Pro und Contra: Wehrpflicht oder Berufsarmee?

Pro und Contra: Wehrpflicht oder Berufsarmee?

Die Wehrpflicht hat Deutschland schon einmal gerettet. Vor mehr als zweihundert Jahren, nachdem Napoleon das preußische Heer besiegt und Berlin besetzt hatte, war im Land der Zorn über die Besatzung von Jahr zu Jahr gewachsen. Friedrich Wilhelm III. nutzte die Stimmung und führte 1813 die allgemeine Wehrpflicht ein. Die Armee wuchs auf ein Vielfaches, und noch im selben Jahr konnte sie im Bund mit Russen und Österreichern Napoleon bei Leipzig vernichtend schlagen. Mehr als hunderttausend Mann starben auf beiden Seiten, aber die Wehrpflicht stand am Beginn des Erfolges in den deutschen Befreiungskriegen.

Heute bewährt sich die Wehrpflicht in der Ukraine. Vor der russischen Annexion der Krim hatte das Land sie abgeschafft, aber danach, 2014, führte es sie wieder ein. In den folgenden Jahren entstand durch die Rotation der Rekruten jener Grundstock von ausgebildeten Männern, ohne den es der Ukraine nie gelungen wäre, sich gegen Wladimir Putins Überfall von 2022 zu behaupten.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.



Auch in der NATO warnen die Nachrichtendienste jetzt vor russischen Angriffen. Berlin hat der Allianz deshalb versprochen, die Bundeswehr von 183.000 Soldaten auf 260.000 zu vergrößern. Eine Reserve von 200.000 soll sie ergänzen, und die schwarz-rote Koalition ringt mit der Frage, ob die Wehrpflicht wiederkehren muss.

Der private Konsum würde zurückgehen

Eines der Probleme dabei: Fachleute sagen, dass eine Wehrpflichtarmee deutlich teurer wäre, als wenn man die fehlenden Soldaten durch höheren Sold gewinnt. Das klingt aufs Erste unplausibel, denn Wehrpflichtige kosten den Staat weniger als Berufssoldaten. In einer Studie des Ifo-Institutes von 2024 aber heißt es, der Kostenvorteil durch den niedrigeren Sold der Wehrpflichtigen werde dadurch zunichtegemacht, dass die Eingezogenen in der Zeit ihres Dienstes kein Vermögen aufbauen, sich nicht fortbilden und weniger Geld ausgeben können. Außerdem zahlen sie weniger Steuern und keine Sozialbeiträge.

In einer Modellrechnung heißt es, wenn ein Viertel eines jeden Jahrgangs ein Jahr lang dient, entsteht allein durch den Rückgang des privaten Konsums ein Minus von 20 Milliarden Euro. Folgerung: „Die Anwerbung von mehr Freiwilligen mit höheren Gehältern wäre kostengünstiger als die Rückkehr zur Wehrpflicht.“

Die Männer und Frauen, die eingezogen würden, sollen künftig mehr verdienen als die 1900 Euro brutto. Aber reicht das?
Die Männer und Frauen, die eingezogen würden, sollen künftig mehr verdienen als die 1900 Euro brutto. Aber reicht das?dpa

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sieht das ähnlich. In einem Papier von 2007 heißt es, Wehrpflichtarmeen seien nicht nur teurer, sondern auch weniger kampftauglich als professionelle Streitkräfte. Berufssoldaten beherrschten wegen ihrer längeren Dienstzeit ihr Handwerk besser, sie könnten mit komplizierten Waffensystemen besser umgehen, und die Kosten für ihre Ausbildung würden länger genutzt.

Außerdem bringe eine Wehrpflicht, die wahllos für alle gilt, immer auch Männer in die Streitkräfte, die für den Dienst an der Waffe einfach nicht taugen. In einer Studie von Panu Poutvaara und Andreas Wagener heißt es prägnant: „Alle Bürger zum Militärdienst zu verpflichten ist nicht vernünftiger, als ihnen eine Arbeit als Krankenpfleger, Herzchirurgen oder Lehrer aufzuzwingen.“

Und noch einen Nachteil hat eine allgemeine Wehrpflicht: Sie ist, wie das DIW schreibt, im Kern eine „Steuer in Naturalien“ – und zwar eine, die nur von der jungen Generation bezahlt wird. Damit tragen vor allem diejenigen Jahrgänge die Last der Landesverteidigung, die in den nächsten Jahrzehnten sowieso schon für Millionen zusätzlicher Rentner aufkommen müssen. Die „Boomer“ genießen unterdessen den Ruhestand.

Bis zu 1000 verletzte oder getötete Soldaten am Tag?

Trotzdem setzt im Bundestag eine breite Mehrheit von der Union über die SPD bis zu den Grünen auf den Wehrdienst – am liebsten freiwillig, notfalls aber, wenn zu wenige Freiwillige kommen, als klassische Wehrpflicht mit der Möglichkeit zur Verweigerung aus Gewissensgründen. Das Verteidigungsministerium hat dem Kabinett einen entsprechenden Gesetzentwurf zugeleitet, und das Kabinett hat ihn an den Bundestag weitergegeben.

