Roche-Chef Thomas Schinecker: „Wir wollen Alzheimer besiegen“

Roche-Chef Thomas Schinecker: „Wir wollen Alzheimer besiegen“

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Herr Schinecker, Roche gehört zu den 61 Unternehmen, die im Rahmen der Initiative „Made for Germany“ bis 2028 rund 631 Milliarden Euro in Deutschland investieren wollen. Ist der Standort Deutschland besser als sein Ruf?

Ja. Der Standort Deutschland ist extrem wichtig für Roche. Aus Deutschland kommen sehr viele Innovationen, sowohl in der Pharmasparte als auch im Geschäft mit Diagnostika. Wir beschäftigen mehr als 18.000 Mitarbeiter in Deutschland, das damit zu den drei wichtigsten Ländern im Konzern zählt. In unsere Standorte in Penzberg, Mannheim, Grenzach und Ludwigsburg haben wir in den vergangenen fünf Jahren mehr als drei Milliarden Euro investiert.

Aber werden Ihre Standorte in Deutschland und Europa nicht darunter leiden, dass Sie wegen Trumps Zolldrohungen nun den Fokus noch stärker auf die USA richten? Sie haben angekündigt, dort in den nächsten fünf Jahren 50 Milliarden Dollar investieren zu wollen.

Nein, die hiesigen Standorte werden nicht leiden. Wir sind schon seit Jahrzehnten global aufgestellt, mit Vertretungen, Forschungs- und Entwicklungszentren und Produktionsstätten in den USA, in Europa und in Asien. Wir forschen, entwickeln und produzieren nahe an unseren Patienten und Laborkunden. Die Investitionssumme von 50 Milliarden Dollar entspricht der Hälfte unseres gesamten Investitionspotentials. Und das ergibt Sinn, da die USA rund die Hälfte des Weltmarktes ausmachen. Klar ist aber auch, dass unsere Standorte in aller Welt miteinander konkurrieren. Die jeweiligen Bedingungen müssen stimmen.

Die 50 Milliarden Dollar bestehen zu 80 Prozent aus Ausgaben für Forschung und Entwicklung, die Sie größtenteils sowieso vorgenommen hätten. Meinen Sie, Trump fällt auf diesen Trick herein?

Wir haben unsere Investitionsplanung mit der amerikanischen Regierung besprochen und ein entsprechendes Commitment abgegeben. Das wurde in Washington positiv wahrgenommen.

Thomas Schinecker
Thomas SchineckerEPA
Ist es überhaupt sinnvoll, verstärkt in den USA zu investieren angesichts Trumps erratischer Politik? Sicher ist doch derzeit nur, dass in Geschäften in und mit Amerika nichts mehr sicher ist.

Es war schon immer unsere Strategie, dort präsent zu sein, wo die Patienten und die Kunden sind. Wir wollen nicht, dass un­sere Produkte um die halbe Welt reisen, bevor sie an ihre Ziele kommen. Insofern ist unsere Herangehensweise in den USA logisch.

Trump droht mit Zöllen auf importierte Medikamente von bis zu 200 Prozent. Was würde das für Roche bedeuten?

Warten wir doch erst einmal ab, was am Ende wirklich passiert. In unseren 13 Produktionsstätten in Amerika haben wir noch genügend Kapazitäten frei, um die Fertigung stark hochzufahren.

Es soll für die Pharmazölle eine Schonfrist von ein bis zwei Jahren geben. Könnten Sie in so kurzer Zeit dafür sorgen, dass alle Roche-Medikamente für die USA auch dort produziert werden?

Von unserer Seite bekommen wir das hin. Die Frage ist jedoch, wie schnell die US- Behörden uns die notwendigen Zulassungen für den Technologietransfer und die Produktion eines zuvor nicht in den USA hergestellten Medikamentes erteilen. Da werden sicher sehr viele Anträge gleichzeitig eingehen.

Patentgeschützte Medikamente sind in den USA zwei- bis dreimal so teuer wie in Europa, was Ihren Margen sehr zugutekommt. Trump will nun durchsetzen, dass Patienten in Amerika nur noch so viel für Medikamente zahlen wie die Patienten in anderen entwickelten Ländern. Würden Sie Ihre Investitionszusagen zurückziehen, falls Trump damit durchkommt?

