Pulse sollte das Grey's Anatomy von Netflix werden – aber ist nur eine billige Kopie ohne Lebenszeichen

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Krankenhausserien bevölkern die Serienlandschaft seit vielen Jahrzehnten. Emergency Room – Die Notaufnahme konnte schon in den 1990er Jahren mit der nervenaufreibenden Operationen und Beziehungsdramen unter den Ärzt:innen die Massen bewegen, bevor Grey’s Anatomy in den 2000er Jahren das Genre beinahe im Alleingang anführte. Seitdem hat es viele Nachahmer gegeben, zahlreiche generische Kopien und wenige neue, spannende Ansätze.
Jetzt steht Netflix mit seinem ersten englischsprachigen Medical Drama in den Startlöchern – und bedient sich schmerzhaft bei Variante eins. Denn Pulse ist so durchschnittlich wie die vielen Network-Serien vor ihr.
Krankenhaus-Serie Pulse bei Netflix: Ein Hurrikan und eine geheime Affäre setzt die Ärzt:innen unter Druck
Pulse dreht sich um die junge Ärztin Dr. Danny Simms (Willa Fitzgerald), die in ihrem dritten Jahr im Maguire Medical Center in Miami vor eine schwierige Aufgabe gestellt wird: Ein Hurrikan rast auf die US-Metropole zu. Zahlreiche Patient:innen und schwere Verletzungen sind vorprogrammiert. Inmitten dieser Katastrophe wird der leitende Arzt Dr. Xander Phillips (Colin Woodell) nach einer Beschwerde suspendiert – die Simms eingereicht hat.
Denn die beiden hatten ein Verhältnis, von dem durch die Suspendierung nun die gesamte Belegschaft erfährt. Darauf vorbereitet, von ihren Kolleg:innen und Vorgesetzten geächtet zu werden, darf Danny überraschend die Nachfolge von Dr. Phillips antreten. Als leitende Ärztin muss sie die Belegschaft durch den Sturm führen und dabei das Gefühlschaos, das die Affäre ausgelöst hat, hinten anstellen.
Schaut hier einen Trailer zu Pulse:
“Eine junge Ärztin und die geheime Affäre mit ihrem Oberarzt” ist wohl die generischste Prämisse, die sich Autor:innen für ein Medical Drama aussuchen können. Ebenso wie Grey’s Anatomy in der allerersten Folge nach dem ersten One-Night-Stand von Meredith Grey (Ellen Pompeo) und Dereck Shepherd (Patrick Dempsey) einsteigt und über die kommenden Staffeln zu einer Beziehung erwachsen lässt, bildet die Romanze der beiden Hauptfiguren auch in Pulse das Fundament im Hintergrund.
Rückblenden werfen uns immer wieder zu den Anfängen der Affäre zwischen Simms und Phillips zurück, die die Puzzleteile von Folge zu Folge langsam zusammensetzen sollen. Denn zunächst ist unklar, was sich genau zwischen den beiden Kolleg:innen abgespielt hat – und was Danny schließlich zu dem Schritt trieb, offiziell Beschwerde gegen ihren Liebhaber und Chef einzureichen.
Währenddessen springt Pulse durch zahlreiche Krankheitsfälle und Verletzungen, die der Hurrikan mit sich bringt. Dabei lernen wir natürlich auch den Rest der Belegschaft des Maguire Medical kennen, die sich über den schwer von sich selbst überzeugten Dr. Tom Cole (Jack Bannon), den nachdenklichen Dr. Sam Elijah (Jessie T. Usher), Dannys unterschätzter Schwester Dr. Harper Simms (Jessy Yates) und vielen weiteren Gesichtern erstreckt.
Netflix-Serie Pulse fehlt es an Ideen und einem Interesse an ihren Figuren
Wie in jeder Ensemble-Serie braucht es da zunächst seine Zeit, die vielen verschiedenen Gesicher und Namen zuzuordnen. Wer in der Notaufnahme oder in sonstigen Abteilungen arbeitet, wer im ersten, zweiten oder dritten Assistenzjahr, als Praktikant:in oder Oberärzt:in tätig ist, war jedoch selten so verwirrend aufbereitet wie in Pulse. Was durch die vielen Flashbacks noch undurchsichtiger wird, die sich häufig kaum vom Gegenwartsgeschehen unterscheiden lassen.
Das dämpft den Fahrtwind der Serie gehörig, wenn einzelne Figuren beinahe in soapiger Bedeutungslosigkeit verschwinden und die emotionale Bindung fehlt, die wir dringend brauchen, um uns für das Gesehene zu interessieren. So plätschert selbst ein dramatischer Hurrikan nur so vor sich hin, während Danny Simms sich von Beginn an als herausragende Ärztin beweist und wir keinen Zweifel daran haben müssen, dass sie die neue Leitungsposition mit Bravour meistert.
Wo Grey’s Anatomy ihre Hauptfiguren zunächst als frisch anfangende Assistenzärzt:innen ins kalte Wasser schmeißt und ihren steinigen Weg nach oben verfolgt, fehlt in der Serie von Zoe Robyn (Hawaii Five-0) und Carlton Cuse (Lost) ein ähnlicher Spannungsbogen, der sich schließlich nur durch das Affären-Geheimnis zwischen Simms und Phillips generiert. Doch Pulse überschätzt das Interesse an dieser geheimen Romanze, der sowohl Alleinstellungsmerkmal als auch Feuer fehlt.
Herausstechen hingegen die Performances von Willa Fitzgerald, die schon in der 1. Staffel von Reacher überzeugen konnte, oder auch von Jessy Yates (Ich bin Ben), die durch ihr starkes Spiel nicht nur für Sichtbarkeit für Menschen mit Behinderungen sorgt. Es ist beinahe schade, dass die beiden in dieser Netflix-Soap untergehen müssen, der es einfach an erzählerischen wie visuellen Ideen und vor allem wirklichem Interesse an ihren Figuren fehlt.
Für alle Hardcore-Fans des Genres, die genau das suchen, was sie schon zahlreiche Male zuvor gesehen haben, ist Pulse sicherlich solide Unterhaltung, die letztendlich auch niemandem wehtut. Wer spannendere Ansätze sucht, ist mit aktuellen Vertretern wie The Pitt oder KRANK Berlin dann aber vielleicht besser bedient – oder sollte einfach die 1. Staffel von Grey’s Anatomy nochmal schauen.
Alle zehn Folgen von Pulse sind seit dem 3. April 2025 auf Netflix verfügbar. Grundlage für diesen Serien-Check waren die ersten fünf Episoden.
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