Warum jetzt so viele wieder auf den Wehrdienst setzen, erklärt der Grünen-Abgeordnete Anton Hofreiter so: Ohne ein System, das in kurzer Zeit Zigtausenden von Frauen und Männern eine militärische Grundausbildung gibt, hätte Deutschland „zu wenig Reserven“. Im Falle eines Krieges, wie er heute in der Ukraine tobt, müsse die Bundeswehr nämlich damit rechnen, dass bis zu 1000 Soldatinnen und Soldaten am Tag verletzt oder getötet würden. Die deutschen Streitkräfte könnten dann bei ihrer jetzigen Größe „in drei Monaten die Hälfte ihres Personals“ verlieren. „Und weil der Gegner das weiß, verringert das unsere Fähigkeit zur Abschreckung.“ Folgerung: Eine zu kleine Bundeswehr macht einen Krieg wahrscheinlicher, weil sie zum Angriff einlädt.

Fordert eine „kriegstüchtige“ Bundeswehr: Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD)
Fordert eine „kriegstüchtige“ Bundeswehr: Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD)dpa

Bei der Union sieht man das ähnlich. Der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Thomas Röwekamp von der CDU, erkennt zwar an, „dass die volkswirtschaftlichen Kosten der Wehrpflicht höher sein können als die Kosten einer Berufsarmee“, aber heute komme es nicht nur auf Sparsamkeit an. Auch Tempo sei wichtig, und weil Wehrdienstleistende kürzer dienten als Berufssoldaten, könnten „in kurzer Zeit mehr von ihnen ausgebildet werden“. Der Sprecher der Union im Ausschuss, der CSU-Abgeordnete Thomas Erndl, stimmt zu: Der geplante Wehrdienst solle die „Reserve“ schaffen, „die wir wegen der neuen Bedrohung aus Russland brauchen“.

Mit den „Reserven“ schließt sich der Kreis zum Befreiungskrieg von 1813. Als der König von Preußen damals die Wehrpflicht einführte, griff er nämlich auf ein Konzeptpapier Gerhard von Scharnhorsts zurück, der damals als „Chef des Kriegsdepartements“ so etwas wie ein Verteidigungsminister war. Es trug den Titel „Vorläufiger Entwurf der Verfassung einer Reservearmee“ und enthielt den berühmten Satz: „Alle Bewohner des Staats sind geborene Verteidiger desselben.“ Der Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer, hat ihn gerade erst in einem Interview mit der F.A.Z. zitiert.

Scharnhorst ging es damals aber nicht nur um die Reserve und ihre Zahlen. In einem anderen Papier, das er zusammen mit anderen verfasste, heißt es, die Streitkräfte, die Napoleon aus dem Land werfen sollten, müssten so organisiert sein, „dass die Regierung gleichsam mit der Nation ein Bündnis schließt, welches Zutrauen und Liebe zur Verfassung erzeugt“. Erfolg sei nur möglich, wenn es gelinge, durch Einbeziehung des gesamten Volkes in die Verteidigung den „kriegerischen Geist der Nation“ zu beleben.

Oder lieber ein Freiwilligendienst?

Das ist nicht weit entfernt von der „Kriegstüchtigkeit“, die Scharnhorsts später Amtsnachfolger, der Sozialdemokrat Boris Pistorius, heute fordert. Und wenn es bei Scharnhorst vor 200 Jahren noch hieß, nun gelte es, „das Interesse aller Familien an den Krieg zu ketten“, kommt derselbe Gedanke heute bei Röwekamp wieder: „Wir müssen erreichen, dass in Deutschland wieder an jedem Küchentisch, an jeder Kegelbahn, in jeder Schulklasse über die Landesverteidigung geredet wird“, sagt er. „Das ist der große Vorteil der Wehrpflicht.“

Beim Koalitionspartner SPD ist die Stimmungslage diffuser. Pistorius und Siemtje Möller, die wichtigste Verteidigungspolitikerin der Fraktion, geraten vor Publikum aneinander, und Möller hat die Bitte der F.A.S. um ein Gespräch höflich abgeschlagen.

Wehrpflichtige 2006 in Schwarzenborn/Hessen: Auch diesen Nachteil hat eine allgemeine Wehrpflicht - sie ist eine „Steuer in Naturalien“, die nur von der jungen Generation bezahlt wird.
Wehrpflichtige 2006 in Schwarzenborn/Hessen: Auch diesen Nachteil hat eine allgemeine Wehrpflicht – sie ist eine „Steuer in Naturalien“, die nur von der jungen Generation bezahlt wird.dpa

Auch die Grünen stecken in einer kontroversen Debatte. Eine Gruppe um den Abgeordneten Niklas Wagener will eine allgemeine Dienstpflicht, aber mit einer Wahlmöglichkeit zwischen militärischen und zivilen Verwendungen. Eine weitere Gruppe um die Sprecherin im Verteidigungsausschuss Sara Nanni schlägt dagegen einen freiwilligen Dienst vor, in dem jeder wählen könnte ob er seine Fähigkeiten der Bundeswehr, dem Zivilschutz oder etwa der Feuerwehr zur Verfügung stellen würde.

