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Für kurze Zeit herrscht Chaos auf dem Dach der Welt. Schwarze Rauchschwaden verdunkeln den Himmel über Kathmandu. Marodierende Horden stürmen das Parlament, setzen Regierungsgebäude und Privathäuser von Spitzenpolitikern in Brand, lassen Steine und Schläge auf Kabinettsminister hinabregnen. Nahezu live lässt sich im September der Aufstand der nepalesischen Jugend auf Plattformen wie Tiktok und Youtube mitverfolgen. Die analoge und digitale Welt sind nicht mehr klar voneinander zu trennen. Das zeigt auch der Auslöser für die Proteste der nepalesischen Generation Z: Sie lehnt sich gegen die Sperrung von 26 Onlineplattformen auf, darunter beliebten Diensten wie Facebook, Snapchat und X. Innerhalb von 48 Stunden tritt der Regierungschef zurück. Es ist einer der schnellsten Umstürze der Geschichte.
Nepals Jugend ist nicht allein. Auch in Marokko, Peru, Madagaskar und zahlreichen anderen Ländern demonstrieren 2025 junge Menschen. Die Unzufriedenheit einer Generation, die mit politischer Enttäuschung, mit Handys und sozialen Medien aufgewachsen ist, äußert sich in massiven Protesten. Die jungen Menschen haben sich im digitalen Raum gefunden, doch nun trägt sie ihre Empörung über Korruption, Ungleichheit und institutionellen Stillstand auf die Straßen. Ihr Widerstand richtet sich gegen die Privilegien politischer Eliten, drückende Lebenshaltungskosten und einen angespannten Jobmarkt.
Das Symbol der Strohhutbande
An der Spitze des Protests stehen die Aktivisten der „Gen Z“ der Geburtsjahrgänge 1997 bis 2012, die sich über Instagram, Tiktok oder das Gamer-Forum Discord mobilisieren. Sie tragen das Symbol der Strohhutbande aus der japanischen Anime-Serie „One Piece“ als ironische Flagge ihres Aufbegehrens mit sich. Die Schauplätze der Gen-Z-Proteste liegen überwiegend im „globalen Süden“, in Asien, Afrika und Südamerika. In vielen Ländern versuchen die Mächtigen erst einmal, die Proteste zu unterdrücken, sagt Johanna Raphaela Wahl, die an der Universität Oldenburg zu sozialen Bewegungen forscht. Dennoch seien einige von ihnen erfolgreich, indem sie Regierungswechsel, Rücktritte oder Änderungen von Gesetzen und Maßnahmen erreichen.
Von einem Sieg will Ravelojaonina Rufin trotzdem noch nicht sprechen. Dass es die jungen Demonstranten in Madagaskar geschafft haben, den Präsidenten zu stürzen, sei ein Triumph, schreibt der Sprecher einer Jugendorganisation per Textnachricht der F.A.Z. „Am Ziel aber sind wir erst, wenn wir ein Madagaskar haben, in dem alle Menschen in Würde leben können.“ Dann setzt er einen der Slogans der „Gen-Z-Mada“ hinzu, so heißt die Protestbewegung in Madagaskar: „Wir sind eine Generation des echten Wandels, vernetzt mit der Welt, verwurzelt in unseren Werten. Die Zukunft ist nicht morgen. Wir sind die Zukunft.“

Zu Tausenden ziehen die jungen Menschen in dem ostafrikanischen Inselstaat im September auf die Straßen und stellen sich unerschrocken der bewaffneten Staatsgewalt entgegen. Dass die Sicherheitskräfte wie schon in Nepal nicht nur mit Tränengas, sondern auch mit scharfer Munition reagieren, heizt die Wut zusätzlich an. „Wir sind eine Jugend, die keine Angst mehr hat, ihre Meinung zu sagen“, sagt Rufin. Kein Oppositionsführer und keine Oppositionspartei seien zur Mobilisierung nötig. „Wir organisieren uns selbst.“ Auch in Madagaskar vollzieht sich der Staatsstreich am Ende sehr schnell. Nach gut zwei Wochen langen Protesten stellt sich eine Militäreinheit auf die Seite der Gen Z. Präsident Andry Rajoelina flüchtet ins Ausland. Der Kommandant der Einheit, Oberst Michael Randrianirina, übernimmt die Staatsführung.
