Russisches Exiltheater beim Kunstfest Weimar

Russisches Exiltheater beim Kunstfest Weimar

Zum Auftakt des Kunstfestes Weimar, welches das Erbe humanistischer deutscher Klassik mit dem Gedenken an NS-Verbrechen verknüpft, wurde zum traditionellen Gedächtnis-Buchenwald-Konzert in der lichten gotisch-barocken Herderkirche Johannes Brahms’ „Deutsches Requiem“ von der polnischen Capella Cracoviensis aufgeführt, mit der israelischen Starsopranistin Chen Reiss und dem Nachwuchsbass Jakub Borgiel als exquisiten Solisten.

Wie präzis und agogisch-expressiv Instrumentalisten und Chor der Capella unter ihrem Dirigenten Jan Tomasz Adamus, der Diktion und Dynamik mit magischer Fingerführung feinregulierte, das Stück intonierten, geriet zum eindrucksvollen deutsch-polnisch-jüdischen Gesamtkunstwerk. Ein Grußwort des 92 Jahre alten slowakisch-jüdischen Holocaustüberlebenden Naftali Fürst, der all jenen Menschen dankte, die ihm zu überleben halfen, schien die Geister des europäischen Totalitarismus zu bannen. Doch dann sprach die russisch-jüdische Germanistin und Memorial-Mitbegründerin Irina Scherbakowa, die viel in Buchenwald gearbeitet und sich um die Geschichtsaufklärung in Russland verdient gemacht hat, vom fatalen Scheitern des Demokratisierungsprojektes dort, was zum Krieg in der Ukraine führte, für den, da die USA mit ihrer Rolle als westlicher Hegemon hadert, kein Ende in Sicht ist.

Menschen in Russland, deren Namen nicht genannt werden können

Diesem Scheitern spürt auch die von Svetlana Dolya produzierte Dramatisierung der Lebensgeschichte der aus Russland geflohenen Journalistin Jelena Kostjutschenko nach. An der Inszenierung der Reportagensammlung „Das Land, das ich liebe“ wirkten neben Regisseurin Polina Solotowizki und Ideengeberin Anna Narinskaya auch Menschen in Russland mit, deren Namen nicht genannt werden können. In der im Zweiten Weltkrieg von Zwangsarbeitern für die Rüstungsindustrie erbauten KET-Halle hat Bühnenbildner Vanya Bowden einen Fabrikraum mit gläsernem Aufzug und einem Halbrund von Bürotischen für Techniker und Performer eingerichtet, vor denen die mit vollem Körpereinsatz spielende, russisch (mit deutschen und englischen Übertiteln) sprechende Evgenia Borzykh ihre Reporterkarriere bei der oppositionellen „Nowaja gaseta“ ausagiert. Die Episoden werden verbunden durch ihre Auseinandersetzung mit der Mutter (in Videoprojektionen auf der Betonwand verkörpert von der emigrierten Starschauspielerin Chulpan Khamatova), die den Konflikt der Generationen und den zwischen Aktivisten und Bevölkerung exemplarisch verdeutlicht.

Das in der Zeit vor- und zurückspringende Anderthalbstundenstück skizziert eine Jugend in der Wolgastadt Jaroslawl während der wilden Neunzigerjahre. Die zunächst im Schülerrock (Kostüme Ksenia Sorokina) auftretende Heldin sieht, wie ihre Mutter, die zu Sowjetzeiten Chemikerin war, putzt, unterrichtet und abends erschöpft vor dem Fernseher hockt, während auf der Straße Banditen aufeinander schießen. Schuld sei, lernt sie, der trunksüchtige Präsident Jelzin, und die Mutter jubelt, als Putin ihn ablöst.

Texte der ermordeten Anna Politkowskaja

Doch dann liest die Halbwüchsige in der „Nowaja gaseta“ Texte der später ermordeten Anna Politkowskaja und findet ihr Lebensziel. Sie zieht ins glamouröse Moskau, um für einen Hungerlohn über das wahre Russland fern der Hauptstadt zu berichten. Wenn die junge Frau bei einer nächtlichen Fahrt zum Ort eines Terroranschlags vom Taxifahrer (Leon Wieferich) belästigt wird oder Stricherinnen (mit Flachmann: Antonia Leichtle und Johanna Dähler) an der Landstraße zuhört, so könnte das überall in Europa sein. Russlands reale Dystopie dokumentiert sie in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt, wo von ihren Angehörigen verstoßene Neurologiepatienten isoliert und medikamentös ruhiggestellt werden, sowie beim Besuch des bedrohten nordsibirischen Volkes der Nganasanen, deren Fischgründe und Rentierweiden ruiniert sind und deren Suizidrate hoch ist. Privat erlebt sie eine lesbische Liebe, die aber an den beginnenden Verfolgungen von LGBT-Aktivisten scheitert.

Borzykh windet sich in dem Erkenntnisprozess ihrer Reportagen am Boden, vertauscht ihr romantisches Kleid mit Hemd und Jeans. Als 2022 nach Beginn der Schließung der „Nowaja gaseta“ die Schreibtische symbolisch abgeräumt werden, vollführt sie einen Protesttanz. Schade, dass nur der Mutter-Tochter-Dialog, nicht jedoch die Sozialreportagen dramatische Stringenz entfalten.

Parabel globaler Eroberungsspiele

Umso poetischer tut dies das multimediale Maskentheaterspiel „FaustX“, ebenfalls eine Uraufführung, worin der südafrikanische Künstler und Regisseur Brett Bailey den zweiten Teil von Goethes Tragödie zur Parabel globaler Eroberungsspiele macht. In der Redoute, dem ehemaligen Offizierskasino der Roten Armee, ist eine Bühne mit Projektionswand aufgebaut, auf der vor exotischen Palastkulissen der Faust-Performer mit eimergroßer Pappmaske mit Zügen von Elon Musk auftritt, begleitet von Mephisto als hexendem Faktotum mit gehörnter Totemmaske. Zu Beethoven-Klängen zaubert das Duo Bitcoin-Regenwolken, die in einem Staat des globalen Südens den Haushalt sanieren, woraufhin die Minister von Uhren und Immobilien träumen. Über das Gebrabbel unverständlicher Sprachen legen sich aus dem Off Variationen des Fausttextes mit englischen Untertiteln wie Traumkommentare.

Trotz des Verweises auf den Südafrikaner Musk, den Bailey durch einen Auftritt mit Kettensäge verstärkt, bleibt sein Faust eine Sammelfigur von Machtmenschen, die für visionäre Projekte mittels Feuer und Krieg rücksichtslos Leben zerstören. Das alte Paar Philemon und Baucis, das mit rituellem Teigkneten und Flötenspiel würdig-bescheidene Traditionen verkörpert, vergegenwärtigt Alteingesessene in Gaza ebenso wie bodenständige Bewohner der Ostukraine. Im Interesse des räuberischen Transformationsprojekts schlägt der Teufel das Modell ihrer schlichten Behausung samt Bewohnern lustvoll in Stücke.

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