaus

Potsdams Minsk widmet sich der Wohnkultur des Plattenbaus

Die sieben auf Sockeln platzierten Plattenbau-Miniaturen, auf die man von oben herabblickt, ähneln sich in ihrer schlichten rechteckigen Bauweise, doch die unterschiedliche Anzahl der Stockwerke, die Gestaltung der Eingänge, die Balkonplanung verleihen den grauen Klötzen einen je eigenen Charakter. Von nahem sieht man, dass es sich um Attrappen, um bröckelnde, fensterlose Fassaden handelt.

„Grauzone“ heißt die Installation des in Berlin lebenden Künstlers Markus Draper aus dem Jahr 2015. Sie besteht aus Modellen derjenigen Wohnblocks, in denen in den Achtzigerjahren zehn ehemalige RAF-Mitglieder unter neuer Identität lebten, die ihnen die Stasi verschaffte, bis sie schließlich im Juni 1990 von der Kriminalpolizei verhaftet wurden. Die „DDR-Platte“ sei freilich ein Klischee, so Draper, wie auch die RAF. Man könne ­sagen, dass er in seiner Arbeit ein West-Klischee aufgegriffen habe, um ein Ost-Klischee zu beleuchten.

Gedacht war die Platte als Behausung des „neuen Menschen“

Einst ein Symbol des Fortschritts, entworfen als Behausung für den „neuen Menschen“ des realexistierenden Sozialismus, wird der Plattenbau nach der Wende mit Skinheads und Arbeitslosigkeit assoziiert. Heute hat man schließlich Kriegsbilder aus der Ukraine vor Augen – von russischen Drohnen und Raketen getroffene Betonbauten, die wie Kartenhäuser in sich zusammenfallen – oder auch die Musik-Clips osteuropäischer Postpunk-Bands, die mit apathischer Stimme die Tristesse des Lebens in der Peripherie besingen.

Vereint die Platte, weil es sie auch im West-Berliner Märkischen Viertel gab und in ihr auch sogenannte DDR-Fremdarbeiter aus dem noch ferneren Osten lebten? Seiichi Furuyas „Berlin-Ost“
Vereint die Platte, weil es sie auch im West-Berliner Märkischen Viertel gab und in ihr auch sogenannte DDR-Fremdarbeiter aus dem noch ferneren Osten lebten? Seiichi Furuyas „Berlin-Ost“Christine Furuya-Gössler

Dieser symbolisch vielfältigen Aufladung des Plattenbaus im Laufe der Zeit, speziell im ostdeutschen Kontext, widmet sich die am vergangenen Wochenende eröffnete die sehenswerte Schau „Wohnkomplex. Kunst und Leben im Plattenbau“ im Kunsthaus „Das Minsk“ in Potsdam. Der Kurator Kito Nedo sagte der F.A.Z. im Gespräch, ihn fasziniere beim Wohnkomplex das „Hereinragen der Architektur in eine andere Zeit“. Kürzlich habe man im Zusammenhang mit der Ausstellung von ihm wissen wollen, ob die Platte eigentlich schön sei. Er gibt sich verwundert: „Ist das wirklich die Frage?“

Hochinteressant wäre eine Statistik, in wie vielen Plattenbauwohnungen die Reichskriegsflagge hängt: Henrike Naumanns „Triangular Stories (Amnesia & Terror)“ von 2012 zeigt eine davon
Hochinteressant wäre eine Statistik, in wie vielen Plattenbauwohnungen die Reichskriegsflagge hängt: Henrike Naumanns „Triangular Stories (Amnesia & Terror)“ von 2012 zeigt eine davonJens Ziehe

Bereits in den Siebzigerjahren begann der Hallenser Künstler Uwe Pfeifer damit, das Neubaugebiet Halle-Neustadt, in dem er selbst zeitweise lebte, zu porträtieren. Insgesamt 13 Ölgemälde, inspiriert vom Stil der Neuen Sachlichkeit, zeigen geisterhaft wirkende Alltagsszenen der Satellitenstadt, die auf den meisten Bildern menschenleer erscheint. Nur auf wenigen sieht man, wie die Plattenbau-Bewohner morgens zur Arbeit eilen oder nach Feierabend auf die in Dunkelheit getauchte Betonlandschaft blicken.

Ruth Wolf-Rehfeldt schuf Betontafelbauten aus Lettern

Eindrücklich sind die ebenfalls in den Siebzigerjahren entstandenen avantgardistischen „Typewritings“ von Ruth Wolf-Rehfeldt. Handwerklich perfekt bringt die Künstlerin mit den Buchstaben, Satz- und Sonderzeichen ihrer Schreibmaschine die geometrische Wucht der Betonklötze schwarz auf weiß zu Papier. In ihren Buchstabengedichten ist der Plattenbau ein Ort der Entfremdung, die Arbeiten tragen Titel wie „Beton-Architektur‚ Sackgasse‘“ und „Kuben, Kästen, Käfige“.

