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Kürzlich hat der „New Yorker“ seinen hundertsten Geburtstag gefeiert, und kurz danach schrieb mir ein Freund, der früher die wichtigste deutsche Galerie für Karikaturen mitgeführt hat, dass er enttäuscht über das Jubiläumsheft sei: Er habe einen Rückblick auch auf die Arbeiten der zahllosen Cartoonvirtuosen erwartet, die für die Zeitschrift, die sich bis in die Neunzigerjahre jeglichem Abdruck von Fotos verweigert hatte, tätig waren. Und überhaupt: Wo seien die noch lebenden Mitarbeiter, die im Blatt auch mit Comics Epoche gemacht haben? Nichts von Art Spiegelman etwa im Blatt, der hier die Comicreportage erfand. Oder etwas von Roz Chast (okay, die hat immerhin einen Artikel geschrieben, über den „New Yorker“-Illustrator George Booth). Chris Ware fehlt. Tom Gauld auch. Diejenigen also, die auch abseits des Hefts Stars des Comics sind.
Weit hinten im Heft indes ist da etwas, ab Seite 134. Von Seth. Das ist nun nicht jemand, dessen Namen man sofort mit dem „New Yorker“ verbinden würde, anders als die eben genannten. Aber als Cover Artist der Zeitschrift durfte er auch schon eintreten, und das ist ein Ritterschlag für Cartoonisten, den man mit dem Nobelpreis vergleichen kann. Nur weniger gut bezahlt. Und dass ausgerechnet Seth in der Jubiläumsausgabe seine Zunft vertritt, passt insofern perfekt, als dass der kanadische Comiczeichner, der eigentlich Gregory Gallant heißt, nie ein Hehl aus seiner Zuneigung zum Cartoonstil der Zeit von den Zwanziger- bis zu den Fünfzigerjahren gemacht hat, für den der „New Yorker“ das Forum schlechthin war. Wir sprechen von Peter Arno, Charles Addams, Helen Hokinson, William Steig. Oder anders gesprochen: von allem, was vor Seths Geburt (1962) an Großem gezeichnet wurde.

Diese nostalgische Liebe hat Ausdruck gefunden in Seths erstem umfangreichem Comic, mit dem er weltberühmt wurde: „It’s a Good Life, if You Don’t Weaken“, erschienen von 1993 bis 1996 in den Nummern 4 bis 9 von Seths bei Drawn & Quarterly seit 1990 erscheinender Heftserie „Palookaville“, die er bis heute fortführt (in immer größeren Abständen, die jüngste Nummer war die 24 aus dem Jahr 2023, und längst sind aus den Heften aufwendige Bücher geworden). Auf Deutsch ist die Geschichte zu einem Band bei der Edition 52 erschienen: „Eigentlich ist das Leben schön“ (2004). Höchst lesenswert!
Schwärmen vom Stil einer Zeitschrift
Denn Seth erzählt darin von seiner Suche nach Zeugnissen der Arbeit eines jener klassischen Cartoonisten, die er so bewundert: Kalo. Von dem, so berichtet Seth im Comic seinem Freund und Kollegen Chester Brown, habe er im „New Yorker“ nur einen einzigen Cartoon gefunden, obwohl er die Ausgaben der ersten Jahrzehnte durchgegangen sei. Und dann entfaltet sich eine große Recherche, an deren Ende nicht nur etliche weitere Zeichnungen aufgetaucht sind (die natürlich auch im Comic zu sehen sind), sondern auch die Identität des unbekannten Meisters gelüftet ist: eines Landsmanns von Seth namens John Kalloway. Nur, dass es diesen Zeichner nie gegeben hat.

