#Profitieren Haie und Rochen vom Klimawandel?

#Profitieren Haie und Rochen vom Klimawandel?

Der menschengemachte Klimawandel ist eine Herausforderung für unzählige Lebewesen. Das gilt auch für Haie und Rochen. Sie profitieren zwar von der Erderwärmung und dem Anstieg des Meeresspiegels – nicht aber vom zunehmenden CO2 in den Meeren, wie eine neue Studie zeigt. Der derzeitige Klimawandel und seine Folgen bergen demnach komplexe Gefahren für diese Knorpelfische und die mit ihnen verbundenen Ökosysteme.

Haie und Rochen zählen zu den ältesten Erdbewohnern: Sie bevölkern die Weltmeere bereits seit rund 450 Millionen Jahren. Einige ihrer evolutionären Blütezeiten erlebten diese Knorpelfische während des Jura vor 200 bis 143 Millionen Jahre und in der Kreidezeit vor 143 bis 66 Millionen Jahre. Damals profitierten sie unter anderem davon, dass ihnen ein breites Spektrum an unterschiedlichen Umweltbedingungen zur Verfügung stand. Heute umfasst diese Tiergruppe mehr als 1200 bekannte Hai- und Rochenarten. Allerdings sind derzeit mehr als ein Drittel der noch lebenden Arten akut vom Aussterben bedroht. Eine negative Wirkung auf die Vielfalt der Rochen und Haie haben beispielsweise die Überfischung und der Verlust ihres Lebensraumes durch andere menschliche Aktivitäten. Doch wie groß ist der Einfluss des aktuellen Klimawandels?

Kollage einer Auswahl fossiler Hai- und Rochenzähne
Eine Auswahl fossiler Hai- und Rochenzähne. Links: Otodus megalodon. Erste Reihe (v.l.n.r.): Palaeocarcharodon orientalis, Galeocerdo aduncus, Myliobatidae indet., Ober- und Unterkieferzahn Notorhynchus primigenius. Zweite Reihe (v.l.n.r.): Otodus obliquus, Otodus angustidens, Squalicorax pristodontus. Dritte Reihe (v.l.n.r.): Ober- und Unterkieferzahn Notidanodon loozi, Isurus oxyrinchus, Carcharodon hastalis. Zum Größenvergleich: Hand eines Erwachsenen. © Manuel A. Staggl

Das hat nun ein Forschungsteam um Manuel Staggl von der Universität Wien mit einem Blick in die Vergangenheit untersucht. Dafür analysierten die Paläobiologen die Klimaschwankungen vor 200 bis 66 Millionen Jahren und ermittelten, welche Umweltfaktoren damals die Artenvielfalt von Haien und Rochen beeinflussten. Anhand von mehr als 20.000 fossilen Hai- und Rochenzähnen bestimmten sie für die einzelnen Zeitalter die Artenvielfalt und glichen diese mit den jeweiligen Klimadaten ab. Daraus entwickelten sie dann mögliche Zukunftsszenarien für die aktuelle Klimaerwärmung.

Drei Faktoren entscheidend

Die Auswertung ergab, dass drei Umweltfaktoren entscheidend für die Hai- und Rochenvielfalt sind: Höhere Temperaturen und mehr Flachwasserbereiche wirken sich positiv aus, ein höherer CO2-Gehalt der Meere jedoch negativ. So belegen die Fossilien erstmals, dass eine höhere CO2-Konzentration und die damit verbundene Versauerung der Meere während Jura und Kreidezeit zum Aussterben von einzelnen Hai- und Rochenarten beitrug. Aber warum? „Wir können die genauen Mechanismen, die den negativen Effekt von CO2 auf die Artenvielfalt von Knorpelfischen haben, noch nicht vollständig erklären“, so Staggl. Laboruntersuchungen an heute lebenden Haien und Rochen zeigen jedoch, dass höhere CO2-Werte im Wasser schwere Folgen für den Fischstoffwechsel haben. Sie beeinflussen unter anderem die Sinne der Tiere und verändern die Skelettentwicklung der Embryos.

Da sich derzeit wieder mehr CO2 in den Ozeanen löst und diese versauern, ist der aktuelle, menschengemachte Klimawandel demnach eine große Gefahr für die Knorpelfische. Andererseits birgt der Klimawandel möglicherweise auch Chancen für Haie und Rochen, wie der Rückblick zeigt: Der Anstieg des Meeresspiegels während des Juras und der Kreidezeit führte zu einer Zunahme von flachen Küstengewässern und bot den Knochenfischen damit zusätzlichen Lebensraum. Die höheren Temperaturen führten zudem zu einer Erwärmung der Gewässer im Norden und Süden, die dadurch ganzjährig stabile Lebensbedingungen mit reichem Nahrungsangebot boten. Beides erwies sich als förderlich für die Artenvielfalt von Haien und Rochen und könnte nun erneut eintreten.

Grafik zeigt die historische Entwicklung der Artenvielfalt der Haie und Rochen
Diversitätskurve der Neoselachier (moderne Haie und Rochen und die ausgestorbenen Synechodontiformen Haie) von der Trias bis ins Holozän in Millionen Jahren. In der Kurve berücksichtigt wurden auch Faktoren, die die Artenvielfalt andernfalls über- oder unterschätzen – darunter die Wahrscheinlichkeit, ein Fossil zu finden und zu erhalten. © Manuel A. Staggl

Klimawandel schadet auch Haien und Rochen

Dennoch steht Haien und Rochen wie so vielen Lebewesen im Klimawandel wohl unter dem Strich keine goldene Zukunft bevor, wie die Forschenden betonen, Denn die aktuellen Entwicklungen unterschieden sich von früheren Klimaschwankungen: „Derzeit verändert sich die Umwelt besonders schnell – leider wahrscheinlich zu schnell für die Tiere und ihre Ökosysteme“, erklärt Staggl. Angesichts der gleichzeitigen Überfischung, des Lebensraumverlustes und des Anstiegs des CO2-Gehalts in den Meeren sei es unwahrscheinlich, dass diese Raubfische von der Erderwärmung profitieren.

Nach Einschätzung der Forschenden sind daher dringend Maßnahmen zum Schutz der Haie und Rochen erforderlich – auch um die mit ihnen verbundenen marinen Ökosysteme zu erhalten. „Denn ohne die Top-Räuber würden die Ökosysteme zusammenbrechen“, betont Seniorautor Jürgen Kriwet von der Universität Wien. „Indem wir Haie und Rochen schützen, investieren wir direkt in die Gesundheit unserer Ozeane und damit auch in die Menschen und Wirtschaftszweige, die von diesen Ökosystemen profitieren.“

Quelle: Universität Wien; Fachartikel: Biology, doi: 10.3390/biology14020142

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