Die Preisdifferenzen, die Sie ansprechen, beziehen sich auf sogenannte Listenpreise, jedoch nicht auf die tatsächlichen Preise, die zuvor ausgehandelte Rabatte berücksichtigen. In unseren Gesprächen mit der US-Regierung zeigen wir auf, dass die Hälfte der Arzneimittelausgaben in Amerika nicht an Pharmafirmen gehen, sondern an Zwischenhändler. Wenn die Regierung Geld sparen will, kann sie das schnell erreichen, indem sie diese Zwischenhändler rausnimmt und die Medikamente stattdessen direkt von den Herstellern bezieht.

Haben Sie Signale, dass die Regierung diesen Weg beschreiten will?

Ja, diese Signale haben wir. Die US-Regierung will nicht der eigenen Wirtschaft schaden. Und sie weiß, dass die pharmazeutische Industrie ein bedeutender Bestandteil der amerikanischen Wirtschaft ist. Die Branche ist wichtig für die nationale Sicherheit. Das hat man während der Pandemie gesehen, als es um den Zugang zu Impfstoffen und Diagnostika ging.

Novartis und andere europäische Pharmakonzerne pochen auf höhere Preise in Europa. Ist das nicht ein arg plumper Versuch, den Effekt von Trumps Preissenkungsplan abzufedern?

Bitte haben Sie Verständnis, dass ich mich nicht zu den Verhandlungen mit eu­ropäischen Regierungen äußern kann. Fakt ist, dass wir dringend ein Umdenken brauchen, sodass Gesundheit nicht immer nur als Kostenfaktor gesehen wird, sondern als Investition: in die Gesundheit der Bevölkerung und in eine zentrale Zukunfts- und Wachstumsbranche.

Die Gesundheitskosten laufen überall aus dem Ruder, während die forschende Pharmaindustrie satte Renditen erzielt. Roche kam im ersten Halbjahr 2025 auf eine operative Umsatzrendite von fast 39 Prozent. Das spricht nicht für zu niedrige Medikamentenpreise.

Man muss hier auf den Gesamtkontext schauen. Die innovative pharmazeutische Forschung und Entwicklung ist ein Unterfangen mit hohen Risiken: Es braucht zehn Jahre und kostet durchschnittlich fünfeinhalb Milliarden Franken, um ein neues Arzneimittel vom Labor bis hin zur Marktreife zu bringen. Und dabei ist nur eines von zehn potentiellen Medikamenten am Ende erfolgreich. Die Rendite von heute reflektiert unsere erfolgreiche Forschung von gestern und wird reinvestiert in die Innovation von morgen. Erfolg bedeutet zudem auch, dass die Gesundheitskosten sinken, wenn ein Medikament bewirkt, dass ein Patient nicht mehr ins Krankenhaus muss, sondern sich zu Hause behandeln kann. Denn im Krankenhaus fallen die größten Kosten an.

Roche war eines der ersten europäischen Unternehmen, das vor Trump eingeknickt ist. Dessen Forderung nach einem Rückbau der Programme zur Förderung von Diversität, Gleichstellung und Inklusion (DEI) sind Sie umgehend gefolgt. Warum haben Sie nicht mehr Rückgrat gezeigt?

Wenn sich die Vorgaben in einem Land ändern, müssen wir uns anpassen – und das nicht nur in den USA, sondern auf der ganzen Welt. Insofern sind wir auch in Amerika verpflichtet, uns an die Executive Orders des Präsidenten zu halten. Täten wir das nicht, könnten wir schlimmstenfalls unsere Medikamente nicht mehr liefern. Damit würden wir das Leben unserer Patienten gefährden. Das wäre verantwortungslos. Keine Geschäfte mit der Regierung mehr machen zu können, wäre im übrigen auch nicht im Interesse unserer Mitarbeiter.

Haben Sie nicht ein Glaubwürdigkeitsproblem, wenn Sie Ihre hehren Werte und Visionen beim kleinsten Gegenwind abräumen?

Nein, diese Werte sind und bleiben tief in der Kultur unserer Firma verankert. Wir behandeln alle Mitarbeiter gleich, egal woher sie kommen und was sie ausmacht. Fast die Hälfte unserer Führungskräfte sind Frauen. Und sie verdienen selbstverständlich genauso viel wie die Männer.

