Rentenreform 2028: Teurer, später, unsicherer

Rentenreform 2028: Teurer, später, unsicherer
Eine Expertenkommission hat monatelang gerechnet und Vorschläge vorgelegt, die Bundeskanzler Friedrich Merz nach eigenen Worten vollständig umsetzen will. Vieles an der Rentenreform ist vernünftig. Eines davon kostet mehr, als es verspricht.

Rentenreform 2028: Teurer, später, unsicherer
Bildquelle: Travis Essinger / Unsplash

„Kinder kriegen die Leute immer“, sagte der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer Mitte der 1950er Jahren, als das deutsche Rentensystem gebaut wurde. Damals kamen auf einen Rentner sechs Beitragszahler. Heute sind es nicht einmal mehr zwei. Und irgendwann in den 2030er Jahren wird jemand seinen Gehaltszettel öffnen und feststellen, dass wieder etwas mehr fehlt als im Monat davor. Nicht dramatisch, nicht auf den ersten Blick. Aber auf ein Jahr gerechnet einige hundert Euro. Alles für ein Versprechen, das immer unsicherer wird.

Die Rente ist kaputt

Früher trugen sechs Schultern einen Rentner. Heute sind es 1,8. Die Rechnung dahinter ist brutal einfach: Immer weniger Erwerbstätige finanzieren immer mehr Menschen, die immer länger leben. Der Generationenvertrag funktioniert noch, aber er ächzt.

Die Kommission aus Wissenschaftlern, Juristen und Politikern will das System deshalb an mehreren Stellen umbauen. Der größte Eingriff: Deutschland soll künftig nicht mehr nur auf Umlage setzen, sondern zusätzlich Kapital ansparen.

Bislang funktioniert die gesetzliche Rente nach dem Prinzip der Eimerkette: Wer arbeitet, zahlt ein, und das Geld fließt direkt weiter an die, die gerade in Rente sind. Kein Ansparen, kein Investieren, kein Warten. Solange genug Menschen in der Kette stehen, funktioniert das. Tun sie aber nicht mehr.

Rentenreform: Vernünftig oder kritisch?

Deshalb empfiehlt die Kommission, ab 2028 einen zweiten Topf aufzumachen. Zum ersten Mal würde ein Teil des Geldes nicht sofort weitergereicht, sondern geparkt. In Aktien, Anleihen und Fonds, mit der Hoffnung, dass aus einem Euro später mehr wird. Kein privates Depot, sondern ein zentraler Staatsfonds, in den alle verpflichtend einzahlen. Das klingt modern und vernünftig. Es bedeutet aber auch: mehr Abzüge.

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Schon ohne den neuen Fonds steigt der Rentenbeitrag bis 2028 von heute 18,6 auf rund 19,9 Prozent. Mit dem zusätzlichen Kapitalstock könnte die Belastung Mitte der 2030er Jahre bei etwa 23 Prozent liegen. Zwei Prozentpunkte klingen nach wenig. Aber auf ein Jahr gerechnet einige hundert Euro weniger Netto. Und genau hier beginnt das Problem.

Denn selbst die Kommission räumt ein: Ob dieser neue Topf am Ende wirklich mehr Sicherheit bringt, ist offen. Auch der Kapitalmarkt verteilt keine Wunder. Wer jahrzehntelang wenig verdient, bekommt auch aus zwei Töpfen keine üppige Rente.

Später aufhören

Parallel dazu soll das Rentenalter künftig an die Lebenserwartung gekoppelt werden. Alle zehn Jahre ein halbes Jahr länger arbeiten. Wer 2041 in Rente gehen will, geht mit 67,5 Jahren. Wer 2051 aufhört, mit 68. Das ist unangenehm, aber logisch. Wer dreißig Jahre Rente bezieht statt zwanzig, kostet das System mehr. Irgendwer muss das bezahlen.

Weniger logisch ist, was bisher parallel möglich war: Seit 2023 dürfen Menschen vorzeitig in Rente gehen und gleichzeitig unbegrenzt weiterarbeiten – bei voller Rentenzahlung. Offiziell raus mit 63, praktisch weiter im Job. Die gesetzliche Rente war einmal als Lohnersatz gedacht, nicht als Gehaltszuschuss. Auch das soll eingeschränkt werden. Zu Recht.

Der überraschendste Vorschlag der Rentenreform

Fast nebenbei steckt in den Empfehlungen noch ein Detail, das politisch größer ist, als es zunächst klingt: Künftig sollen mehr Menschen in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen – auch Bundestagsabgeordnete.

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Bislang sichern sich Politiker weitgehend in eigenen Versorgungssystemen ab. Die Botschaft dahinter war immer dieselbe: Das System gilt für alle, nur nicht für uns. Dass sich das ändern könnte, ist vielleicht der politisch sauberste Vorschlag des ganzen Pakets.

Was 48 Prozent wirklich bedeuten

Die Kommission will das Rentenniveau bei 48 Prozent stabilisieren. Das klingt beruhigend. Ist es aber nur bedingt. Denn diese Zahl bedeutet nicht, dass jemand später 48 Prozent seines letzten Gehalts bekommt.

Sie bedeutet: Ein Standardrentner – 45 Jahre Arbeit, 45 Jahre Durchschnittslohn – erhält 48 Prozent des aktuellen Durchschnittslohns. Wer weniger verdient hat, weniger lange gearbeitet hat oder Lücken im Erwerbsleben hatte, bekommt entsprechend weniger. Die Zahl ist also ein Maßstab und kein Versprechen.

Was bleibt

Die Vorschläge der Kommission sind nicht dumm. Im Gegenteil: Sie benennen Probleme, die lange ignoriert wurden, und liefern Antworten, die politisch wehtun, aber ökonomisch nachvollziehbar sind. Nur auf die wichtigste Frage geben sie keine klare Antwort: Warum soll mehr einzahlen automatisch mehr Sicherheit bedeuten, wenn gleichzeitig das Leistungsversprechen immer weicher wird?

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Genau das ist der Kern dieser Rentenreform. Sie kostet mehr. Sie verlangt längere Arbeit. Und sie garantiert weniger. Man kann das Ganze als Stabilisierung bezeichnen. Man kann aber auch sagen: Das System wird teurer, weil es sich anders nicht mehr tragen lässt.

Adenauer irrte sich nicht mit der Idee des Generationenvertrags. Er irrte sich mit der Gewissheit, auf der sie beruhte. Kinder kriegen die Leute eben nicht immer. Und ein Rentensystem, das diese Realität erst 2026 vollständig anerkennt, kommt ziemlich spät.

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