Es dürfte viele Leser gegeben haben, die bei der Lektüre von „Eigentlich ist das Leben schön“ fest an die reale Existenz von Kalo geglaubt haben. Selbst die Ausgabe des „New Yorkers“, in der angeblich sein einziger in der Zeitschrift abgedruckter Cartoon stehen soll, ist über das Cover identifizierbar. Und die simulierten Kalo-Arbeiten entsprechen so dem grafischen Zeitgeist der Vierziger und Fünfziger, dass man es kaum glauben mag, dass sie fast ein halbes Jahrhundert später von Seth ausgeführt wurden.
Kein Wunder also, dass der „New Yorker“, der in diesem Comic eine so wichtige Rolle spielt, weil nur er als ernst zu nehmende Referenz für Mid-Century-Cartoons gilt, ausgerechnet Seth gebeten hat, nun noch einmal eine Referenz an einen Star seiner Anfangszeit zu zeichnen, diesmal aber einen echten: Rea Irvin. Wobei den in Deutschland auch nur Fachleute kennen werden, obwohl er derjenige war, dem der „New Yorker“ überhaupt sein Erscheinungsbild verdankte. Irvin war de facto der erste Art Director des Blatts, und er zeichnete das erste Titelblatt – das berühmte im Stil des neunzehnten Jahrhunderts gezeichnete Profilporträt eines monokelbewehrten Dandys, der später den Phantasienamen Eustace Tilley verliehen bekam, als er erst wiederholt in Vignetten im Heft auftrat und zu jedem Jahrestag des ersten Hefts auch wieder das Cover zieren durfte. Im Laufe der hundert Jahre haben auf diese Weise etliche andere Cartoonisten ihre Version von Eustace Tilley erstellt. Irvin selbst starb 1972 und war da schon beim „New Yorker“ ausgeschieden.
Hier treibt es Seth einmal bunt
Über das Leben dieses Mannes hat Seth also nun seinen neuen Comic gezeichnet, der allerdings nicht wie „Eigentlich ist das Leben schön“ auf 150 Seiten Begeisterung ausdrückt, sondern mit nur vier Seiten zurechtkommen muss. Dafür allerdings – untypisch für Seth und auch für klassische Cartoons – in Mehrfarbdruck. Nicht, dass Seth von einem seiner Leitprinzipen – niemals mehr als eine Zusatzfarbe! – abgewichen wäre, aber er nimmt diesmal zwei (ein tiefes Pink und ein türkisangenähertes Grün) und verteilt diese einfach einzeln auf die Panels (Grün für die Eigenauftritte als Kommentator, Rosa für die historischen Szenen, denn wir reden ja von wilden Zeiten). Zweimal gibt es auch ein jeweils grau eingefärbtes Bild (beides Simulationen von Fotos), und presto – hat man den Eindruck von Vielfarbdruck. Da die Cover des „New Yorkers“ immer bunt waren, passt alles.

„Rea Irvin – An Appreciation“ hat Seth seine Hommage betitelt. Als Liebeserklärung also oder etwas neutraler: Bewunderung. „Marvellous, sublime“ nennt die Seth-Figur einmal Irvins Kunst, und ihr Gesicht strahlt dabei, wie man es in den Bildern aus „Eigentlich ist das Leben schön“ beim Reden über Kalo nie gesehen hat. Wahre Liebe bringt eben doch noch etwas anderes hervor als auch noch so gut erdachte.
Und natürlich schwingt Wehmut mit in dieser Herzensangelegenheit des Nostalgikers Seth. Denn Irvin verließ die Redaktion erst 1968, aber sein letztes Cover von insgesamt 169, die Irvin zeichnete, erschien bereits 1958. Zehn Jahre lang weitere gestalterische Kärrnerarbeit ohne den Glanz des großen Auftritts – „denken Sie sich Ihren Teil“, kommentiert das die Seth-Figur mit vorsichtigem Blick nach links und rechts. Um dann seinen Helden im Himmel zu beobachten, wo er etwas abseits von dank ihrem allgemeinen Ruhm zu Recht ermüdet wirkenden Giganten wie Einstein, Frida Kahlo und Picasso auf einer Wolke sitzt und darauf wartet, dass ihm noch einmal die Stunde schlägt. In Gestalt eines Glockensignals, das dort oben ankündigt, dass jemand da unten des Verstorbenen gedacht hat. Dank Seths Vierseiter wird im Paradies jetzt ein gewaltiges Glockenspielkonzert erklungen sein.
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