Torsten Wacker: ‚Zweite Chancen sind wichtig‘

Torsten Wacker: ‚Zweite Chancen sind wichtig‘

Regisseur Torsten spricht über «Die Abräumer», deutsche Sportfilme, Bettina Lamprecht als ambivalente Bowling-Heldin und darüber, warum Underdog-Geschichten auch dann funktionieren, wenn man selbst noch nie eine Bowlingkugel geworfen hat.

Herr Wacker, Bowling steht eher selten im Mittelpunkt deutscher Fernsehfilme. Was hat Sie an der Idee gereizt, ausgerechnet diesen Sport zur Grundlage einer Komödie zu machen?
Man hat ja gerade in Deutschland selten die Gelegenheit, überhaupt über Sport einen fiktionalen Film zu drehen. Was in anderen Ländern völlig normal ist, gilt hier zumeist als Kassengift oder Quotenkiller. Ich selbst liebe gute Sportfilme, und hier durfte ich einmal zeigen, dass wir das auch können. Bowling war das Sujet, und ich war bereit.

«Die Abräumer» erzählt von Außenseitern, die als Team über sich hinauswachsen. Warum funktionieren solche Underdog-Geschichten seit Jahrzehnten so gut?
Weil der Mensch sich eher mit dem Underdog identifiziert als mit dem Top-Favoriten. Und eine Gruppe von Underdogs, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben wollen, dann aber merken, dass sie nur gemeinsam das „Böse“ besiegen können, ist natürlich ein Traum.

Im Zentrum steht Karo, die an einem sportlichen Trauma aus ihrer Jugend zu knabbern hat. Wie wichtig war Ihnen, die emotionale Geschichte hinter dem Sport in den Vordergrund zu stellen?
Mir ist es immer wichtig, Geschichten nah an Menschen zu erzählen. Und Karo ist eine unglaublich tolle Figur. Eine hochtalentierte junge Frau, die ein einziges Versagen komplett aus der Bahn wirft und ihr mal so richtig das Leben versaut. Sie mag seit 28 (!) Jahren nichts und niemanden in ihrem Dasein, und erst der drohende Verlust ihrer letzten Bastion weckt ihren alten Kampfgeist und lässt sie zu einer grandiosen, ambivalenten Heldin wachsen.

Der Film verbindet Sportfilm, Familiengeschichte und Komödie. War es schwierig, die richtige Balance zwischen Humor und emotionalen Konflikten zu finden?
Als Filmemacher ist man ja immer auf der Suche nach der richtigen Balance einer Geschichte. Wenn man sich die IMDB-Liste der besten Filme aller Zeiten ansieht, dann sind das genau die Werke mit der perfekten Balance. Es ist die Kunst, das Wesentliche im Auge zu behalten und dabei teilweise irrwitzige Umwege zu gehen. Ob mir das gelungen ist, müssen andere beurteilen.

Mit Bettina Lamprecht haben Sie eine Hauptdarstellerin, die gleichzeitig verletzlich, wütend und komisch sein kann. Was hat sie für diese Rolle besonders qualifiziert?
Die Antwort liegt in der Frage: dass Bettina gleichzeitig wütend, verletzlich und komisch sein kann. Und darüber hinaus noch ne ganze Menge mehr. Bettina ist intelligent, kritisch, authentisch, emotional und nicht leicht zufriedenzustellen. Aber vor allem spielt sie keine Komödie, sie wirkt wie der Spielball absurder Ereignisse. Und sie ist ein ganz wunderbarer Mensch.

Viele Figuren tragen eigene Päckchen mit sich herum – vom einsamen Rentner bis zur Tochter des Gegners. War Ihnen wichtig, dass jeder Charakter seine eigene kleine Heldengeschichte bekommt?
In einem Ensemble-Film ist niemand nur Beiwerk, jeder Charakter braucht einen Grund für das, was er tut. So sind am Ende alle Figuren bedeutsam. Sonst hätte ich neben Bettina auch nicht so großartige Schauspieler bekommen…

Bowlinghallen sind filmisch eher ungewöhnliche Schauplätze. Welche Möglichkeiten bot Ihnen dieser Ort visuell und inszenatorisch?
Eine Bowlinghalle ist eine großartige Arena. Ein begrenzter Raum mit viel Technik, parallelen Ebenen, viel Tiefe und Unabhängigkeit vom Tageslicht. Außerdem kann das gesamte Ensemble mit dem gesamten Team zusammen sein, ohne dass es einen Lagerkoller gibt.