Afrika ist ein Zentrum der Proteste, nicht nur weil es sich um den ärmsten und jüngsten Kontinent handelt, auf dem die Hälfte der Bevölkerung jünger ist als 19 Jahre. „Die Unabhängigkeit afrikanischer Staaten liegt noch nicht lange zurück“, erinnert Fidel Amakeye Owusu, Gründer einer Politik- und Sicherheitsberatung in Ghana. Großenteils wurden die Regierungssysteme der einstigen Kolonialmächte übernommen. Das sicherte den Staatslenkern insbesondere im frankophonen Afrika, wo einige der ältesten und am längsten Regierenden zu finden sind, eine enorme Machtfülle, die sich über die Jahrzehnte hinweg noch verfestigte. In einigen der früheren britischen und portugiesischen Kolonien halten die Parteien, die aus den Unabhängigkeitsbewegungen hervorgegangen sind, genauso verbissen an der Macht fest und kontrollieren nahezu alle staatlichen Institutionen. Das sieht man gerade besonders in Tansania.
Wut über das Versagen
Die Proteste entzünden sich meist an einzelnen Entscheidungen oder Missständen. Sie weiten sich dann zu Aufständen gegen die Regierung, gegen Korruption und Polizeigewalt aus. In Kenia schürt ein Finanzgesetz der Regierung unter Präsident William Ruto zuerst die Wut. Es enthält Steuererhöhungen auf lebensnotwendige Güter wie Brot und Speiseöl, während Steuern auf Luxusgüter wie Hubschrauber gesenkt werden. In Madagaskar sind es Stromausfälle und chronischer Trinkwassermangel, wobei die Demonstranten Misswirtschaft in den Staatskonzernen verantwortlich machen. In die Wut über das Versagen, eine Grundversorgung bereitzustellen, mischen sich die Rufe nach „echter“ Dekolonialisierung, nach Souveränität und demokratischer Mitsprache. Bis auf wenige Ausnahmen sind aus den einstigen Kolonien keine Demokratien entstanden, die diesen Namen verdienen. In einer Umfrage in 39 afrikanischen Staaten vor einigen Jahren vertraute weniger als die Hälfte der Befragten dem Präsidenten, der Polizei und den Gerichten. Noch weniger Bürger vertrauten dem Parlament.
Nicht immer münden die Proteste in einem Umsturz wie in Madagaskar oder Nepal. Die Eruption der marokkanischen Jugend ist heftig, aber nicht von langer Dauer. Die Wut der „GenZ212“, wie sie sich in dem nordafrikanischen Land nennen (212 ist die internationale Vorwahl) entlädt sich im September nach dem Tod von acht schwangeren Frauen in einem staatlichen Krankenhaus in Agadir. Sie haben alle die Kaiserschnittoperation nicht überlebt. „Krankenhäuser statt Fußballstadien“, lautet der Schlachtruf der Demonstranten, die überall im Land auf die Straße gehen – in Anspielung auf die Vorbereitungen auf den Africa-Cup im Dezember und die Fußball-WM 2030, für die die Regierung Milliarden Euro ausgibt.

Es sind die größten landesweiten Demonstrationen seit dem Arabischen Frühling 2011, die für kurze Zeit eskalieren. Drei Demonstranten werden erschossen, als sie versuchen, eine Polizeiwache zu stürmen. Die Lage beruhigt sich bald wieder: Die Mehrheit von GenZ212 sind keine Revolutionäre und wollen keinen Umsturz. Zudem greifen Sicherheitskräfte und Justiz hart durch: Menschenrechtler berichten von bis zu tausend Festnahmen. Gerichte verhängen Freiheitsstrafen von bis zu 15 Jahren. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation AMDH laufen rund 1500 Verfahren.
