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#Soziopathen in freier Wildbahn

Soziopathen in freier Wildbahn

Serienhelden müssen nicht unbedingt sympathisch sein. Über Adam (Simon J. Berger) aus Oslo, eine von vier überaus abstoßenden Hauptfiguren der norwegischen Serie „Exit“, lässt sich bestenfalls sagen: Der Neununddreißigjährige ist ein Kind seiner Zeit. Er war ein Teenager, als der entfesselte globale Finanzmarkt eine neue Form von Akteuren verlangte, suchte sich seine Vorbilder in der Welt des Turbokapitalismus, die so vollständig anders war als die gemeinwohlorientierte, vom „Janteloven“-Gedanken („Du sollst nicht glauben, dass Du etwas Besonderes bist“) zusammengehaltene Welt seiner Heimat.

Und die Spekulantenparty ging nach dem Platzen der Dotcom-Blase bekanntlich erst los, sie wurde nicht einmal von den Folgen der Lehman-Brothers-Pleite gestoppt. In diesen Jahren gründete und verkaufte Adam drei Firmen. Er besaß 2010 seine erste Million, verwaltet heute mehrere Hedgefonds, und sein Biograph dürfte eines Tages den nordirischen Fußballspieler George Best zitieren: „Ich habe viel Geld für Alkohol, Frauen und schnelle Autos ausgegeben, den Rest habe ich einfach verprasst.“ In Norwegen, wo Alkohol mit mehr als 4,75 Prozent nur im „Vinmonopol“ erhältlich und der Kauf sexueller Dienstleistungen verboten ist, provoziert Adams Freude an Koks und Huren ganz besonders.

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Mit nichts zu rechtfertigen ist die Brutalität, die aus Adam und seinen nicht minder verhaltensgestörten Buddies William (Pål Sverre Hagen), Jeppe (Jon Øigarden) und Henrik (Tobias Santelmann) regelmäßig hervorbricht. „Exit“ ist ein Serie über das, was mittlerweile toxische Männlichkeit genannt wird. Einer der Gang bringt eine Prostituierte im Koksrausch beinahe um, ein anderer drischt bei einem Parkspaziergang auf ein Liebespaar ein, der dritte prügelt einen Sommerpartygast aus heiterem Himmel krankenhausreif, und der vierte würgt seine schwangere Frau.

Pseudophilosophisches Gebrabbel

Dergleichen ist nicht einmal als Filmstoff zu ertragen, und das Lächeln, mit dem die „Wolves of Wall Street“ einander vergeben, ist das Schlimmste daran. Adam, William, Jeppe und Henrik sind Soziopathen. Das Geld hat sie dazu gemacht. Sie fühlen sich im Glaubenssystem Kapitalismus, in der Kirche des heiligen Mammon, als „so was wie Priester“ – unberührbar, zu allen Widerlichkeiten befugt. Bei Gesprächen über ihre Karriere, zu denen der Reporter eines Wirtschaftsmagazins anreist, sprudelt und schäumt das pseudophilosophische Gebrabbel in ihrem Mund.

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Die kurzen, aber wiederholt eingestreuten Reporterszenen erinnern an einen Hinweis, der „Exit“ vorangestellt ist: Serienschöpfer Øystein Karlsen will bei seinen Recherchen Interviews mit vier echten Börsenmaklern aus Oslo und weiteren Gesprächspartnern aus ihrem Umfeld geführt haben. Finanzjongleure, die Frauen nicht auf ekelhafteste Weise erniedrigen, Familienväter ohne Doppelleben und Börsianer, die abends nicht mit der Heckenschere zum Nachbar ausrücken, um aus Rache an einer Ruhestörung dessen blühende Rosen zu kappen, fehlten offensichtlich in seinem Programm.

Ob Carlsen auch mit den bedauernswerten Partnerinnen sprach, ist nicht überliefert. Als Opfer kommen sie in „Exit“ vor, wobei die größte Aufmerksamkeit Adams Ehefrau Hermine (Agnes Kittelsen) gilt, einer traurigen Schönheit, die den Tag an der Seite einer hochgerüsteten Kaffeemaschine verbringt, Unterlagen für ein erträumtes Studium durchmarkert und anschließend vor lauter Leere in Kopf und Designschachtel eine Psychologin besucht.

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Hermine ist die einzige zur Identifikation einladende Serienfigur: Sie hofft auf ein Kind, weiß aber nichts von Adams heimlicher Sterilisierung, und so wird die Nachricht von ihrer Schwangerschaft zu einer ernsten Belastung für das Zusammenleben ohne Ehevertrag.

Mit grässlichen Folgen. Schon vorher wollten wir mehrfach ausschalten: aus Überdruss an der überdeutlichen Richtung der Story (der das Vermögen eines Sittengemäldes wie „Bad Banks“ fehlt) und Abscheu gegenüber der unfreiwillig, dann irgendwie doch heroisierten Boygroup (in der kein Amoralist das Format eine Gordon Gekko besitzt). Als der jähzornige Adam seine Gattin die Treppe hinunterstürzt, sind wir endgültig raus.

Norwegen hingegen, ein braves Land, das durch Öl und Gas zu Wohlstand gelangte, die staatlichen Überschüsse seit 1996 in einen Pensionsfonds steckt und sich bei allem sagenhaften Reichtum treu geblieben zu sein meint, soll „Exit“ fasziniert verfolgt und debattiert haben. Zum Start von Staffel zwei informierte die Wirtschaftszeitung Dagens Næringsliv über die teuren Weine und den Fuhrpark der Gang.

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Am Samstag zeigt ZDFneo „Exit“ von 23.35 Uhr an in acht Folgen am Stück. Von Sonntag an ist die Serie in der ZDF-Mediathek.

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