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Bislang zählten Menschen, die unter einer Angststörung leiden, nicht zur bevorzugten Zielgruppe der Reisebranche. Als Kunden sind sie aufgrund ihrer labilen Gefühlswelt schlicht nicht verlässlich genug. Ein Yoga-Kurs unter im Wind säuselnden Palmen, der gestresste Großstädter in Entzücken versetzt oder das Umarmen von Bäumen lässt ihre Herzen nicht automatisch ruhiger schlagen. Anders formuliert: Für die Tourismusbranche sind sie ein harter Brocken.
Nun haben Wissenschaftler der Universität von Oklahoma mit einer Metaanalyse herausgefunden, dass eine sogenannte Abenteuertherapie Symptome, die im Zusammenhang mit Angststörungen auftreten, mindern kann. Da stellt sich natürlich zuallererst die Frage: Was genau ist ein Abenteuer? Der Duden bietet folgende Antwort: „mit einem außergewöhnlichen, erregenden Geschehen verbundene gefahrvolle Situation, die jemand zu bestehen hat“. Der eine wird nun rufen: „Das trifft auf eine Zugreise mit der Deutschen Bahn zu!“, während andere die Besteigung des Matterhorns vor Augen haben.
Ein paar Raubritter besiegen
Wie wunderbar klar definiert war das Abenteuer doch im Mittelalter, als Hartmann von Aue seinen in den Wonnen der Minne versackten Helden Erec losschickte („Reit ûf âventiure“), um sich in der weiten Welt zu bewähren. Erec zog hinaus und musste ein paar Raubritter und einen Zwergenkönig besiegen, wobei er sich wacker schlug. Es ging um ritterliche Werte, um Ehre und Selbstfindung – die großen Themen also. In Oklahoma jedenfalls dürften sich die Tour- und Erlebnisanbieter angesichts der Erkenntnisse zur Abenteuertherapie die Hände reiben. Nichts gegen die wissenschaftlich belegten Heilkräfte der Natur, welche die Verfasserin dieser Zeilen selbst schon genug erleben durfte, doch man hört bereits die unverfrorenen Werbeslogans der Veranstalter: „Bekämpfen Sie das Engegefühl in Ihrer Brust mit River Rafting und Canyoning“ oder „Mit Westernreiten Herzrasen und Schwindel für immer besiegen“.
Womöglich werden zukünftig auch der Seilrutsche, die des lässigeren Klangs wegen landauf landab nur noch Zipline genannt wird, Wunderkräfte attestiert. Wer sich auf der sicheren Abenteuerseite behauster fühlt, greift doch besser zu Hartmann von Aues „Erec“ oder einem Abenteuerroman, selbstverständlich von literarischem Weltrang – und reist in Gedanken auf einsame Inseln, geht auf Walfang, fährt Ballon, schlägt sich durch den Dschungel oder paddelt kühn durch das Herz der Finsternis. Und irgendwann verwandelt sich das Gelesene vielleicht tatsächlich ins Erleben.
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