Im Geschäft mit Abnehmmitteln sahnen Ihre Rivalen Eli Lilly und Novo Nordisk tüchtig ab. Roche indes war aus der Entwicklung dieser Produkte 2018 ausgestiegen. Wie ist dieser Fehler zu erklären?

Roche war damals nicht in diesem Therapiegebiet tätig, und wir wissen ja alle, dass man es im Nachhinein immer besser weiß. Klar ist: Selbst die Firmen, die in diesem Geschäft heute aktiv sind, hat die gewaltige Nachfrage überrascht.

Inzwischen hat Roche rund vier Milliarden Dollar in Zukäufe investiert, um doch noch in diesem Markt Fuß zu fassen. Kommt dieser teure Vorstoß nicht zu spät angesichts des Vorsprungs der Konkurrenz?

Nein. Unsere bisherigen klinischen Studien stimmen uns optimistisch, im Markt für Abnehmprodukte künftig eine sehr wichtige Rolle spielen zu können – einem Markt, der bis 2035 auf 150 Milliarden Dollar wachsen dürfte. Wir arbeiten an der nächsten Generation dieser Mittel. Sie werden noch mehr Wirkung entfalten und zugleich besser verträglich sein. Die Präparate eröffnen uns überdies die Chance, sie mit anderen Medikamenten aus unserem Portfolio zu verbinden, um Krankheiten vorzubeugen und das Leben von Menschen weltweit zu verlängern. Übergewicht trägt zu 200 verschiedenen Krankheiten bei.

Große Hoffnung setzen Sie auch auf Ihre sogenannte Brain-Shuttle-Technologie zur Bekämpfung von Alzheimer. Wie funktioniert die?

Bei neurologischen Krankheiten hat man generell das Problem, dass Medikamente nur ganz schwer ins Gehirn kommen. Das liegt an der Blut-Hirn-Schranke. Sie verhindert, dass Bakterien oder Viren ins Gehirn kommen und unser wichtigstes Or­gan schädigen. Aus Evolutionssicht ist das sehr gut, aber wenn man jemanden medizinisch versorgen muss, wird es schwierig. Bei heutigen Behandlungen mit injizierten therapeutischen Antikörpern kommt weniger als ein Prozent im Gehirn an. Ganz anders mit unserer Brain-Shuttle-Technologie. Diese ist ein Protein, das sich mit einem Antikörper verbindet und diesem ermöglicht, durch die Blut-Hirn-Schranke zu kommen. Dazu entwickeln wir auch das passende Medikament, mit dem wir Alzheimer besiegen wollen. Unsere klinischen Studien mit dem Alzheimer-Medikament sind weit fortgeschritten, sodass es in rund drei Jahren verfügbar sein könnte. Unsere Techno­logie kann möglicherweise auch für die Bekämpfung anderer Krankheiten wie zum Beispiel Hirntumore genutzt werden.

Bereits im kommenden Jahr dürfte Ihr Bluttest zur Diagnose von Alzheimer auf den Markt kommen. Werden Sie sich selbst diesem Test unterziehen, obwohl Sie erst 50 Jahre alt sind und keine Anzeichen für die Erkrankung sehen?

Absolut. Es ist schon wichtig, zu wissen, ob man Alzheimer hat oder nicht. Noch hilfreicher ist es, wenn man dann ein Medikament hat, das man gleich einnehmen kann. Es ist wichtig, dass die Behandlung früh anfängt – möglichst bereits vor den ersten Symptomen.

Kann Künstliche Intelligenz (KI) die Entwicklung neuer Medikamente beschleunigen?

Ja, auf jeden Fall. Es fängt damit an, dass man Tausende Seiten Studienprotokolle mittels KI schnell zusammenfassen und an die Regulierungsbehörden schicken kann. Das hat früher Monate gedauert und kann nun dank KI in Tagen geschehen. Auch in der Medikamentenentwicklung spielt KI schon eine Rolle.

Der Einsatz von KI senkt die Kosten. Führt das dann auch zu sinkenden Medikamentenpreisen?

Das müssen wir noch sehen. Zumindest werden die Entwicklungskosten nicht mehr so stark steigen wie in der Vergangenheit. Vor 20 Jahren kostete die Entwicklung eines Medikaments eine Milliarde Franken, heute sind es fünfeinhalb Milliarden.

