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#„The Curse“ bei Paramount+: Die stärkste Serie seit langem

Emma Stone und Nathan Fielder in
Foto: 2023 SHOWTIME NETWORKS INC. All rights reserved.


„The Curse“ mit Emma Stone und Nathan Fielder betritt völlig neue Genre-Pfade. Ein skurriles, im besten Sinne schwer erträgliches Serien-Meisterwerk.

Als am Wochenende die zehnte und letzte Episode von „The Curse“ veröffentlicht wurde, konnte man Erstaunliches erleben. Nathan Fielder (ebenfalls stark: „The Rehearsal“ bei Sky) und Benny Safdie („Der schwarze Diamant“), die die Serie gemeinsam entwickelten, haben eine der herausragendsten Episoden konzipiert, die überhaupt jemals in einem TV-Format zu sehen waren, weil sie eine höchst eigenwillige, aus der Reihe tanzende Serie mit einer noch absonderlicheren Pointe beschließt. Weil diese etwas über eine Stunde dauernde Folge selbst als für sich stehender Film eine Hochspannung, skurrile Komik und ein existenzielles Grauen versprüht, von dem das Gros anderer TV- und Streaming-Formate nur träumen kann.

„The Curse“ ist ein Format, das alle Genre-Schranken überwindet. Fielder und Safdie üben sich darin, das Schreckliche im Komischen und das Komische im Schrecklichen auf eine Weise zu verschränken, die nicht nur das Satirische zur Perfektion treibt, sondern auch das Horror-Genre mit neuen Augen betrachtet. „The Curse“ ist keine dezidierte Horror-Serie, doch ihr Weltentwurf beziehungsweise ihr Blick auf unsere gegenwärtige westliche Welt ist von einer brodelnden Angst durchzogen, die zunächst ihre eigene Paranoia reflektieren und bekämpfen muss, um ihr im weiteren Verlauf dann doch nickend zuzustimmen. Dass sie ihre eigene Medialität dabei so deutlich mitdenkt, ist nur eine Stärke dieser Serie.

Emma Stone und Nathan Fielder in
Emma Stone und Nathan Fielder spielen Withney und Asher. Foto: 2023 SHOWTIME NETWORKS INC. All rights reserved.

Emma Stone und Nathan Fielder als selbsterklärte Weltverbesserer

Emma Stone und Nathan Fielder spielen ein Paar, das nach Großem strebt und nichts verstanden hat. Whitney und Asher inszenieren sich nach außen als hippe Wohltäter. Beide rühren die Werbetrommel für ihre angeblich umweltbewussten „Passive Homes“, grässliche Thermoskästen mit verspiegelter Fassade, in denen die Hauptfiguren ihr eigenes Antlitz eigentlich verachten müssten, würden sie nicht so blind um die eigene Achse kreisen.

Das Geschäft von Whitney und Asher soll Menschen in die Zukunft führen, zugleich versucht man sich an einer Annäherung an ortsansässige marginalisierte Menschen und Communities. Respekt und Verständnis gaukelt man vor, zugleich lässt man sie allein nach den eigenen Regeln tanzen. Immer dabei: die Kameras. Schließlich sollen die vermeintlich guten Taten an die Öffentlichkeit gebracht werden. Asher und Whitney arbeiten gemeinsam mit dem zwielichtigen Dougie (Benny Safdie) an einer Reality-Show, die das Paar bei ihrer wohltätigen Arbeit begleiten soll.

„The Curse“ rechnet mit grünem Kapitalismus und linksliberaler Heuchelei ab

Der White-Savior-Komplex dieser beiden Hauptfiguren kennt keine Grenzen. Fortlaufend setzt man sich mit dem eigenen schlechten Gewissen auseinander. Politisch korrekt will man sich geben, während man andere Menschen lediglich in bestehende Hierarchien zwängt, sie für das eigene gute Gefühl missbraucht und den latenten Rassismus, das Unbehagen gegenüber dem Fremden kaum überwinden kann. Es reißt eine Wunde in die Mission des Gutmenschen-Paares von „The Curse“, als Asher für die Kameras vorspielt, einem kleinen Mädchen Geld zu schenken, das er hinterher wieder zurückfordert. Also verflucht ihn die Kleine. Fortan schleicht sich die Sorge in den Alltag, ob der ausgesprochene und titelgebende Fluch nicht tatsächlich Unheil über das Paar bringt.

„The Curse“ zieht seine Intensität nun aus dem Akt des schlichten Aushaltens und Bezeugens. Indem die Serie immer tiefer in die Dynamiken des Paares und ihres verblendeten Interagierens mit dem Umfeld eintaucht, gelingt ihr nicht nur ein konfrontativer Blick auf die Ideologie eines grünen Kapitalismus, der aus der fantasierten Rettung der Welt nur noch mehr Profit zu schlagen versucht und bestehende Verhältnisse zementiert, und einer linksliberalen Heuchelei, die einen permanenten Opferkult mit sich selbst pflegt und doch nur als Täter in Erscheinung tritt. Der Horror von „The Curse“ speist sich vor allem aus der omnipräsenten Kälte und Künstlichkeit dieser gestörten Räume und Konstellationen, in denen die Figuren getrieben umherziehen und sich fortlaufend ihre ideologischen Simulation kreieren.

