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Bislang galt Scharlach als eine der Infektionskrankheiten, die von den Europäern in die Neue Welt eingeschleppt wurden. Doch das stimmt nicht, wie nun DNA-Analysen einer bolivianischen Mumie aus präkolumbischer Zeit belegen. Im Erbgut der rund 800 Jahre alten Mumie entdeckten die Forschende DNA des Scharlacherregers Streptococcus pyogenes. Demnach gab es diese Bakterien schon vor Kolumbus in der Neuen Welt. Zumindest in diesem Fall waren die Konquistadoren daher nicht die Seuchenbringer.
Als die Spanier die Neue Welt eroberten, bedeutet dies für Millionen von Ureinwohnern den Tod. Denn die Konquistadoren wüteten nicht nur mit dem Schwert, sie schleppten auch Infektionskrankheiten aus Europa ein – darunter Pocken, Masern, Salmonellen oder die Grippe. Weil das Immunsystem der indigenen Bevölkerung gegen diese fremden Bakterien und Viren nicht gewappnet war, verliefen diese Krankheiten bei den Betroffenen oft tödlich. Auch der bakterielle Erreger von Scharlach und Mandelentzündung, Streptococcus pyogenes, stand bisher im Verdacht, von den Europäern nach Amerika eingeschleppt worden zu sein.

Genetische Spurensuche bei einer Andenmumie
Jetzt belegt eine Studie jedoch, dass der Scharlacherreger schon vor Kolumbus in der Neuen Welt präsent war. Entdeckt hat dies ein Team um Guido Valverde von Eurac Research in Bozen bei der Untersuchung einer im Hochland von Bolivien gefundenen Mumie aus der präkolumbischen Zeit. Der Tote, ein junger Mann indigener Abstammung, war Datierungen zufolge in der Zeit zwischen 1283 und 1383 nach Christus in einem der typischen Grabtürme des Andenhochlands bestattet worden. Sowohl die Inkas als auch einige ihrer Vorgänger-Kulturen nutzten solche Chullpas für hochrangige Verstorbene samt Grabbeigaben. Das kalte, trockene Klima des Andenhochlands hat viele dieser Toten mumifiziert und dadurch erhalten.
Um mehr über den heute am Nationalmuseum in La Paz aufbewahrten Toten zu erfahren, unterzogen Valverde und sein Team Zahnproben dieser natürlichen Mumie einer DNA-Analyse. Die sogenannte De-novo-Assemblierung erlaubte es ihnen dabei, selbst stark fragmentiertes, altes Erbgut zusammenzusetzen, ohne dass dafür ein Referenzgenom nötig ist. „Man kann es sich vorstellen wie ein Puzzle, das man legt, ohne das Bild auf der Schachtel zu kennen“, erklärt Co-Erstautor Mohamed Sarhan von Eurac Research. Diese Technik ermöglicht es, neben dem Erbgut des Verstorbenen auch genetische Spuren der in seinen Geweben einst vorhandenen Krankheitserreger zu identifizieren.
Streptococcus pyogenes war lange vor Kolumbus da
Tatsächlich wurden die Forschenden fündig: In den Genomproben der Mumie identifizierten sie zahlreiche DNA-Sequenzen des Bakteriums Streptococcus pyogenes -– dem Erreger von Scharlach und Mandelentzündungen. „Der gute Konservierungszustand der DNA hat uns ermöglicht, ein fast vollständiges Genom zu rekonstruieren, das uns viele Informationen gibt“, erklärt Valverde. „Es zeigt etwa, dass das Bakterium schon Krankheiten verursachen konnte: Der alte Stamm besaß viele, wenn auch nicht alle der krankheitserregenden Gene moderner Streptococcus-pyogenes-Stämme.“
Die Präsenz dieses Erregers in einem Toten aus der präkolumbischen Zeit widerlegt die Annahme, dass auch Streptococcus pyogenes erst mit den Europäern in die neue Welt gelangte. Stattdessen gehörten die in der bolivianischen Mumie identifizierten Bakterien zu einem sehr ursprünglichen Stamm dieses Erregers, der heute nicht mehr vorkommt. Er spaltete sich schon vor rund 10.000 Jahren von den restlichen Linien dieser Bakterien ab, wie das Team in vergleichenden Analysen ermittelte.
Ob schon die ersten menschlichen Besiedler Amerikas diesen Erreger mitbrachten, als sie von Sibirien aus über die Beringstraße nach Nordamerika einwanderten, ist jedoch noch ungeklärt. Denkbar wäre auch, dass das Bakterium in Amerika unter Tieren zirkulierte und dann dort auf den Menschen übersprang. „Die Stammbaum-Position dieses alten bolivianischen Erregerstamms und die Rekonstruktion des letzten gemeinsamen Vorfahren würden zu einem amerikanischen Ursprung dieses Erregers passen“, schreiben Valverde und seine Kollegen. „Diese Beobachtungen sind aber nicht ausreichend, um eine solche Interpretation zu belegen.“
Insgesamt demonstrieren die Ergebnisse, dass Analysen alter DNA auch neue Erkenntnisse über Krankheiten in früheren Kulturen und ihre Erreger zutage fördern können.
Quelle: Eurac Research; Fachartikel: Nature Communications, doi: 10.1038/s41467-026-71603-9
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