Werden wir die Volkskrankheit Krebs mit­hilfe von KI in 20 Jahren besiegen?

Das ist eine große Frage. Ich glaube, dass wir – auch aufgrund der Gen-Sequenzierung – Krebs immer besser verstehen. Wir merken, dass es nicht eine Krankheit ist, sondern dass es sich um viele verschiedene Krankheiten handelt. Wenn ich weiß, wie die Krankheit ausgelöst wird, kann ich sie gezielt therapieren. Wie kann ich das Immunsystem so aktivieren, dass es die Krebszellen im Körper aufspürt und zerstört? In 20 Jahren könnten wir eine Antwort auf diese Frage haben.

Welche Roche-Medikamente werden 2025 die meisten Leben retten?

Perjeta und Phesgo zur Behandlung einer Art von Brustkrebs.

In der Schweiz wird bald über eine zuwanderungsfeindliche Volksinitiative abgestimmt, die auf die Kündigung des Personenfreizügigkeitsabkommens mit der EU zielt. Was sagen Sie dazu?

Ein Ende der Personenfreizügigkeit wäre sehr schlecht für den Standort Schweiz. Das Land ist zu klein und die Wirtschaft Gott sei Dank zu erfolgreich, um den Bedarf an Arbeits- und Fachkräften selbst zu decken, und ist daher auf Zuwanderung angewiesen. Für Roche rekrutieren wir die besten Forscher der Welt. Wenn wir diese künftig nicht mehr problemlos und in ausreichender Zahl aus EU-Ländern anwerben können, stellen wir sie eben direkt im Ausland ein. Einer unserer Pharmastandorte in Deutschland ist nur fünf Minuten von unserem Unternehmenssitz in Basel entfernt. Die Schweiz muss daher sicherstellen, dass sich die Rahmenbedingungen für Investitionen nicht verschlechtern. In der Vergangenheit erfolgreich gewesen zu sein, bedeutet nicht automatisch, auch in der Zukunft erfolgreich zu sein. Die Welt ist definitiv kompetitiver geworden.

Ihren Kindern sagen Sie: „Life is what happens while you are making other plans“. Welcher Plan ist Ihnen zuletzt durchkreuzt worden?

Mein Leben hat sich oft ganz anders entwickelt, als ich gedacht habe. Ich wollte eigentlich gern wieder mal nach Singapur zurück, wo ich aufwuchs. Aber dann hat man mich überall hingeschickt, nur nicht dorthin. Für Roche ging ich zum Beispiel 2008 nach Schweden. Für jemanden, der am Äquator groß geworden ist und bis zum Alter von 19 Jahren nicht mal ei­ne Jacke besaß, war das eine spezielle Erfahrung. Aber es war eine sehr gute Erfahrung.

Ein Deutsch-Österreicher in Basel

Thomas Schinecker steht seit März 2023 an der Spitze von Roche. Mit einem Börsenwert von mehr als 200 Milliarden Franken, gut 100.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 60 Milliarden Franken zählt der Basler Konzern zu den Schwer­gewichten in der Pharmawelt. Schinecker ist in Bayern geboren – als Sohn einer Deutschen und eines Österreichers. Deshalb hat er beide Staatsbürgerschaften. Er wuchs in Singapur auf, wo sein Vater für den Schweizer Konzern ABB arbeitete. Schinecker wurde an der New York University in Molekularbiologie promoviert. Sein Grundstudium der Genetik absolvierte er an der Univer­sität in Salzburg. Aus diesem Ort stammt auch seine Frau Brigitte, mit der er drei Kinder hat. Die Familie lebt im steuermilden Kanton Zug, wo die Roche-Diagnostiksparte ange­siedelt ist, deren Führung Schinecker nach Stationen in Österreich, Schweden, Amerika und Deutschland 2019 übernommen hatte. Das Diagnostikgeschäft erlebte während der Co­rona-Pandemie einen Boom. Schinecker meisterte den gewaltigen Nachfrageschub mit Bravour und empfahl sich so für höhere Weihen. Auch nach seinem Aufstieg zum Vorstandsvorsitzenden hat sich der Hobbyfußballer seine unprätentiöse und offene Art bewahrt.  

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