Nanni begründet die Freiwilligkeit mit dem Argument: Wer für einen verpflichtenden Dienst Menschen einziehe, die „keinen Bock haben“, könne im Fall eines Krieges sowieso nur verlieren. „Es gibt Leute, die Angst haben, es gibt Leute, die nicht wollen. Die helfen uns nicht.“ Freiwilligkeit sei am Ende dann „auch gesamtwirtschaftlich sinnvoller, als wenn man die falschen Leute in Uniformen steckt“.

Die Dienstform, die Nanni und ihre Freunde vorschlagen, unterscheidet sich in einem zentralen Punkt von den übrigen Konzepten, die heute zur Debatte stehen: Der Dienst bei den Streitkräften oder bei zivilen Organisationen soll auch älteren Semestern offenstehen. Die Bundeswehr, das Technische Hilfswerk oder das Rote Kreuz könnten dann das gesellschaftliche Reservoir von ausgebildeten Informatikern, Ärztinnen oder Lastwagenfahrern nutzen. Jeder Freiwillige hätte dabei Anspruch auf eine zusätzliche mehrmonatige Vollzeitausbildung, die später immer wieder aufgefrischt werden müsste. Damit stünde in einer Krise mehr geballte Kompetenz zur Verfügung, als wenn man nur die 18-Jährigen einzöge, die wenig mitbringen als höchstens guten Willen.

Der Sold müsste höher sein

Alle Konzepte für den künftigen Wehrdienst, ob er nun verpflichtend sein soll oder freiwillig, ähneln sich aber in einem Punkt: Die Männer und Frauen, die eingezogen würden, sollen künftig mehr verdienen als die 1900 Euro brutto, die der Staat im Rahmen des heute schon existierenden freiwilligen Wehrdienstes monatlich anbietet. Wie viel mehr, ist umstritten. Nanni von den Grünen will am meisten geben, denn nach ihrem Konzept sollen ja nicht nur Schulabgänger motiviert werden, sondern auch qualifizierte Profis mit langer Berufserfahrung.

Denen müsste für die vorgesehene mehrmonatige Grundausbildung das ausfallende Gehalt ersetzt werden, weil sich sonst kaum genügend Ingenieure oder Pilotinnen melden würden. „Kostengünstig bekomme ich das nicht“, sagt Nanni. „Aber es geht schnell, und auf diesem Weg kriegt man aus der Bevölkerung mehr Kampfkraft und Kampfwillen heraus.“ In der Koalition kalkuliert man dagegen mit kleineren Zahlen. Der gegenwärtige Kabinettsentwurf sieht vor, den Einstiegssold für Wehrdienstleistende von heute 1900 auf 2700 Euro brutto anzuheben. Das entspricht der Entlohnung eines Zeitsoldaten am Beginn seines Dienstes.

„Abstandsgebot“ zu länger Verpflichteten?

In der Unionsfraktion, die dem Entwurf der Regierung am Ende zusammen mit der SPD im Bundestag zur Mehrheit verhelfen müsste, wird noch knapper kalkuliert. Röwekamp merkt kritisch an, bei dem Sold, den das Kabinett jetzt auf Pistorius’ Vorschlag anbieten möchte, käme ein Wehrdienstleistender deutlich besser weg „als jemand, der gerade als Bankkaufmann eine Berufsausbildung beginnt“.

Erndl von der CSU gibt zu bedenken, dass Leute, die sich für eine längere Dienstzeit verpflichteten, mehr verdienen sollten als diejenigen, die nur den einfachen Wehrdienst leisten. Es gebe hier ein „Abstandsgebot“, und deshalb sollten Wehrdienstleistende künftig zwar mehr verdienen als die 1900 Euro von heute, aber dann doch auch weniger als die 2700 Euro, die Pistorius anbietet. Schließlich müsse man sicherstellen, „dass der künftige Wehrdienst aus dem Haushalt der Gegenwart finanzierbar bleibt“.

Bei dieser Debatte geht es nicht nur um ein paar Hundert Euro für jeden Rekruten. Es geht ums System. Denn je geringer der Sold ausfällt, desto weniger junge Leute werden sich melden – und desto eher müsste die Koalition gezwungen sein, am Ende statt eines freiwilligen Dienstes eine echte Wehrpflicht einzuführen. Dann aber träte ein, wovor die Ökonomen warnen: Statt die Effizienz der Freiwilligkeit zu nutzen, müsste Deutschland die Kosten eines Pflichtsystems schultern.

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