Schwere Geburt nicht nur bei Menschen

Schwere Geburt nicht nur bei Menschen

Die menschliche Geburt gilt als besonders kompliziert. Durch den aufrechten Gang haben wir ein schmales Becken und das große Gehirn sorgt dafür, dass der Kopf des Babys besonders groß ist. Doch offenbar sind schwere Geburten keineswegs ein einzigartig menschliches Phänomen. Eine Analyse zeigt nun, dass zahlreiche andere Säugetiere mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben – und ähnlich hohe Komplikations- und Sterberaten bei der Geburt aufweisen, sowohl in Gefangenschaft als auch in freier Wildbahn.

Bei Menschenfrauen dauert es ab Beginn der Geburtswehen oft noch weit über zwölf Stunden, bis das Baby endlich auf der Welt ist. Auch die Komplikationsrate bei der Geburt ist hoch: Obwohl immer mehr Frauen Zugang zu einer professionellen medizinischen Versorgung haben, starben im Jahr 2020 nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO noch immer jeden Tag rund 786 Frauen weltweit bei der Geburt ihres Kindes.

Als Erklärung dafür, warum die menschliche Geburt vermeintlich besonders schwer ist, wird oft das sogenannte Geburtsdilemma angeführt. Demnach ist das menschliche Becken im Laufe der Evolution durch den aufrechten Gang immer schmaler geworden, während zugleich der Kopf des Kindes durch die zunehmende Gehirngröße wuchs. Dieses Missverhältnis erschwert die Passage des Babys durch den Geburtskanal. Tiere scheinen es dagegen leichter zu haben: Ob Fohlen, Ferkel oder Kalb– der Nachwuchs ist meist innerhalb weniger Stunden draußen.

Vergleich mit Tieren in Gefangenschaft und freier Wildbahn

Aber stimmt es wirklich, dass bei Tieren weniger Geburtskomplikationen auftreten als bei uns Menschen? Um das zu überprüfen, hat die Evolutionsbiologin Nicole Gunstra von der Universität Wien zahlreiche Studien zu Geburtsschwierigkeiten bei vielen verschiedenen Säugetieren ausgewertet, darunter sowohl Haus- und Nutztiere wie Kühe, Pferde, Schweine, Hunde und Katzen als auch Wildtiere in menschlicher Obhut oder freier Wildbahn, darunter Hirsche, Elefanten, Affen, Robben und Wale.

Das Ergebnis: „Die Analyse der gesammelten Daten zeigt, dass die menschliche Geburt hinsichtlich ihres Risikos nicht wirklich außergewöhnlich ist“, berichtet Gunstra. So lagen die Raten von Geburtskomplikationen und Müttersterblichkeit bei vielen Säugetieren in einem ähnlichen oder sogar höheren Bereich als beim Menschen – und zwar verglichen mit Daten aus indigenen Völkern ohne moderne medizinische Versorgung, darunter die Agta von den Philippinen, die Hiwi aus Venezuela und die Hadza aus Tansania, bei denen teils bis zu 15 Prozent der Frauen bei der Geburt sterben.

Evolutionärer Zielkonflikt

Auch eine der häufigsten Ursachen von Geburtsproblemen, ein Missverhältnis zwischen der Größe des Embryos und dem Durchmesser des mütterlichen Beckens, haben viele Tiere mit uns Menschen gemeinsam. „Dieses Problem tritt besonders häufig bei Arten mit großen, frühreifen Nachkommen auf“, erklärt Gunstra. Beispielsweise können die Jungtiere von Elefanten, Hirschen und Pferden bereits kurz nach ihrer Geburt stehen und mit der Herde mitlaufen – ein entscheidender Überlebensvorteil, der allerdings auf Kosten eines unproblematischen Geburtsprozesses geht.

Genau dieser evolutionäre Zielkonflikt zwischen einer leichten Geburt kleinerer Jungtiere und verbesserten Überlebenschancen für große Neugeborene sorgt laut Gunstra wahrscheinlich dafür, dass die natürliche Selektion nicht zu einer Minimierung der Geburtsschwierigkeiten geführt hat. Selbst bei Walen und Seekühen, die nicht einmal ein rundum verknöchertes Becken besitzen, kann es passieren, dass zu große Jungtiere im Geburtskanal stecken bleiben. Bei Arten wie Hunden und Schweinen, die üblicherweise Würfe aus mehreren Jungtieren gebären, zeigt sich zudem ein weiterer Kompromiss bezüglich der Wurfgröße, denn sowohl zu große als auch zu kleine Würfe erhöhen das Risiko für Komplikationen.

„Diese Erkenntnisse ordnen menschliche Geburtsschwierigkeiten in ein breiteres Muster der Säugetiere ein, anstatt sie als ein einzigartiges menschliches Phänomen zu betrachten, das außergewöhnliche Erklärungen erfordert“, sagt Gunstra. „Die Einordnung der menschlichen Geburt in diesen breiteren Kontext stellt festgefahrene Annahmen in Frage und unterstreicht den Wert einer vergleichenden evolutionären Perspektive.“

Quelle: Nicole Gunstra (Universität Wien), Biological Reviews, doi: 10.1002/brv.70174

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