Sind Historiker durch Chatbots ersetzbar?

Sind Historiker durch Chatbots ersetzbar?

Wie gelingen Geschichtsschreibung und Erinnerungskultur in Zeiten von KI? Dieser Frage ist ein Historiker am Beispiel des Holocaust nachgegangen. Sein Fazit: Menschliche Erfahrungen sind höchst individuell, weswegen Algorithmen und Chatbots sie nicht kategorisieren und einordnen können. Das Ausmaß menschlichen Leids wird von den KI-Modellen ignoriert oder verknappt. Historiker stünden vor der Aufgabe, diese Fehler der künstlichen Intelligenz bei ihrer Arbeit mit Zeitzeugenberichten zu kompensieren, indem sie die Bedeutung der Berichte besser interpretieren als Chatbots es können.

Auf künstlicher Intelligenz beruhende Chatbots können inzwischen verschiedenste Themen und Inhalte sehr gut erklären, einordnen und zusammenfassen. In Alltag, Schule, Studium und Beruf können sie dadurch enorm Zeit sparen und eine große Hilfe sein. Manche Berufe könnten zukünftig sogar ganz durch generative KI-Modelle ersetzt werden, selbst akademische Berufe in der Forschung, wie viele meinen. Auf einer kürzlich von Microsoft erstellten Liste stehen Historiker beispielsweise auf Rang 2 der austauschbaren Berufsgruppen.

Aber gelingt es künstlicher Intelligenz wirklich, Geschichtsexperten zu ersetzen, auch bei anspruchsvollen und ethisch schwierigen Themen wie dem Holocaust? Welche Inhalte gehen in der Geschichtsschreibung und Erinnerungskultur möglicherweise verloren, wenn KI solche Themen zusammenfasst und vermeintlich Unwichtiges aussortiert?

Wie gut versteht KI Berichte von Zeitzeugen?

Dieser Frage ist der Historiker und Nationalsozialismus-Experte Jan Burzlaff von der Cornell University in Ithaca nachgegangen. Dafür stellten er und seine Studierenden dem Sprachmodell ChatGPT probeweise verschiedene Aufgaben zum Holocaust und zu den Zeitzeugenberichten von Überlebenden. Unter anderem sollte der Chatbot fünf persönliche Berichte zusammenfassen, die 1995 in La Paz, Krakau und Connecticut von Holocaust-Überlebenden aufgenommen wurden.

Das Ergebnis: Die KI berichtete zwar davon, dass die Betroffenen stark gelitten hatten. Sie verschwieg jedoch emotionale Details der Erzählungen und unterschlug damit das Ausmaß des Leides. Zum Beispiel erwähnte ChatGPT nicht, dass die Mutter der damals siebenjährigen Luisa D. sich 1942 auf der Flucht vor den Nazis selbst in den Finger schnitt, um ihre Tochter durch die Feuchtigkeit ihres Blutes vor dem Verdursten zu bewahren. „Dieser intimste, beängstigendste Moment – unaussprechlich und unvergesslich – wurde von einem Modell unsichtbar gemacht, das darauf trainiert ist, das Wahrscheinliche über das Tiefgründige zu stellen“, schreibt Burzlaff.

Der persönliche Horror von Luisa D. wurde so auf ein vernachlässigbares Ereignis unter vielen reduziert – weil es in keine bekannte Kategorie passte. Da menschliche Erfahrungen jedoch nie einheitlich sind und nicht unbedingt einem Muster folgen, können Algorithmen sie nicht richtig gewichten oder einordnen, so Burzlaff. Das Ergebnis sei ein entkoppelter und flacher Abklatsch der Realität, weil das Wesentliche und Herausragende fehle. Die KI schaffe es nicht, die unter den Worten versteckte, vielschichtige Bedeutung der Ereignisse zu verstehen und ihren emotionalen und ethischen Wert einzuordnen.

Vor welchen Aufgaben stehen Historiker?

Nach Ansicht von Burzlaff belegen solche Versäumnisse der künstlichen Intelligenz, dass menschliche Historiker auch im KI-Zeitalter unverzichtbar bleiben, um die Geschichtsschreibung nicht zu einem oberflächlichen, geglätteten Überblick verkommen zu lassen. Nur Menschen seien in der Lage, die emotionalen und moralischen Aspekte von historischen Ereignissen in all ihrer Komplexität zu erfassen und einzufangen. Das gelte nicht nur für das Extrembeispiel des Holocaust, sondern auch für weniger schwerwiegende Weltereignisse. „Die Herausforderung, die vor uns liegt, besteht nicht darin, KI abzulehnen, sondern das zu bekräftigen, was das historische Denken tatsächlich erfordert: Widersprüche, Lücken, Positionalität und die langsame Arbeit der Bedeutungsfindung“, sagt Burzlaff.

Historiker sollten sich nach Ansicht des Forschers daher nicht allzu sehr auf die Unterstützung durch KIs verlassen, um die wahre Bedeutung ihrer Arbeit nicht aus den Augen zu verlieren. Statt nur mit Algorithmen und KI-Zusammenfassungen große Datenmengen aus Archiven nach vorgefertigten Vorlagen auszuwerten, sollten sie sich lieber auf die Interpretation und Bedeutung der Ereignisse konzentrieren. Vor allem wenn es um Traumata, Genozide und historische Ungerechtigkeiten gehe, sei ein differenziertes Vorgehen wichtig.

„Historiker müssen sich dessen bewusst sein, was diese Systeme können und was nicht“, schreibt Burzlaff. „Sie fassen zusammen, hören aber nicht zu. Sie reproduzieren, aber interpretieren nicht. Sie zeichnen sich durch Kohärenz aus, scheitern aber an Widersprüchen.“ Burzlaff hat in seinem Artikel entsprechende Richtlinien verfasst, wie Lehrkräfte und Forschende seiner Meinung nach mit KI und historischen Themen umgehen sollten. Dazu gehöre, genau das zu tun, was KI nicht kann: „innehalten, zurückkehren und interpretieren“.

Quelle: Cornell University; Fachartikel: Rethinking History, doi: 10.1080/13642529.2025.2546174

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