#Statt Palmen nur steinerne Gärten

Statt Palmen nur steinerne Gärten

Wie eine braune Wand muss sie den Autofahrern erschienen sein, die Wolke, die sie plötzlich in voller Fahrt einhüllte. Die Massenkarambolage auf der A 19 bei Rostock im April 2011 war einer der schwersten Unfälle auf deutschen Autobahnen. Starke Winde hatten die obere Bodenschicht von ausgetrockneten Feldern beiderseits der Unglücksstelle über die Fahrbahn geweht.

Wenn der Mensch in die Natur eingreift, hat das oft unerwünschte Folgen. So auch auf der Osterinsel im Pazifik. Als Polynesier die Insel erreichten – zwischen 400 und 800 n. Chr., nach neueren Erkenntnissen sogar erst um 1200 n. Chr. herum – war sie von einem subtropischen Palmenwald überzogen. Pollenanalysen zufolge gedieh auf verschiedenen Stockwerken eine Pflanzengemeinschaft – dominiert von mächtigen Honigpalmen, rund 20 Millionen könnte es davon auf der Insel gegeben haben. Doch tausend Jahre nach Ankunft der Polynesier war keine einzige mehr übrig. Die Insel war nun eine karge, mit schwarzen Steinen übersäte Steppe.

Gier nach Bauholz und Palmensaft

Warum? „Dazu kann es nur Vermutungen geben, da Schriftquellen vollkommen fehlen und auch naturwissenschaftliche Befunde rar sind“, sagt Hans-Rudolf Bork von der Universität in Kiel, der sich gemeinsam mit seinem Kollegen Andreas Mieth seit 20 Jahren mit der Osterinsel befasst. Einen Kahlschlag zur Schaffung von Agrarfläche schließt er aus: „Die Palmen standen mehrere Meter auseinander, und dazwischen ließ sich vortrefflich Gartenbau betreiben. Möglicherweise benötigten die Polynesier die Palmstämme, um darauf ihre riesigen Steinskulpturen, die „Moai“, an die Küsten zu rollen. Bork hält es aber für wahrscheinlicher, dass man hinter dem süßen Saft im Inneren der Palme her war.

Bodenerosion im Nordwesten Madagaskars am Betsiboka-Fluss („Roter Fluss“)


Bodenerosion im Nordwesten Madagaskars am Betsiboka-Fluss („Roter Fluss“)
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Bild: Nasa

Wie auch immer, der Raubbau hatte schlimme Folgen. Ohne den Schutz des Palmendachs trocknete der Wind die fruchtbare Krume aus und trug ihre feineren Partikel davon, den Rest schwemmte der Regen weg. „Wo die Böden abgespült waren, endete der Gartenbau“, sagt Bork. Weite Teile im Osten der Insel wurden unfruchtbar. Die Menschen waren gezwungen, neue Anbauflächen zu suchen.

Steinmulch als Anpassungsleistung

Zu einem Zusammenbruch der Gesellschaft sei es dadurch jedoch nicht gekommen, glaubt Bork, denn die Polynesier waren ein einfallsreiches Volk. „Sie legten mehr als eine Milliarde faust- bis kopfgroße Steine auf ihre Gärten.“ Davon gab es auf der Vulkaninsel mehr als genug. Dieser sogenannte Steinmulch schützte den fruchtbaren Boden vor Regen und Wind, sie reduzierten sogar die Verdunstung. Gleichzeitig düngten die mineralischen Verwitterungsprodukte des Gesteins den Boden, und seine dunkle Farbe speicherte Wärme bis in die Abendstunden. Der Mensch hatte sich an seine von ihm selbst so stark veränderte Umwelt angepasst.

Der großflächige Anbau von Rollrasen,wie hier in Ginsheim am Altrhein, ist eine Ursache für Bodenerosion. Nach dem die Grasnarbe abgeschabt wurde, wie hier zu sehen, bleibt harter, trockener Mutterboden zurück.


Der großflächige Anbau von Rollrasen,wie hier in Ginsheim am Altrhein, ist eine Ursache für Bodenerosion. Nach dem die Grasnarbe abgeschabt wurde, wie hier zu sehen, bleibt harter, trockener Mutterboden zurück.
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Bild: Manfred Lindinger

Auch hierzulande, und nicht erst mit dem Anbruch der Industrialisierung, leisteten Umweltveränderungen durch den Menschen verheerenden Naturkatastrophen Vorschub. Die Spuren eines Ereignisses im Sommer 1342 sind noch heute in Deutschland vielerorts zu sehen. Die Regenfälle am Tag der heiligen Magdalena gingen damals als Magdalenenflut in die Geschichte ein. Schon damals war in Mitteleuropa eine große Zahl schützender Bäume verschwunden. Von den Waldflächen, die das Land noch um die erste Jahrtausendwende herum dominiert hatten, waren um 1300 bereits 85 Prozent gerodet. „Die Landschaften Mitteleuropas waren damals so waldarm wie nie zuvor“, sagt Bork, der sich auch mit den Ereignissen der Magdalenenflut beschäftigt. „Jede nutzbare Fläche war bis zum 13. Jahrhundert zu Ackerland geworden“, erklärt Bork.

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