Der Film spielt in Wuppertal. Welche Rolle spielt die Stadt für die Atmosphäre und Identität der Geschichte?
Wuppertal ist eine wunderbare Stadt, filmisch sehr vielseitig, das weiß man nicht erst seit Tom Tykwers «Der Krieger und die Kaiserin» oder Claude Giffels «King Ping».

Sportfilme leben oft von großen Wettkämpfen und Spannung. Wie inszeniert man ein Bowlingturnier so, dass auch Zuschauer mitfiebern, die selbst nie bowlen gehen?
Der Zuschauer muss die ganze Zeit wissen, wo man gerade im Wettkampf steht. Der Wettkampf muss visuell beeindruckend und überraschend und an den richtigen Stellen spektakulär sein, ohne in den Regeln oder im jeweiligen Status Quo kompliziert zu sein.

Die Geschichte erinnert stellenweise an Klassiker wie «Cool Runnings» oder «Die Indianer von Cleveland», in denen Außenseiter zusammenfinden. Gab es Vorbilder, die Sie bei der Inszenierung inspiriert haben?
Das Leben? Im Ernst, ich schau viel Sport, früher sehr gerne Fußballbundesliga, als noch jeder Meister oder Pokalsieger werden konnte, heute besonders die NFL, wo tatsächlich jedes Jahr jemand anderes gewinnen kann und zumeist auch tut. Da werden Spiele in den letzten Sekunden gedreht von Spielern, die unglaubliche persönliche Vorgeschichten haben, die einen teilweise zu Tränen rühren. Die Geschichte von Kurt Warner und den St. Louis Rams aus der Saison von 1999 ist atemberaubend und hochemotional. Sie ist – leider sehr schwach – verfilmt worden unter dem Titel «American Underdog». Die echte Geschichte gibt es als einstündige Doku, und die ist so unfassbar sensationell. Oder Muhammad Ali im «Rumble in the Jungle». Oder Jamie Vardys Geschichte von Leicester City. Oder Johann Micoud und Werder Bremen 2004. Davon gibt es Unmengen, wahre Geschichten, die Generationen inspirieren. Dieses Gefühl auf dem Höhepunkt der Geschichte zu treffen, danach suchen wir in solchen Filmen.

Auffällig ist, dass es im Film nicht nur ums Gewinnen geht, sondern auch um zweite Chancen. War das die eigentliche Botschaft, die Sie erzählen wollten?
Das hängt bei Misfits-Stories ja ganz ursächlich zusammen. Alle müssen erst einmal gescheitert sein, das Gefühl der Niederlage kennen, um dann im richtigen Augenblick alle negative Energie ins Gegenteil zu kehren und zwangsläufig den Sieg davonzutragen, auch im Leben. Zweite Chancen sind wichtig.

Viele Komödien setzen auf schnelle Gags. «Die Abräumer» scheint stärker auf Figuren und Beziehungen zu vertrauen. Ist das die Art von Humor, die Sie besonders interessiert?
Das ist immer vom Sujet abhängig. Bei «Magda macht das schon» gab es reihenweise schnelle Gags am Stück, allerdings haben die Figuren in einer Sitcom eben auch nicht den Entwicklungsspielraum eines 90ers. Mich interessieren alle Arten von Humor. Manchmal schlummert er in der größten Tragödie.

Wenn Zuschauer nach dem Film das Gefühl haben sollen, etwas mitzunehmen: Was würden Sie sich wünschen, dass sie aus «Die Abräumer» über Teamgeist, Scheitern und Neuanfänge lernen.
HALTET ZUSAMMEN! Lasst Euch von niemandem einreden, dass ihr schwach seid. Das versuchen die anderen nur, weil sie Angst vor Euch haben.

Danke für Ihre Zeit!

«Die Abräumer» ist ab Montag, 13. Juli, im ZDF online zu sehen. Die TV-Ausstrahlung erfolgt am Mittwoch, 26. August, um 21.45 Uhr bei ZDFneo.

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