Sido begeistert auf der Agora der Messe Frankfurt

Sido begeistert auf der Agora der Messe Frankfurt

„Der Künstler wünscht keine Regenschirme“, lautet unverblümt die Botschaft am Eingang. Zum 25-Jahre-Bühnenjubiläum kann sich der seit geraumer Zeit sehr erfolgreiche Rapper, Komponist, Texter, Musikproduzent und Schauspieler Sido erlauben ganz spezielle Wünsche zu äußern. Aufgrund der gegenwärtig unberechenbaren Wetterlage finden sich bei den mehr als 10.000 Konzertgängern auf dem Freigelände Agora der Frankfurter Messe dennoch eine erkleckliche Anzahl dieser praktischen Schutzhilfen. Gottlob, bleibt der Himmel bis zum Finale klar.

Abgesehen davon, präsentiert sich der in ein sommerlich seidiges wie zweiteiliges Outfit mit knielangen Hosen zu weißen Sneakers gehüllte 44 Jahre alte Star zumeist als seelenreines Unschuldslämmchen. Öfter formt der mit stark grau meliertem Vollbart und sehr dunkler Sonnenbrille ausgestattete hyperaktive Akteur mit seinen Händen ein Herz Richtung Publikum. So eine Geste kommt selbstverständlich an. Auch rutschen ihm solche Sätze heraus: „Heute Abend ist hier ein Riesenpaket Liebe unterwegs. Dankeschön! Dankeschön! Vielen Dank für die Liebe!“ und „Ich weiß jetzt, was Liebe ist.“

Ein regelrechtes Wunder

Vom Saulus zum Paulus gewandelt, ein regelrechtes Wunder: Zeigte sich der 1980 in Ost-Berlin unter bürgerlichem Namen Paul Hartmut Würdig geborene Künstler doch nicht nur zu Karrierebeginn zuweilen als ganz böser Bube. Oder war das etwa alles nur Method Acting, um den Jackpot zu knacken? Eine vom US-Gangsta-Rap abgeschaute, auf deutsche Verhältnisse umgewandelte Strategie, die auch den Kollegen und Konkurrenten Bushido so erfolgreich machte.

In strikter Chronologie präsentiert Sido in mehr als Songbeispielen seinen unaufhaltsamen Aufstieg. Los geht’s mit jenem Hochhaus am Senftenberger Ring 66 in Berlins Märkischem Viertel, das gigantisch auf dem Bühnenvorhang prangt. Da wuchs Herr Würdig vaterlos auf und versagte in der Schule. Ein Filmeinspieler über den sozialen Wohnungsbau rundet die Studie ab. Sido trägt dazu jene verchromte Totenkopfmaske mit der er anfänglich öffentliche Aufmerksamkeit erregte.

Hip-Hop nur noch als Basis

In rascher Folge haken sich Kurzversionen von frühen Kultnummern wie „Steig ein!“, „Mein Block“, „Goldjunge“, „Strassenjunge“, „Halt dein Maul“ und „Meine Jordans“ ab. Jene Phase fasst er krass mit den Worten „Wenn ich damals abgekratzt wäre, hätte das maximal meine Mutter interessiert“ zusammen. Dazu stellt er fest: „Wir Straßenjungs kämpfen nur ums Überleben.“ Auf den Bühnenvorhang projiziert sich nun das Kreissägen-Logo von Sidos ehemaligem Label Aggro Berlin.

Mit Produzent DJ Desue, einem Keyboarder und Gitarristen, einem Schlagzeuger sowie gelegentlichem Einsatz von einem männlichen und einer weiblichen HarmonievokalistIn im Rücken setzt sich die Sido-Saga mit Kurzversionen von „Hey du!“, „Bilder im Kopf“, „Ackan“, „Fuffies im Club“ und „Löwenzahn“ fort. Wenig später ist die Chrommaske gefallen. Stilistisch bleibt Hip-Hop nur noch als Basis im Sound-Fundament. Stattdessen dominiert ein breites massentaugliches Stilspektrum. Einfach herrlich, wie Sido in „Masafaka“ die ahnungslose Naivität von Redakteuren und Moderatoren der Radio- und TV-Sender über Rap und Hip-Hop bloßstellt. Als hätte er es auf einer Akademie gelernt, spurtet er mit einem knallbunten Mix aus kalkulierter Respektlosigkeit und Tabuzonenübertretungen sowie medialer Dauerpräsenz und seltsamen künstlerischen Duetten die Erfolgsleiter weiter nach oben.

Von nun an kredenzt Sido seine Hymnen in ganzen Versionen: „Augen auf“, „Leben vor dem Tod“, „Der Himmel soll warten“ oder „Mein Testament“ beschäftigen sich allesamt mit der Sterblichkeit. Auch das dient dem positiven Marketing der Kunstfigur. „Ick mach einfach Icke-Sachen“, berlinert er trotzig. Als Running-Gag taucht als Begriff zum wiederholten Male der Titel jener Ode auf, die angeblich alle hören wollen: der „Arschficksong“. Doch diese in ein harsches Arrangement gegossene Sexualpraktik folgt erst ganz am Ende.

Vorprogramm-Rapper Estikay gesellt sich für einige Songs dazu. Und weiter geht es im Reigen der Erfolgshymnen. Etwas umständlich fabuliert Sido über seine während der Coronazeit therapierte Suchtabhängigkeit, die er mit dem Fazit „Ich liebe mich mittlerweile selber“ krönt. Eines muss man dem mehrfachen Vater zugestehen: Die mediale Klaviatur der positiven wie auch negativen Selbstvermarktung beherrscht er perfekt. Zum Abschied dann noch einmal gezielte Worte: „Ich habe in Berlin vor sehr viel mehr Menschen gespielt, aber Frankfurt toppt nun wirklich alles“. Das geht der nach zwei Stunden glücklich in die Frankfurter Nacht entlassenen Besucherschar runter wie Öl.

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