Die Freilassung der Inhaftierten ist inzwischen eine der wichtigsten Forderungen der Protestbewegung in Marokko. „Die Demonstrationen sind kleiner geworden, aber es ist schwer abzuschätzen, wie sich das entwickeln wird. Im nächsten Jahr haben wir Wahlen“, sagt der Politikwissenschaftler Jamal Amiar aus Tanger, der neben den harten Urteilen noch einen weiteren Grund dafür sieht, dass es auf den Straßen wieder ruhiger geworden ist. Die Demonstranten fordern bessere Schulen und Krankenhäuser sowie den Rücktritt des Regierungschefs – aber sie sind königstreu: In mehreren Briefen wenden sie sich an Mohamed VI. Der Monarch lässt sich Zeit, aber reagiert – wie schon während der Arabellion – mit Reformen.
Über Grenzen hinweg
Die Regierung beschließt, in ihrem neuen Haushalt fast 13 Milliarden Euro mehr für Bildung und Gesundheit bereitzustellen. Zudem werden 27.000 zusätzliche Stellen im öffentlichen Dienst geschaffen. Aber die Herausforderungen, die die Gen Z auf die Straße treibt, sind viel größer und nicht mit einem einzigen Staatshaushalt zu bewältigen: Vierzig Prozent der Marokkaner sind jünger als 24 Jahre. Jeder Dritte von ihnen hat keine Arbeit. Mehr als 2,5 Millionen Menschen leben in extremer Armut, weitere drei Millionen unter sehr prekären Bedingungen. Sie drängen vom vernachlässigten Land in die immer teureren Städte. Jedes Jahr entstehen zwar rund 50.000 neue Arbeitsplätze. Aber gleichzeitig kommen viermal so viele junge Leute auf den Arbeitsmarkt. Laut Umfragen will mehr als die Hälfte der Marokkaner, die jünger als 30 Jahre sind, auswandern.
Zu den Merkmalen der Proteste gehört, wie die Angehörigen der Gen Z über Grenzen hinweg voneinander lernen. Durch die digitale Vernetzung habe eine „Globalisierung des Protestes“ stattgefunden, sagt die Wissenschaftlerin Wahl. Die Aktivisten tauschen sich über Strategien aus und bedienen sich einer ähnlichen Symbolik. Die One-Piece-Flagge, die auch schon auf Protesten in Frankreich und England aufgetaucht ist, hat ihren ersten prominenten Auftritt im Sommer in Indonesien. „Ich denke, dass die Geschichte von One Piece widerspiegelt, was in Indonesien und wahrscheinlich auch anderswo vor sich geht. So wie in der Serie über Ungerechtigkeit gesprochen wird, ist das für viele aus der Generation Z auf eine sehr leicht verständliche Weise nachvollziehbar“, sagt die indonesische Rechtswissenschaftlerin und Aktivistin Bivitri Susanti.

In Indonesien wenden sich die jungen Demonstranten zunächst gegen die Einführung neuer Wohngeldzuschüsse für Abgeordnete, die rund das Zehnfache des Mindestlohns in Jakarta betragen sollten. Die friedliche Stimmung kippt, als ein Motorradlieferant von einem Polizeifahrzeug überfahren wird und stirbt, wie Susanti berichtet. Ihr zufolge richtet sich der Unmut auch gegen den „autoritären Charakter“ der Regierung von Präsident Prabowo Subianto, unter dem noch mehr als 900 der Demonstranten in Haft sitzen. In Indonesiens kleinem Nachbarland Osttimor ist es wiederum der Plan, Abgeordneten SUVs zur Verfügung zu stellen, der die dortigen Proteste auslöst. Auf den Philippinen wenden sie sich gegen Korruption in Flutbegrenzungsprojekten.