Benny Safdie in
Benny Safdie als Produzent der Reality-Show. Foto: 2023 SHOWTIME NETWORKS INC. All rights reserved.

Alles ist Show, alles für die Kameras

Dies ist eine Serie, die eine Welt zeigt, in der alles Entertainment ist. Banalste Alltäglichkeiten werden zu großen Gesten erhoben und medial ausgestellt. Flüchtige Momente werden bis zur Krise und Erschöpfung wiederholt und nachgespielt, um sie auf Instagram fixieren und verbreiten zu können, um noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Emotionen werden ausgeschlachtet. Ausgebeutete malträtiert man mit künstlich aufgetragenen Tränen vor der Kamera, um den Zuschauern am Bildschirm später stärkere Gefühle entlocken zu können, den Moment zu intensivieren. Mit dieser abstrusen Situation beginnt „The Curse“ und setzt direkt den unbehaglichen Ton für die kommenden Episoden.

Wie paranoid und grauenerregend diese Welt unter ihrer strahlenden Oberfläche eigentlich erscheint, ist mit seltener Raffinesse in der filmischen Form eingefangen, die all ihre Figuren immer wieder auf befremdliche Weise in Anschauungsobjekte verwandelt. Immerzu werden hier Kamerapositionen gewählt, die sich in eigenartige Distanzen zurückziehen, sich penetrant im Privaten verorten oder die Welt durch Glasscheiben beobachten und so Menschen bewusst in Unschärfe kippen, sie mit Schleiern des Unklaren überziehen. Konturen verschwimmen dort, wo sich Personen allzu gefestigt wähnen und ihre Lust an der Selbstdarstellung verfängt sich in den eigenen Netzen.

Dauer-Voyeurismus

„The Curse“ setzt sich aus Bildern und Einstellungen zusammen, die das Gefühl einer allgegenwärtigen Überwachung suggerieren. Reality TV, das sich selbst zerlegt, das überhaupt keine Grenzziehungen mehr kennt und diese doch ständig auszuhandeln versucht. Figuren streiten darüber, einmal ungefilmt Konflikte austragen zu können, ganz privat. Aber ist es das wirklich?

Überall könnte schließlich die nächste Kamera lauern, die das Zusehen in dieser Serie mit dem Gefühl des selbstreflexiven und dennoch nicht weniger unangenehmen Voyeurismus versieht. Der Mensch ist diesem Prinzip offenbar ausgeliefert, nicht nur einer Unterhaltungsindustrie, sondern überhaupt dem Gefühl, jederzeit unter Beobachtung zu stehen, die geplante Performance im Alltagstheater verkrampft liefern zu müssen, um sich nicht in den eigenen Widersprüchen zu verstricken.

Emma Stone in
Verspiegelte Welten. Foto: 2023 SHOWTIME NETWORKS INC. All rights reserved.

„The Curse“ endet mit einem meisterhaften Finale

Diese Serie hat auch Schwächen, keine Frage. Ihr Mittelteil ist äußerst fahrig geraten, wie dort Beziehungsprobleme angebahnt, ausgetragen und etwas unnötig ausgedehnt werden. Die Produktion der Show taugt dabei ebenso zur Waffe, um einen Keil zwischen Whitney und Asher zu treiben, welcher wiederum in profitable TV-Unterhaltung verwandelt werden kann. „The Curse“ ist die Geschichte eines verunsicherten Paares, das sich nur noch medial vermittelt begegnen kann, hat es sich erst einmal so lange in der Welt eingerichtet, die es als ihr Zuhause wähnt. Dass das meisterhafte Finale alle zuvor durchstandenen Längen vergessen lässt, liegt nicht nur an dem Überraschungseffekt, mit dem „The Curse“ in das Wundersame vorstößt.

Seine Klasse besteht vor allem darin, dass dieser Bruch und verblüffend inszenierte Kippmoment einfach nur die konsequente Weiterentwicklung der filmischen Erzählweise von Safdies und Fielders Serie darstellt, um das zuvor Gezeigte auf eine neue Ebene zu heben. Was längst empfunden und vernommen wurde, wird nun in kaum zu glaubende Bilder übersetzt. Eine Entzweiung und spätere Wiedervereinigung wird in ihrem Trugschluss offenbar, die Trennung auf immer und ewig von den Regeln der widerspenstigen errichteten Welt manifestiert, an denen die Figuren kaputtgehen. Das Streben nach oben wird nun zur Horrorvorstellung verkehrt. Zum Schluss dieser brillanten Serie geht es in geöffnete Leiber, geht es in luftige Höhen, in denen Egos ihr bitteres wie befreiendes Ende finden und zum ersten Mal mit dem wahrhaft allein sind, um das sich ohnehin schon alles drehte: sich selbst.

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„The Curse“ ist in Deutschland bei Paramount+ zu sehen.

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Von

Janick Nolting

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