„Don’t pay the ferryman, until he gets you to the other side“, heißt es in einem Popsong von Chris de Burgh, doch einen Disput mit dem Fährmann müssen wir an diesem Tage nicht austragen. „Fähre Arnis außer Betrieb“, informiert uns ein Schild vor der Absperrkette am Anleger. In den vergangenen Tagen ist das Schiff planmäßig über die Engstelle der Schlei gefahren; warum jetzt nicht mehr und wie lange, darüber gibt es keine Auskunft. Später werden wir erfahren, dass die Stadtverwaltung offenbar vergessen hatte, eine Verlängerung des Fährzeugnisses zu beantragen. Und ohne Erlaubnis der Bürokratie funktioniert trotz einwandfreier Technik auch an der Schlei kein öffentlicher Verkehr.
Für unsere Radtour im Bereich des schmalen, rund 40 Kilometer langen Ostseearms zwischen Maasholm und Schleswig müssen wir deshalb einen Umweg von acht Kilometern einplanen. Statt der Fähre in Arnis wollen wir die Hubbrücke in Kappeln benutzen, den letzten Übergang in Richtung Ostsee. Doch prompt steht dort für uns die Ampel auf Rot. Denn einmal pro Stunde wird die Fahrbahn der Brücke für etwa fünfzehn Minuten nach oben geklappt, damit der Schiffsverkehr passieren kann. Der unfreiwillige Aufenthalt lohnt sich jedoch, denn das Anheben der beiden Brückenflügel und die anschließende Durchfahrt der wartenden Segelbootflotte sind ein kleines Spektakel, zu dem sich viele Touristen sogar eigens einfinden.
Immerhin geht es danach rasch weiter, und auch unser Umweg bietet, was die Schlei und ihre Ufer ausmacht: fein herausgeputzte Siedlungen wie Maasholm, Arnis oder Sieseby mit penibel gepflegten Klinkerhäusern und Reetdachkaten, Dorfstraßen wie aus einer schleswig-holsteinischen Puppenstube, in allen Farben blühende Vorgärten und immer wieder der Blick über die Getreidefelder aufs blaue Wasser der lang gestreckten Ostseebucht, die an vielen Stellen wie ein breiter Fluss erscheint. Fast überall sind die Ufer naturbelassen.

Die Idylle dieser Kulturlandschaft wird abgerundet durch die kleinen Dorfläden und Boutiquen, deren Angebot sich an hanseatische Großstädter und bundesdeutsche Rentner richtet, die schon alles haben und nichts mehr wirklich brauchen: Handgemachtes und Handgestricktes in Keramikateliers und Batikwerkstätten, Kunst und Kitsch im Schaufenster von Kunsthändlern oder den Studios von Malern und Bildhauern, Kräutermischungen vom Bauernhof, Marmeladen von der Oma und Honig vom Imker, dazu Norddeutsches für Südländer: Ein Segelmacher stellt schicke Beutel aus Segeltuch her, und natürlich gibt es Strandkörbe zum Mitnehmen für die heimische Terrasse oder meterhohe Leuchttürme für den Vorgarten. Unsere Fahrradtaschen sind dafür zu klein und außerdem mit Wasser und Proviant gefüllt.
Gern wird die Schlei als „Ostseefjord“ bezeichnet und vermarktet, aber für einen typischen Fjord fehlen ihr die felsigen Steilufer. Dass sie dennoch immer wieder ein veritables Verkehrshindernis darstellen kann, erfahren wir noch einmal beim Übergang für unseren heutigen Rückweg an der Brücke von Lindaunis. Die Brücke für Bahn und Autoverkehr wird wegen massiver Schäden schon seit längerer Zeit abgerissen und durch einen Neubau ersetzt, die Arbeiten verzögern sich aber. Die Regionalzüge von Kiel halten deshalb jetzt am Südufer, und nach einem kurzen Spaziergang über einen Behelfsweg können die Fahrgäste am Nordufer in die Bahn nach Flensburg einsteigen. Das erlaubt auch uns Radfahrern den Übergang, allerdings gemäß Infotafel nur jede zweite halbe Stunde.
Heute aber scheint es keine Beschränkungen zu geben. Ob die Fähre weiter östlich in Missunde, die wir ursprünglich benutzen wollten, derzeit in Betrieb ist, wagen wir nicht mehr auszuprobieren. Denn auch sie macht immer wieder Schlagzeilen durch unvorhergesehene Ausfälle aus technischen oder bürokratischen Gründen.

