In wenigen Tagen, am 21. Oktober, wird Alexander Dmitrijewitsch Malofejew (auf Englisch „Malofeev“ umschrieben) fünfundzwanzig Jahre alt. Gleich mit seinem Debütalbum „Forgotten Melodies“ bei Sony zeigt er, dass er schon jetzt zu den besten Pianisten unserer Zeit gehört. Er besitzt ein genaues Verständnis für die klangliche Natur des Klaviers, für die Arbeit mit Obertonresonanzen und für gesangliche Anschlüsse, die in der Lautstärke das naturgemäße Abebben des einmal angeschlagenen Tons mitberechnen müssen, um aus den perkussiven Impulsen Linien entstehen zu lassen. Manuelle Probleme der Spieltechnik kennt er nicht. Aber er weiß, anders als die Klassik-Influencer und klavierspielenden Toyboys, die sonst von der Phonoindustrie lanciert werden, schon viel über Trauer, Schmerz, Trost und Flucht, die in der Musik Gestalt finden, sie antreiben und nach bestimmten Haltungen des Interpreten verlangen, damit sie den Hörer berühren, statt ihn zu ermüden oder abzustoßen.
Malofejew, der während seiner frühen Jahre in Moskau einen Preis nach dem anderen gewonnen hatte, galt als Wunderkind. Er selbst – seinen Lehrern, besonders Jelena Berjoskina, durchaus dankbar – hält die Vokabel „Wunderkind“ für sinnleer. Diese Kinder, zu denen er selbst gehörte, spielten, so sagte er es kürzlich in einem Interview, ohne tieferes Verständnis für die Werke. Wie Affen würden sie ihre Lehrer nachahmen. Mit Kunst habe das wenig zu tun. Aber die Fertigkeiten, um später einmal Kunst zu machen, werden tatsächlich so erworben.
Am 9. März 2022, mit gerade zwanzig Jahren, war Malofejew international in die Schlagzeilen geraten. Das Orchester Symphonique de Montréal verweigerte ihm infolge des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine den vereinbarten Auftritt in Kanada. Obwohl sich Malofejew zuvor deutlich gegen dieses Verbrechen wider das Völkerrecht ausgesprochen und betont hatte, dass jeder Russe an der moralischen Last des Krieges zu tragen habe, machte man ihn mitverantwortlich für die Politik seiner Regierung.
Ein Teil von Malofejews Familie lebt in Russland, ein anderer in der Ukraine. Obwohl er die Öffentlichkeit nicht für politische Erklärungen sucht, ließ er gelegentlich durchblicken, wie schmerzhaft der Kriegszustand für ihn persönlich sei. Ende 2022 entschloss er sich, Russland zu verlassen. Er lebt jetzt in Berlin.
Das Thema seines ersten Soloalbums auf zwei CDs ist das Exil, das als Erfahrungsraum viele russische Komponisten verbindet. Die vier, die Malofejew ausgewählt hat, starben alle im Ausland: Michail Glinka in Berlin, Nikolaj Medtner in London, Sergej Rachmaninow in Beverly Hills, Alexander Glasunow in Neuilly-sur-Seine bei Paris. Die letzten drei sind vor dem bolschewistischen Terror geflohen. Malofejew weiß, dass es zur Erfahrung des Exils gehört, sich eine Welt und eine Vergangenheit zu erfinden, die es so nie gab. Doch Malofejew nähert sich der Nostalgie ohne Ironie. Der Akzent liegt auf dem Schmerz darin.
Schon in den Stücken von Glinka – dessen Mazurken und dem Lied „Die Lerche“ in Mili Balakirews Bearbeitung für Klavier solo – beeindruckt Malofeeb damit, wie leise und mit welcher Ruhe er beginnt. Da summt jemand in sich hinein und duldet uns als Zuhörer. Die virtuosen Kadenzen in der „Lerche“ bringen prunklos und beiläufig die Luft zum Zittern zwischen Erinnern und Vergessen: Wir lauschen einem ländlich-abendlichen Singen als Werk der Kunst, nicht als Dokument von Vergangenheit.