Einen der sichtbarsten Aufstände der lateinamerikanischen Generation Z erlebt derzeit Peru. Dort ist ebenfalls im September eine weitere Protestwelle angerollt, die maßgeblich von der jungen Bevölkerung getragen wird. Auslöser war eine Rentenreform, die alle Peruaner über 18 Jahren verpflichtet, in den staatlichen Pensionsfonds einzuzahlen – in einem Land, in dem rund 70 Prozent informell arbeiten, also ohne Arbeitsvertrag und soziale Sicherheit. Hinter der Empörung über die Rentenreform steckt jedoch eine tiefe Frustration über die Korruption und den moralischen Verfall der politischen Klasse sowie die wachsende Gewalt im Land. Transportarbeiter, die von Kriminellen erpresst und ausgeraubt werden, haben sich mit Studenten zusammengeschlossen.

Im Oktober setzt das Parlament Präsidentin Dina Boluarte ab – eine Politikerin, deren Amtszeit von Repression, Skandalen und sozialer Spaltung geprägt war. Mit José Jerí übernimmt ein Politiker die Regierung, der selbst mit Korruptions- und Missbrauchsvorwürfen belastet ist. Statt eines politischen Neuanfangs folgt ein hartes Durchgreifen. Bei einer Demonstration Mitte Oktober wird ein junger Demonstrant erschossen. Jerí reagiert mit einem Protestverbot und Ausnahmezustand. Für die Generation Z ist das kein Rückzugssignal. Sie sieht in Boluartes Absetzung ihren ersten Sieg – und in Jerí den nächsten Gegner. Trotz des Ausnahmezustandes ziehen zehn Tage später erneut Tausende junge Menschen durch das Zentrum Limas, um den Rücktritt des Übergangspräsidenten Jerí sowie die Auflösung des Kongresses zu fordern.
Wie in Peru ist der Ausgang anderer Proteste noch offen. Ungeklärt ist in vielen Fällen auch, was nach ihnen folgt. Frühere Entwicklungen nach dem Arabischen Frühling, in Sri Lanka und Bangladesch haben gezeigt, wie schwer es ist, die Wut von Protesten in geregelte politische Bahnen zu lenken. In Bangladesch, das schon im Jahr 2024 seine Revolution erlebte, hat sich die Bewegung in zahlreiche Untergruppen fragmentiert. Bei der Wahl im Januar könnten Islamisten an Macht gewinnen. Vor der für März geplanten Wahl in Nepal gibt es Boykottaufrufe. In Madagaskar ist der Kurs der neuen Machthaber noch unklar. Immerhin hat der Übergangspräsident mittlerweile eine Regierung aufgestellt, der neben Angehörige der Streitkräfte auch Zivilisten angehören.
Es sei zu befürchten, dass in manchen Fällen die alten Regime durch ebenso korrupte und repressive neue ersetzt werden, warnt Wissenschaftlerin Wahl. Aber es gibt auch Beispiele, in denen der Wandel mit einiger Vorsicht vorangeht. In Kenia, wo die Proteste zur Rücknahme des Finanzgesetzes führten, lässt sich eine Weiterentwicklung der Gen-Z-Bewegung beobachten. Während die Demonstrationen auf der Straße abgeebbt sind, machen sich Aktivisten und unter ihnen viele Künstler für eine bessere Regierungsführung stark. Motiviert durch die Erfahrungen während der Protestbewegung versuchten sich jetzt viele junge Kenianer politisch zu engagieren, um Missstände zu bekämpfen und endlich bessere Lebensbedingungen zu erreichen, sagt der Politikberater Osuwu. Ein prominenter Aktivist will in den Präsidentenwahlen 2027 kandidieren.
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