Trend auf Social Media: Performative Reading

Inhaltsverzeichnis

Wer in der Bahn oder in einem Café ein Buch aufschlägt, der kann es doch gar nicht ernst meinen mit dem Lesen! Das besagt zumindest ein Trend in den sozialen Medien, bei dem Fotos und Videos mit dem Hashtag „Performative Reading“ versehen werden. Der Vorwurf der Internetgemeinde: Wer im öffentlichen Raum ein Buch liest, vorzugsweise eins von hoher literarischer Qualität, möchte besonders gebildet wirken. Unter dem Hashtag finden sich Videos, in denen Nutzer die Leser persiflieren, aber auch Beiträge, in denen andere Menschen, die dem Idealtypus des performativen Lesers entsprechen, gefilmt werden.

Die Kritiker meinen, den performativen Leser nicht nur an der Auswahl seines Lesestoffs, sondern an seinem gesamten Gebaren erkennen zu können. Er trägt einen großen Schal halb um die Schulter gewickelt, liest philosophische oder feministische Literatur, nippt an seiner Tasse Kaffee und schaut immer wieder verträumt in die Ferne. Klar! Eigentlich liest er ja gar nicht, er tut nur so. Und das alles nur, um Menschen, vorzugsweise Frauen, zu beeindrucken.

DSGVO Platzhalter

Nun gibt es einen Unterschied zwischen der demonstrativen Zurschaustellung des eigenen Tuns und der Täuschung, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Letzteres wäre im Fall des Lesens an Absurdität nicht zu überbieten. Man stelle sich vor, jemand sitze mit einem Buch im Café, um intellektuell zu wirken und jemanden zu beeindrucken, lese das Buch aber gar nicht. Wo kämen wir denn da hin!

Eindruck schinden

Dass es Menschen geben soll, die ein Buch (dann auch tatsächlich) lesen, um Eindruck zu schinden, ist dagegen kaum überraschend. In Zeiten, in denen Selbstdarstellung in den sozialen Medien schon eingepreist ist, muss auch das Buch als Statussymbol herhalten.

Man denke an all die Buchzitate, die unter Instagram-Beiträgen die eigene Tiefgründigkeit unter Beweis stellen sollen. Oder an das Bücherregal, das gerne mal nach Farbe der Bücher sortiert wird, auch wenn eine Einordnung nach Genre oder Titel der Auffindbarkeit halber sinnvoller wäre. Noch weiter treiben es solche, die das Buch im Sinne eines minimalistischen Lebensstils mit dem Buchrücken zur Wand platzieren (Hashtag „Backward Books“). Alles für den Look!

Beim „Performative Reading“ wird nun also der Vorgang des Lesens selbst ästhetisiert, auch auf die Gefahr hin, als Hochstapler entlarvt zu werden. So scheint es jedenfalls, wenn man dem Trend glauben mag.

Wer sich jetzt nicht mehr traut, in der Bahn oder im Café ein Buch zur Hand zu nehmen, dem sei gesagt: Die meisten Menschen sind ohnehin mit sich selbst beschäftigt. Wir nehmen uns wichtiger, als wir im Auge des Betrachters tatsächlich sind. Lest also ruhig weiter eure Romane, wie philosophisch sie auch sein mögen.

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, vergessen Sie nicht, ihn mit Ihren Freunden zu teilen. Folgen Sie uns auch in Google News, klicken Sie auf den Stern und wählen Sie uns aus Ihren Favoriten aus.

Wenn Sie weitere Nachrichten lesen möchten, können Sie unsere Nachrichten kategorie besuchen.

Quelle

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert