Rückgang bei Kinderimpfungen weltweit

Rückgang bei Kinderimpfungen weltweit

Impfungen bewahren Jahr für Jahr Millionen Kinder vor lebensbedrohlichen Infektionskrankheiten. Bis zum Jahr 2030 möchte die Weltgesundheitsorganisation WHO weltweite Durchimpfungsraten von 90 Prozent für Krankheiten wie Masern, Polio und Diphterie erreichen. Doch dieses Ziel ist nach aktuellem Stand kaum mehr zu erreichen, zeigt eine Studie. Denn abnehmende Hilfen für ärmere Länder und Fehlinformationen zu Impfrisiken lassen die Impfraten stagnieren oder zurückgehen. Dies gilt auch für reichere Regionen wie Europa oder die USA. Die Studie ruft daher zu konzentrierten Anstrengungen auf, um die Verbreitung und Akzeptanz von Impfstoffen zu fördern.

Kinderimpfungen zählen zu den wirksamsten und kosteneffektivsten Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit. Seit die Weltgesundheitsorganisation WHO im Jahr 1974 ihr Erweitertes Impfprogramm (EPI) gestartet hat, wurden mehr als vier Milliarden Kinder geimpft und geschätzt 154 Millionen Kinder vor einem vermeidbaren Tod bewahrt. Gemäß der 2019 beschlossenen Immunisierungsagenda 2030 (IA2030) der WHO sollen bis zum Jahr 2030 weltweite Durchimpfungsraten von mindestens 90 Prozent für die Impfungen gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten (DTP), sowie gegen Masern und Pneumokokken erreicht werden. Zudem soll der Anteil der Kinder, die innerhalb ihres ersten Lebensjahres keine DTP-Impfung erhalten, im Vergleich zu 2019 halbiert werden.

Stagnation bei den Impfquoten

Eine Studie des internationalen Forschungskonsortiums Global Burden of Disease 2023 Vaccine Coverage Collaborators zeigt nun, dass die Erreichung dieser Ziele noch in weiter Ferne liegt. Obwohl sich die Durchimpfung gegen viele Krankheiten zwischen 1980 und 2023 verdoppelt hat, stagnieren die Impfquoten in vielen Ländern oder verringern sich sogar wieder. In 100 von 204 untersuchten Ländern ist die Zahl der Masernimpfungen zwischen 2010 und 2019 zurückgegangen. In 21 von 36 Ländern mit hohem Einkommen ist die Zahl der Impfungen gegen Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Masern, Polio oder Tuberkulose um mindestens eine Dosis zurückgegangen.

Die COVID-19-Pandemie hat die Probleme weiter verschärft – zum einen, weil routinemäßige Impfprogramme in vielen Ländern unterbrochen wurden, zum anderen, weil weit verbreitete Falschinformationen zu einer erhöhten Skepsis gegenüber Impfungen im Allgemeinen geführt haben. „Diese Trends erhöhen das Risiko des Ausbruchs von durch Impfung vermeidbaren Krankheiten wie Masern, Polio und Diphtherie und unterstreichen die dringende Notwendigkeit gezielter Verbesserungen, um sicherzustellen, dass alle Kinder von lebensrettenden Impfungen profitieren können“, sagt Co-Autor Jonathan Mosser von der University of Washington.

Ungleiche Verteilung

Nach wie vor sind die Ressourcen für Kinderimpfungen der Analyse zufolge weltweit ungleich verteilt. Die größten Herausforderungen bestehen demnach in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen, vor allem in afrikanischen Ländern südlich der Sahara, darunter Nigeria, Äthiopien und Somalia, sowie in südasiatischen Ländern wie Indien und Indonesien. In vielen dieser Länder wird die Verteilung von Impfstoffen erschwert durch Flucht und Vertreibung, bewaffnete Konflikte sowie politische und wirtschaftliche Instabilität. „Die Stärkung der primären Gesundheitssysteme, die Bekämpfung von Fehlinformationen über Impfstoffe sowie die Anpassung an lokale Gegebenheiten sind für die Verbesserung der Durchimpfungsrate von entscheidender Bedeutung“, schreibt das Forschungsteam.

Doch auch in reichen Ländern kommt es durch zu geringe Impfquoten immer wieder zu Ausbrüchen vermeidbarer Infektionskrankheiten, darunter der aktuelle Masernausbruch in den USA. Auch in der Europäischen Union kam es 2024 zu einem fast zehnfachen Anstieg der Maserninfektionen. Dass sich die weltweite Durchimpfungsrate gegen Masern bis 2030 auf 90 Prozent steigern lässt, hält das Forschungsteam selbst in einem sehr optimistischen Szenario für unrealistisch. Wenn sich die aktuellen Trends fortsetzen, werden der Prognose zufolge 2030 lediglich 76 Prozent der Weltbevölkerung einen vollständigen Impfschutz gegen Masern haben.

Impflücken durch gezielte Kampagnen schließen

Das Forschungsteam weist darauf hin, dass die Schätzungen mit Unsicherheiten behaftet sind, da gerade in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen nur lückenhafte Daten zu Impfungen vorliegen. Zudem spiegeln nationale Daten nur unzureichend lokale und regionale Unterschiede wider. Gerade diese könnten aber für zielgerichtete Impfkampagnen relevant sein. „Bemühungen zur Verstärkung von Routineimpfungen müssen vorrangig marginalisierte Bevölkerungsgruppen erreichen und auf subnationale Gebiete abzielen, um verlorenen Boden zurückzugewinnen und die globalen Impfziele zu erreichen“, empfehlen die Forschenden.

In einem begleitenden Kommentar, der ebenfalls in der Fachzeitschrift Lancet erschienen ist, schreibt Hai Fang von der Universität Peking, der nicht an der Studie beteiligt war: „Angesichts des möglichen Rückgangs der internationalen Hilfe aus Ländern mit hohem Einkommen ist es umso wichtiger, die Routineimpfungen von Kindern auf allen Ebenen zu verbessern. Nachhaltige Investitionen und gezielte Strategien sind unerlässlich, um Fortschritte zu erzielen, Impflücken zu schließen und einen gerechten Zugang zu lebensrettenden Impfstoffen zu gewährleisten.“

Quelle: GBD 2023 Vaccine Coverage Collaborators, The Lancet, doi: 10.1016/S0140-6736(25)01037-2




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