Bis zur Verzweiflung steigert sich die Entfremdung in den dreißig Gemälden der Serie „Ost-Schrei“ von Sebastian Jung aus diesem Jahr. Auf Raufasertapete hat der 1987 in Jena geborene Künstler Edvard Munchs bekanntes Motiv ironisch in den ostdeutschen Wohnkomplex übertragen. In Pop-Art-Farben malt er schematisch reduzierte Köpfe vor von Recht­ecken durchzogenen Landschaften. Die Mimik variiert, wirkt aber stets verstörend – wo sich eigentlich Mund und Augen befinden sollten, klaffen Löcher.

Edvard Munch im Plattenbau: Sebastian Jungs „Ost-Schrei“, 2025
Edvard Munch im Plattenbau: Sebastian Jungs „Ost-Schrei“, 2025Sebastian Jung

Die jüngere Generation ostdeutscher Künstler ist auch durch die mit ihrer Authentizität bestechende Arbeit „Triangular Stories (Amnesia & Terror)“ von Henrike Naumann vertreten. Sie wird im kommenden Jahr gemeinsam mit Sung Tieu den deutschen Pavillon bei der Kunstbiennale in Venedig bespielen. Wie Draper setzt auch Naumann sich mit Gewalt auseinander, allerdings mit rechtsextremistischer — und sie begibt sich hierfür ins Innere der Platte zu Beginn der Neunzigerjahre. In Naumanns nachgestelltem Interieur gibt es Billigmöbel, Kuhfellmuster und Micky Maus – unschuldig, wären da nicht die Reichskriegsflagge und der Baseballschläger auf dem Teppichboden. Auf zwei Fernsehbildschirmen laufen auf VHS-Kassetten aufgezeichnete Videoarbeiten der Künstlerin, die sie im Stile von Homevideos mit Schauspielern aufgenommen hat. Eine zeigt die Naziclique der damals noch jungen Beate Zschäpe und die anderen drei Jugendlichen im Partyrausch auf Ibiza. Naumanns Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, welches Umfeld es war, das Zschäpe zur Terroristin werden ließ.

In Rostock wohnten siebzig Prozent der Bevölkerung in der Platte

In Ergänzung zur Ausstellung ist ein Katalog beim Distanz Verlag erschienen. Großformatige Abbildungen der ausgestellten Werke sind um instruktive Texte in deutscher und englischer Sprache ergänzt. So verweisen der Kurator Nedo und der Kunsthistoriker und Kulturmanager Kevin Hanschke etwa darauf, dass der Begriff „Wohnkomplex“ 1950 aus der Sowjetunion übernommen wurde. Es handele sich um eine auf 5000 Einwohner ausgelegte, in sich geschlossene Einheit, eine kleine Wohnstadt mit Geschäften, Kinderbetreuung und medizinischer Versorgung. Etwa ein Viertel der Bevölkerung der DDR wohnte laut dem Soziologen Steffen Mau „in der Platte“, in Rostock gar siebzig Prozent.

Die wunderbare Ost-Fotografin Sibylle Bergemann gelang es sogar, das Innere einer Platte zu poetisieren: „P2 (Berlin-Lichtenberg, Wohnzimmer eines Häuserblocks)“, 1981/2017
Die wunderbare Ost-Fotografin Sibylle Bergemann gelang es sogar, das Innere einer Platte zu poetisieren: „P2 (Berlin-Lichtenberg, Wohnzimmer eines Häuserblocks)“, 1981/2017Nachlass Sibylle Bergemann/OSTKREUZ

Darauf, dass „die Platte“ Jahrzehnte später verfallen und geächtet ist, verweisen die großflächigen realistischen Malereien des Ost-Berliners Christian Thoelke. Auf einer ist ein von einem Birkenwald überwuchertes DDR-Klettergerüst in bunten Farben dargestellt, auf einem anderen eine mit Graffiti besprühte, verlassene Kaufhalle.

Doch damit ist mitnichten das Ende des Wohnkomplexes besiegelt, wie zunächst scheinen mag. Schließlich ist er, wenn auch durch die Wohnungsnot zwangsläufig, wieder aktuell – und irgendwie auch ein bisschen cool – geworden.

Wohnkomplex. Kunst und Leben im Plattenbau. Im Kunsthaus Minsk Potsdam; bis 8. Februar 2026. Der Katalog kostet 34 Euro.

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