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„Tauwetter in der Wüste“

Noch 2016 durfte ein international tätiger Dirigent mit israelischem Pass nicht ins Emirat Abu Dhabi einreisen. Jetzt wurde ein anderer israelischer Dirigent und Pianist zusammen mit seinem Orchester aus Tel Aviv sogar zu einem geschichtsträchtigen, kulturellen Staatsakt nach Abu Dhabi eingeladen: Lahav Shani und das Israel Philharmonic Orchestra (IPO), das er seit 2020 als Nachfolger von Zubin Mehta leitet.
Dass dies möglich würde, hatte der langjährige, sichtlich bewegte Generalsekretär des Orchesters, Avi Shoshani, nie glauben können. Zuletzt war das IPO 1938, zwei Jahre nach seiner Gründung, in einem arabischen Land aufgetreten, in Kairo. Aber damals gab es den Staat Israel noch nicht. Und für die soeben zu Ende gegangene Fußballweltmeisterschaft in Qatar erhielten israelische Staatsbürger auch nur ausnahmsweise eine Einreisebewilligung.
Qatar gehört nicht zu den sieben Vereinigten Arabischen Emiraten mit der Hauptstadt Abu Dhabi. Vertreten durch ihren Außenminister, Scheich Abdullah bin Zayid Al Nahyan, unterzeichneten sie im September 2020 das sogenannte Abraham-Abkommen mit dem damaligen und jetzigen designierten israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu. Ziel war die Normalisierung der Beziehungen auf diplomatischer, wirtschaftlicher, militärpolitischer und kultureller Ebene – ein „Leuchtfeuer“ für Frieden und Wohlstand, wie es hieß.
Seither gibt es in Abu Dhabi eine israelische Botschaft und die einzige lizenzierte jüdische Gemeinde der Emirate mit Rabbi Levi Duchman, dessen Gemeindezentrum in Dubai Anlaufstelle für Juden aus aller Welt geworden ist. Ein jüdischer Friedhof und weitere Einrichtungen jüdischen Lebens und Glaubens sind geplant. Angesichts dieser Dynamik spricht der deutsche Botschafter Alexander Schoenfelder vom „gelebten Abraham-Accord“. Es habe sich nur noch nicht genug herumgesprochen.
„Wir wollen nichts anderes als in Frieden leben“
Für das Zustandekommen des Konzerts auf höchster politischer Ebene brauchte es laut Shoshani nur zwei Schritte: „Abu Dhabi wandte sich an Herzog, Herzog an mich“ – gemeint ist Israels Staatspräsident Jitzak Herzog. Bei der diplomatischen Abwicklung hatte Shoshani die First Lady, Michal Herzog, zur Seite, die dann auch zum Galakonzert anreiste und dem Staatsorchester persönlich dankte. Mit der Wiedergabe von Gustav Mahlers erster Sinfonie hatte es sein internationales Publikum zu Standing Ovations hingerissen.
Diese Sinfonie gehört zur Geschichte des Orchesters wie Beethovens Neunte zu den Berliner Philharmonikern, und sie markiert zudem den Durchbruch in der Karriere von Lahav Shani: Mit ihr gewann er 2003 den Mahler-Dirigentenwettbewerb in Bamberg. Und da er seine Aufgabe bei häufig aufgeführten Werken darin sieht, „die Bürste zu nehmen und den Staub zu entfernen“, wie er Schülern nach der Orchesterprobe verriet, erfuhr die Sinfonie nach einer sehr effektiven Detailarbeit eine Präsenz, die das Publikum ins Alpenvorland, in Wachträume, Schreckensvisionen, in Verzweiflung und Euphorie versetzte. Auch jüdische Trauer war dabei.
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