So geht es ukrainischen Forschern in Deutschland

So geht es ukrainischen Forschern in Deutschland

Valeria Lazarenko wartet. Mehr könne sie gerade nicht tun, sagt sie. Öffnet sie das Bewerbungsportal, steht dort „Application under Review“, Bewerbung wird geprüft. Die letzten zwei Jahre hat die promovierte Migrationsforscherin an der Humboldt-Universität zu Berlin gearbeitet, ein befristetes Projekt. Ob und wann sie nun eine feste Position kriegt, weiß sie nicht.

Nun könnte man sagen: So ist Wissenschaft eben. Aber das wäre nicht die ganze Geschichte, denn Lazarenko hat die letzten Jahre nicht nur gearbeitet, geforscht, Daten gesammelt, sie ist auch vor einem Krieg geflohen. Am 24. Februar 2022 begann Russland die militärische Invasion der gesamten Ukraine. Etliche Wissenschaftler mussten das Land verlassen. Die meisten gingen nach Deutschland, wie es Daten der UNESCO zeigen. So auch Lazarenko.

Ein Schwebezustand

Anfangs stießen sie dort auf breite Solidarität. Viele Universitäten und Stiftungen richteten kurzfristig Förderprogramme ein, speziell für ukrainische Forscher. Heute, drei Jahre später, sind viele dieser Programme ausgelaufen, Mittel gekürzt. Für die geflüchteten Wissenschaftler bedeutet das eine Art Schwebezustand, weil sie für einige Förderungen nicht mehr infrage kommen, da sie bereits zu lang in Deutschland leben oder es kaum noch welche gibt. Dabei ist der Krieg geblieben.

Die Historikerin Iryna Klymenko leitet den Aufbau der Forschungsstelle Ukraine der Max-Weber-Stiftung.
Die Historikerin Iryna Klymenko leitet den Aufbau der Forschungsstelle Ukraine der Max-Weber-Stiftung.Informationsdienst Wissenschaft

„Wenn geflüchtete Ukrainer nun einfach dem regulären Arbeitsmarkt überlassen werden, ist es extrem schwer, eine Stelle zu finden“, sagt Lazarenko. „Weil sie gar nicht wissen, wie dieser Markt funktioniert, keine deutschen Abschlüsse mitbringen.“ Und dann ist da noch die Sprachbarriere: Viele Stellen beinhalten, dass gelehrt wird – auf Deutsch.

Barrieren, die auch Iryna Klymenko beobachtet. Die Historikerin arbeitete lange an der LMU München, nun leitet sie den Aufbau der Forschungsstelle Ukraine der Max-Weber-Stiftung in Lviv. „Das deutsche akademische System ist strukturell im hohen Maße geschlossen“, sagt sie. Zwar werde Internationalisierung in Selbstbeschreibungen der Universitäten gern großgeschrieben. „De facto aber rechnet das System, insbesondere in den Geistes- und Sozialwissenschaften, kaum mit alternativen akademischen Biographien und tut sich schwer damit, internationale Abschlüsse und Leistungen zu übersetzen.“

Was fehlt, ist eine langfristige Perspektive. „Derzeit stecken viele in einer Übergangssituation fest“, sagt Viktoriya Sereda. Als Hauptkoordinatorin des Virtual Ukraine Institute for Advanced Studies (VUIAS) am Wissenschaftskolleg hat sie viel Kontakt zu ukrainischen Wissenschaftlern. „Man darf nicht vergessen, wer vor allem geflüchtet ist: Frauen mit Kindern oder Angehörigen, die sie pflegen. Für sie ist es schwierig, von einem kurzfristigen Stipendium zum nächsten zu wechseln.“

Darüber hinaus hänge es auch vom Aufenthaltsstatus ab, inwiefern ein Umzug oder tägliches Pendeln überhaupt umsetzbar sind. Selbst wenn man, wie Lazarenko, theoretisch umziehen könnte, wäre das mit großen Hürden verbunden. „In Berlin habe ich mein Netzwerk, Menschen, die mich unterstützen. Es hat mich so viele Ressourcen und Kraft gekostet, mich hier niederzulassen, mir mein Leben von null aufzubauen.“ Und das alles noch mal?