Die Schlei als geographische Barriere kam einst den Wikingern und Dänen gerade recht. Durch die weit ins Landesinnere hereinragende Wasserfläche ist zwischen Ost- und Nordsee die Schleswiger Enge entstanden, die schmalste Landbrücke zwischen Mitteleuropa und Skandinavien. Hier errichteten die Wikinger in Verlängerung der Schlei das Danewerk, einen Verteidigungswall, den die dänischen Könige später noch ausbauen ließen. In dieser Grenzlage entwickelte sich die Stadt Haithabu als Verkehrszentrum und bedeutender Handelsplatz. Als Ende des 11. Jahrhunderts nach kriegerischen Konflikten Schleswig diese Rolle übernahm, wurde die alte, teilweise zerstörte Siedlung von ihren Bewohnern verlassen und in der Folge weder genutzt noch überbaut. Deshalb liegen die Fundamente der einstigen Stadt inzwischen verschüttet und geschützt unter der Erde – ein weites Feld für die archäologische Forschung und 2018 Grund für die Anerkennung von Haithabu und der Überreste des Danewerks als Welterbe der UNESCO.
Dazu gehört auch ein technisches Wunderwerk aus jener Zeit, dessen Fundamente versteckt auf dem Grund der Schlei liegen. Weil die Halbinsel Reesholm so weit in das Gewässer hineinragt, dass ein Übergang an dieser Stelle leicht zu bewerkstelligen war, errichteten die Skandinavier hier im Wasser ein anderthalb Kilometer langes Seesperrwerk. Hölzerne Blockkonstruktionen dienten als Senkkästen, die sich in den schlammigen Boden eingruben und die Sperre fest im Grund verankerten. Große Teile davon sind bis heute erhalten, aber nur für Taucher und Unterwasserarchäologen sichtbar. Wie genau die Konstruktion über Wasser aussah, ist nicht bekannt; es dürfte sich um eine Art Palisadenzaun gehandelt haben, der mit den hölzernen Kuben verbunden war. Da der Wasserstand damals niedriger war als heute, hier vielleicht sogar eine Furt existierte, konnte mit dieser Seeblockade ein feindlicher Übergang über die Schlei verhindert werden.

Am Strand beim Dörfchen Stexwig, unmittelbar gegenüber der Halbinsel Reesholm, treffen wir während einer unserer Radtouren auf zwei nachgebaute Segmente des Seesperrwerks, eins mit der typischen Blockkonstruktion, das andere mit dem Palisadenzaun. Welche Mengen an Holz für den Originalbau nötig waren, lässt sich an der Tatsache ablesen, dass allein für diese wenige Meter langen Modelle sechs Tonnen Holz verbaut werden mussten.
Auf dem begehbaren Palisadenpodest ist eine bemalte Glasplatte angebracht, die eine Visualisierung des historischen Bauwerks in der heutigen Landschaft ermöglicht. Wenn wir im richtigen Winkel hindurchschauen, erscheinen das Sperrwerk und einige stilisierte Wikingerschiffe im Wasser der Schlei. Für uns Radfahrer ist der Ostseearm an dieser Stelle auch ohne hölzerne Barriere nicht zu überwinden, weshalb wir auf dem Weg zu unserem Ziel am Nordufer die weite Schleife durch Schleswig um den Westzipfel der Schlei nehmen müssen. Oder sollten wir doch die kürzere Route wählen und auf einen regulären Betrieb der Fähre von Missunde hoffen?
Information: www.ostseefjordschlei.de, https://haithabu-danewerk.de
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