Seevögel koten nur im Flug

Seevögel koten nur im Flug

Ausscheidungen sind ein unvermeidlicher Teil des Tierlebens, aber oft mehr als nur lästiger Abfall. Kot kann Böden und Gewässer düngen und so Einfluss auf komplette Ökosysteme nehmen. Auch im Meer spielt Kot eine wichtige Rolle – besonders bei Seevögeln, die weite Strecken über dem Wasser zurücklegen. Nun haben Forscher bei japanischen Streifensturmtauchern ein besonders ungewöhnliches Toilettenverhalten beobachtet: Sie erleichtern sich in strengem Rhythmus und ausschließlich während des Fliegens. Warum aber meiden die Vögel das Koten beim Schwimmen auf dem Wasser?

Kot ist in der Natur weit mehr als ein unliebsames Abfallprodukt: Er enthält Stickstoff, Phosphor und andere Nährstoffe. Schon seit Jahrhunderten nutzen Menschen tierische Ausscheidungen daher gezielt als Dünger, um Felder fruchtbarer zu machen. Auch in der Natur wirkt Kot als Nährstoffquelle – er prägt Böden, fördert das Pflanzenwachstum und kann ganze Ökosysteme beeinflussen. Besonders bekannt ist dies bei Seevögeln, deren Guano in großen Mengen Küstenregionen bereichert. Doch welche Rolle spielt er fernab des Festlands – mitten im offenen Meer, wo Seevögel den Großteil ihres Lebens verbringen?

Eine luftige Toilette

Um dieser Frage nachzugehen, statteten Leo Uesaka und Katsufumi Sato von der Universität Tokio Streifensturmtaucher (Calonectris leucomelas) mit winzigen Kameras aus. Die radiergummigroßen Geräte waren am Bauch der Tiere befestigt und nach hinten gerichtet. Auf diese Weise konnten die Forscher das Toilettenverhalten der Vögel im offenen Ozean detailliert dokumentieren. Bei 15 Tieren sammelten sie fast 200 Videoaufnahmen von Ausscheidungen – ein bisher einzigartiger Einblick in die Toilettengewohnheiten dieser Seevögel.

Dabei zeigte sich ein deutliches Muster: Die Sturmtaucher setzten ihren Kot fast ausschließlich während des Flugs ab, oftmals kurz nach dem Abheben von der Wasseroberfläche. Manche Vögel starteten sogar eigens für eine kurze „Toilettenrunde“ und landeten innerhalb weniger Minuten wieder. Das deutet darauf hin, dass die Tiere das Koten während des Schwimmens bewusst vermeiden und dafür sogar körperliche Anstrengungen in Kauf nehmen. „Streifensturmtaucher haben sehr lange und schmale Flügel, die sich gut zum Gleiten eignen, nicht zum Flattern“, erklärt Uesaka. „Sie müssen kräftig mit den Flügeln schlagen, um abzuheben, was sie erschöpft. Das bedeutet, dass das Risiko, an der Meeresoberfläche Kot abzusetzen, die Anstrengung des Abhebens überwiegt. Dafür muss es einen triftigen Grund geben.“

Uesaka und Sato vermuten, dass diese Angewohnheit die Vögel davor bewahrt, ihr Gefieder mit Kot zu beschmutzen. Zudem könnte es ihnen helfen, beim Toilettengang Raubtiere zu meiden, oder schlicht praktischer sein: Während des Fluges fällt den Sturmtauchern das Ausscheiden womöglich leichter als auf dem Wasser.

Vom Darm ins Ökosystem

Ebenfalls interessant: Während des Fluges koteten die Vögel etwa alle vier bis zehn Minuten. Pro Vogel kamen dadurch stündlich rund 30 Gramm Kot zusammen, was fünf Prozent der Körpermasse eines Sturmtauchers entspricht. „Da die Körpermasse von Seevögeln ein entscheidender Faktor für die Flugkosten ist und selbst geringfügige Zunahmen Auswirkungen auf den Flug haben, könnte diese fünf-prozentige Verringerung der Körpermasse für Streifensturmtaucher von Bedeutung sein, die auf windabhängiges dynamisches Segelfliegen angewiesen sind“, schreiben Uesaka und Sato. Hinzu kommt, dass Vögel, die ihre Jungen versorgen müssen, pro Flug fünf bis zwölf Prozent ihres Körpergewichts an Nahrung zurück zum Nest transportieren. Ein regelmäßiger Gewichtsverlust durch Koten könnten ihnen somit helfen, flugfähig zu bleiben.

Um mehr über das ungewöhnliche Toilettenverhalten der Sturmtaucher herauszufinden, plant Uesaka, Kameras oder Temperatursensoren mit längerer Batterielaufzeit in Kombination mit GPS einzusetzen. Sie sollen kartieren, wo genau die Seevögel ihren Kot im Meer abgeben. Das könnte auch mehr über die Rolle der Ausscheidungen für den Nährstoffgehalt des Ozeans verraten. Ähnlich wie bei Walen, deren Kot Nährstoffe verteilt und die Produktivität von Meeresökosystemen fördert, könnten die Ausscheidungen großer Seevogelpopulationen Plankton und andere Meereslebewesen mit Stickstoff und Phosphor versorgen. „Kot ist wichtig“, betont Uesaka. „Aber die Leute denken nicht wirklich darüber nach.“

Quelle: Leo Uesaka und Katsufumi Sato (Universität Tokio), Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2025.06.058




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