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Viele Filme sind zu Recht vergessen, aber manche hätten wirklich ein besseres Schicksal verdient. Zu ihnen gehört „Pleasantville“, eine Komödie von Gary Ross, in der zwei Teenager aus den Neunzigerjahren in eine Fernsehserie aus den Fünfzigern zurückversetzt werden. In der Serie spielen Reese Witherspoon und Tobey Maguire die Geschwister Mary Sue und Bud, und Joan Allen spielt ihre Mutter Betty. Der dramaturgische und visuelle Coup des Films besteht darin, dass die schwarz-weiße Kleinstadtwelt der Serie Stück für Stück farbig wird, sobald die Figuren, von Bud und Mary Sue ermuntert, aus ihren Rollenmustern ausbrechen.
Bei Betty alias Joan Allen beginnt dieser Ausbruch in der Badewanne, wo sie ihre Sexualität entdeckt. Am nächsten Morgen strahlt ihr Antlitz in Farbe, aber weil sie ihrem Mann so nicht gegenübertreten will, lässt sie es sich von Bud wieder grau überschminken. Der Blick, mit dem Joan Allen in dieser Szene Tobey Maguire ansieht, enthält ein Bündel widersprüchlicher Gefühle: die Lust auf ein neues Leben, die Sehnsucht nach der Sicherheit des alten, die Angst, nicht mehr dazuzugehören. Es gibt kaum eine amerikanische Schauspielerin, die so viel ausdrücken kann mit ihrem Gesicht.
Einer der unvergesslichsten Quickies der Filmgeschichte
Das war 1998. Ein Jahr zuvor hatte Joan Allen eine zweite prägende Rolle gespielt, die der betrogenen Hausfrau Elena Hood in Ang Lees „Der Eissturm“. Auch hier war sie nicht die Hauptfigur (das war abermals Tobey Maguire), aber ihre Präsenz war so stark, dass man sich an sie deutlicher erinnert als etwa an Kevin Kline, der ihren Ehemann, oder an Sigourney Weaver, die ihre Rivalin verkörpert. Die Szene, in der sie nach einer Thanksgiving-Party samt Partnertausch mit ihrem Nachbarn Sex im Auto hat, ist einer der trostlosesten Quickies der Filmgeschichte und gerade deshalb unvergesslich.

Joan Allen, die in einer Kleinstadt in Illinois geboren wurde und während ihres Studiums durch die Bekanntschaft mit John Malkovich zum Theater kam, hat in ihrer langen Kinokarriere viele Ehefrauen gespielt – die von Richard Nixon (neben Anthony Hopkins in Oliver Stones Film von 1995, für den sie für einen Nebenrollen-Oscar nominiert war) ebenso wie die des Autobauers Preston Tucker (in Francis Ford Coppolas „Tucker“ von 1988, einem ihrer ersten großen Auftritte). Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass sie auf der Bühne mit Tochterrollen angefangen hat, etwa in Tschechows „Drei Frauen“ oder in dem Generationendrama „Burn This“, für das sie als junge Broadway-Debütantin gleich einen Tony Award bekam.
Aber in der Filmindustrie herrscht eben weiterhin das Prinzip des Typecasting, sodass Joan Allen ihre schönen und strengen Gesichtszüge immer neuen Müttern und Gattinnen leihen durfte – in John Woos „Im Körper des Feindes“, in Nicholas Hytners „Hexenjagd“, in Mike Binders Witwendrama „An deiner Schulter“ und vielen anderen. Man kann sich vorstellen, wie erleichtert sie gewesen sein muss, als ihr Paul Greengrass den Part der CIA-Agentin Pamela Landy in seiner Fortsetzung der „Bourne Identität“ anbot, und tatsächlich gehört die toughe Pamela, die sie in allen folgenden Bourne-Filmen verkörpert hat, zu ihren prägenden Altersrollen. Mit Matt Damon als Jason Bourne verbindet sie eine seltsame Seelenfreundschaft, obwohl sich die beiden fast nur am Telefon begegnen. Das liegt an der Art ihres Spiels: Sie sprechen auch dann, wenn sie schweigen. Das können nur die Großen ihrer Zunft. Heute wird Joan Allen achtzig Jahre alt.
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