Stadttiere sind mutiger

Stadttiere sind mutiger

Städte sind nicht nur Ballungszentren für uns Menschen, sie bieten auch zahlreichen Tieren einen Lebensraum. Doch die tierischen Stadtbewohner unterscheiden sich mitunter deutlich von ihren Verwandten auf dem Land. Während Tauben im Wald meist flüchten, sobald sich ein Mensch nähert, picken ihre Artgenossen in der Stadt direkt zu unseren Füßen. Eine Übersichtsstudie hat nun systematisch ausgewertet, welche Verhaltensweisen Tiere in der Stadt und auf dem Land an den Tag legen. Das Ergebnis: Stadttiere sind mutiger, neugieriger und aktiver, aber auch aggressiver als ihre wilderen Artgenossen.

Wir Menschen verändern unsere Umwelt tiefgreifend. Damit stellen wir auch die Tierwelt vor neue Herausforderungen: Wo sich einst Wiesen und Wälder erstreckten, sind heute Straßen und Häuser. Während wir viele Tiere damit verdrängt haben, haben sich andere an das Leben in der Stadt angepasst. Wie sich das auf ihr Verhalten ausgewirkt hat, haben bereits viele Studien für einzelne Arten erhoben. Ein umfassender Überblick über Arten- und Landesgrenzen hinweg fehlte allerdings bislang.

Stadt- und Landtiere im Vergleich

Nun hat ein Team um Tracy Burkhard von der Universität Montpellier in Frankreich 81 Studien aus 28 Ländern dazu ausgewertet, die zusammen 133 Arten umfassen. Dabei stießen die Forschenden auf universelle Muster: „Wir haben festgestellt, dass die Urbanisierung das Verhalten weltweit auf konsistente, vorhersehbare Weise verändert“, berichtet Burkhard. „Die städtischen Populationen waren mutiger und aggressiver als Artgenossen außerhalb der Städte. Zudem waren sie tendenziell aktiver und zeigten mehr Erkundungsverhalten.“

Da sich die meisten der ausgewerteten Studien auf Vögel bezogen, sind die Ergebnisse für diese Tiergruppe am eindeutigsten. Doch auch für Säugetiere, Reptilien, Amphibien und Insekten zeigten sich ähnliche Tendenzen. „Diese Muster deuten darauf hin, dass städtische Populationen einer parallelen, gerichteten Selektion unterliegen oder dass Tiere, die in die Stadt einwandern, einer Umweltfilterung durch typische städtische Bedingungen ausgesetzt sind, die bestimmte Verhaltenstypen begünstigen“, erklären die Forschenden.

Anpassung als Vorteil und Risiko

Die an das städtische Leben angepassten Eigenschaften helfen den Tieren, sich in einer Umgebung anzusiedeln und zu behaupten, die meist wenig mit ihrem ursprünglichen Lebensraum gemeinsam hat. Beispielsweise haben mutigere und erkundungsfreudigere Individuen bessere Chancen, in der Stadt und ihren sich schnell verändernden Bedingungen neue Futterquellen zu erschließen. Zudem sind sie weniger durch die ständige menschliche Präsenz gestresst.

Doch gerade das bringt auch Risiken mit sich: „Wenn Tiere risikofreudiger sind und weniger Scheu vor der Anwesenheit von Menschen haben, werden wir in bestimmten Gebieten viel häufiger mit Wildtieren in Kontakt kommen, und das ist potenziell schlecht für uns und die Wildtiere“, sagt Burkhard. So werden Konflikte zwischen Menschen und Tieren wahrscheinlicher und auch die Gefahr von Zoonosen erhöht sich.

Aus Sicht der Forschenden unterstreichen die Ergebnisse die Notwendigkeit, das Verhalten und die Bedürfnisse von Tieren in der Stadtplanung zu berücksichtigen. Beispielsweise können miteinander verbundene Grünflächen Korridore schaffen, über die sich auch die nicht geflügelten städtischen Tierpopulationen miteinander vernetzen können. Zugleich betonen Burkhard und ihre Kollegen, dass im Bereich der urbanen Evolutionsökologie noch großer Forschungsbedarf besteht, insbesondere in Bezug auf bisher wenig untersuchte Tiergruppen wie Insekten, Amphibien und Reptilien.

Quelle: Tracy Burkhard (Université de Montpellier, Frankreich) et al., Journal of Animal Ecology, doi: 10.1111/1365-2656.70269

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