Fehlende Wertschätzung für Expertise

Neben logistischen, psychischen und bürokratischen Problemen spricht Sereda von einer Art Stigma, das Exilwissenschaftlern anhaftet. „Sobald jemand als Geflüchteter bezeichnet wird, schwingt immer mit, dass die Person nur vorübergehend hier ist, und das drängt sie aus dem fachlichen Diskurs heraus. Ukrainer sprechen über die Situation in der Ukraine für ein ukrainisches Publikum. Es fehlt das Verständnis, dass diese Wissenschaftler echte Experten auf ihren Gebieten sind und eine Expertise mitbringen, die in der deutschen Wissenschaft oft fehlt.“ In der Ukraine werde russische Propaganda beispielsweise schon viel länger erforscht als in Europa. „Die Haltung sollte sein: ‚Du kommst, weil du etwas Wichtiges beisteuern kannst‘ – und nicht: ‚Wir unterstützen dich, weil du gerettet werden musst.‘“

Natürlich gibt es auch positive Geschichten zu erzählen. Zum Beispiel von einer neuen Art der Kooperation: interdisziplinäre Forschungsprojekte, etwa zwischen Mathematik und Archäologie, die ohne Vernetzungstreffen, wie sie das VUIAS organisiert, nie entstanden wären. Neue Arten, Geschichte zu dokumentieren, wie Felix Ackermann kürzlich im „Merkur“ schrieb. Oder die anfängliche Solidarität.

Auch die Historikerin Nani Hohokhiia kann solche Geschichten erzählen. Davon, wie positiv ihre Erfahrungen in München waren, wie sie willkommen geheißen wurde, mit ihrer Familie, ihren Katzen, wie sie schnell Freunde fand, die ihr bei bürokratischen Angelegenheiten halfen. Wie die LMU München und die Deutsch-Ukrainische Historikerkommission das „Ukrainian Research Seminar“ einrichteten, erst für drei Monate, dann für sechs.

„Der Gedanke, woanders noch mal von vorne anzufangen, machte mir Angst“

Aber sie erzählt eben auch, wie stark das Heimweh von ihr und ihrer Tochter war, wie groß die Sorge um ihre Eltern, die in der Ukraine zurückblieben. Und dass sie, nach Ablauf dieser Monate, „einfach nicht die Möglichkeit gesehen hat, in München zu bleiben“. Nach Stellen oder Projekten in anderen Städten wollte sie nicht schauen, ihre Tochter hatte sich gerade in München eingelebt. „Der Gedanke, woanders noch mal von vorne anzufangen, machte mir Angst“, sagt sie. Mittlerweile lebt sie wieder in der Ukraine. Sie arbeitet an dem Projekt „Global History of Ukraine“, ein nötiges und wichtiges Projekt, wie sie sagt. Wenn auch keine einfaches: Ihre Arbeit wird von Bombenalarmen unterbrochen, der Onlineunterricht regelmäßig von Stromausfällen.

Zerstörte Universität in Irpin: Trotz schwieriger Bedingungen kehren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in die Ukraine zurück.
Zerstörte Universität in Irpin: Trotz schwieriger Bedingungen kehren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in die Ukraine zurück.Imago

Rückkehr in die Ukraine

Hohokhiia ist kein Einzelfall. Belastbare Zahlen, wie viele Wissenschaftler zurückgehen wollten, gibt es zwar nicht, Schätzungen ergeben allerdings, dass rund siebzig Prozent zurückkehren wollen. „Die Motivlage ist komplex und kompliziert“, sagt Klymenko. Einige kehren wegen ihrer Familie zurück. Andere, weil sie keine Integrationsmöglichkeiten sehen. Wieder andere, weil sie in der Ukraine gute, feste Anstellungen hatten und einige Institute drohen, diese zu streichen.

„Was wir in Deutschland tun können und sollten, ist zweierlei“, sagt Klymenko. „Unser eigenes akademisches System so verändern, dass es Nichtrückkehrer integriert. Und neue, nachhaltige Institutionen in der Ukraine etablieren, die Rückkehrern die Option bieten, mit der internationalen Wissenschaft nicht nur verbunden zu bleiben, sondern sie mit ihren Perspektiven zu bereichern.“ Das versuchen die Max-Weber-Forschungsstelle Ukraine oder das VUIAS des Wissenschaftskollegs, auch Bund und der DAAD fördern die Hochschullandschaft in der Ukraine.

Trotz all dieser Bemühungen wird es Menschen geben, die weder in Deutschland noch in der Ukraine in der Wissenschaft bleiben können, sagt Sereda. Ein Brain Waste statt Brain Drain. Auch Lazarenko kennt Kollegen, die nun keine mehr sind, weil sie die Wissenschaft verlassen haben. Sie hat ebenfalls schon darüber nachgedacht. „Aber noch bin ich optimistisch, hoffnungsvoll“, sagt sie. Und wartet weiter.

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