Medtners Zyklus „Vergessene Weisen“ op. 38 hat dem Album den Titel gegeben. Er entstand zwischen 1917 und 1922 unmittelbar vor der Emigration aus Russland, zeitgleich mit den Beschwörungen eines Elysiums in den schmerzhaften Erzählungen von Iwan Bunin aus der Bürgerkriegszeit und mit der „Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust. Das Thema von Sein und Zeit in der individuellen Existenz, von Identität und Erinnerung, beschäftigte die Kunst damals besonders, gerade weil die alte Welt in Trümmern lag. Bei Medtner ist es eine Lebensmelodie, die sich wie halb vergessen durch den Zyklus zieht und selbst eigentlich nur eine Spielfigur darstellt, in der eine geheime Melodie verborgen zu sein scheint.

Malofejew verbindet die Ruhe des Singens mit der Lebhaftigkeit des Erzählens in Phrasierung und Artikulation. Er dehnt und rafft das Zeitmaß nach durch und durch sinnvollen Parametern der formalen und harmonischen Syntax, eine Kunst, die auch sein Kollege Dmitry Ablogin, ebenfalls ein Medtner-Anwalt von Rang, ganz bestechend beherrscht. Malofejew lässt den Flügel singen mit gedämpfter Stimme, desto erschreckender sind die Ausbrüche des Lauten. Der motivischen Überdefinition aller Mittelstimmen und Spielfiguren opfert er nicht die Fasslichkeit. Den Schluss, Alla Reminiscenza, quasi „die wiedergefundene Zeit“, nimmt Malofejew in rasender Euphorie. Das ist vielleicht der einzige Moment, wo die langsame Zerdehnung der Gleichzeitigkeit von dreiteiligem und vierteiligem Metrum im Mitschnitt mit Daniil Trifonov stärker wirkt, weil er das Zeitempfinden gänzlich außer Kraft zu setzen sucht durch ein Verfahren, das an rituelle Trancemusiken erinnert.
Malofejew bewundert Rachmaninow und sieht ihn als sein größtes Vorbild an. In seiner Interpretation der b-Moll-Sonate op. 36, in der späten Fassung von 1931, spürt man die Spannung aus Unrast und Innehalten. Zwischen den krachenden Sturzbewegungen wirken die Lyrismen wie Intarsien der Nostalgie im Schutt des Terrors. Die architektonische Strenge, die für das Rachmaninow-Spiel von Boris Berezovsky so kennzeichnend war, verbindet sich bei Malofejew mit jenem existenziell-tragischen Begriff von Flüchtigkeit, den Alexander Melnikov im vergangenen Jahr auf seiner CD so dringlich in den Klavierbegleitungen zu Rachmaninows Liedern herausgearbeitet hatte.
Die Miniaturen von Glasunow wirken nach Rachmaninows Seismogrammen epochaler Erdbeben wie alte Familienfotos vor Sommerhäusern, auf denen – mit Ausnahme der geschundenen Wolgatreidler – alle lächeln. Der kleine Walzer op. 42 Nr. 3 gerät zum Kabinettstück pianistischer Unterhaltung mit getupften Flötenakkorden über gezupftem Bass im Mittelteil: eine feuilletonistische Glosse ohne Worte.
„Forgotten Melodies“ ist als Album ein pianistisches Statement von Gewicht. Befremdlich daran wirkt nur die Arbeit des Toningenieurs, der alle Geräusche der Pedalmechanik akustisch penetrant abgebildet hat.
Alexander Malofeev: Forgotten Melodies. Klavierwerke von Glinka, Medtner, Rachmaninow, Glasunow. 2 CDs Sony Classical 19802936922 (Sony)
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