TV-Kritik Maischberger: „Lassen Sie stecken, Herr Stegner!“

TV-Kritik Maischberger: „Lassen Sie stecken, Herr Stegner!“

„An zwei Stellen Widerspruch“, meldete Ralf Stegner seine Replik höflich an. Ach, hätte er nur gleich repliziert statt taktisch unklug seine Ankündigung vorzuschalten. Denn so konnte Marie-Agnes Strack-Zimmermann vorsorglich schon einmal das Angekündigte verhindern, indem sie befand: „Nein, da gibt‘s nichts zu widersprechen.“

Ein Satz, der diskurspolitisch natürlich unmöglich scheint, denn worauf sollte in der Sache schon kein Widerspruch möglich sein? Was sich in der Sache von selbst verbietet, nämlich ausschließen zu wollen, dass sie, die Sache, von verschiedenen Seiten aus betrachtet werden kann, mal in diesem und dann womöglich ganz anders in jenem Licht – eben darum ging es Strack-Zimmermann gar nicht. Wenn sie Stegners Widerspruchsbescheid mit einem Widerspruchsausschluss beantwortete, dann musste auch der Vorsitzenden des Ausschusses für Sicherheit und Verteidigung im Europäischen Parlament klar sein, dass dieses Vorgehen in der Sache unhaltbar ist.

Zeigen sich die Sachen selbst doch stets offen für eine perspektivische Erschließung, die so und auch anders ausfallen kann, eben je nach Blickwinkel, und Strack-Zimmermann selbst nimmt eigentlich in jedem ihrer Beiträge das Recht auf äußersten Perspektivismus in Anspruch, dafür steht diese FDP-Frau: Sagen, was es für sie heißt zu sagen, was ist (denn ein sicherheitspolitisch derart hochgerüsteter Geist wie Strack-Zimmermann geht natürlich nicht jener Hamburger Schlichtheit auf den Leim, wonach sich als quasi objektiver Geist eben mal so sagen ließe, „was ist“). Nur kraft ihres unerschütterlichen Glaubens an die eigene Perspektive als einer Totalen kann Strack-Zimmermann methodisch gerechtfertigt zu maximaler Exklusion ausholt wie zu eben jener Aussage: „Nein, da gibt’s nichts zu widersprechen.“

„Sie müssen ihn aber auch zu Wort kommen lassen!“

Während Stegner, der SPD-Außenpolitiker mit Rückhalt jedenfalls des Erhard-Eppler-Kreises in seiner Partei, momenthaft sprachlos, verblüfft, baff schien, sprang Sandra Maischberger beinahe mitleidig ein, um die Lage zu entschärfen, die Kuh vom Eis zu ziehen: „Sie müssen ihn aber auch zu Wort kommen lassen, Frau Strack-Zimmermann!“ Ganz so, als könne solch ein medialer Ordnungsruf die planetarische Ordnungshüterin beeindrucken. Tat er denn auch nicht. Frau Strack-Zimmermann suchte Stegner vielmehr fortgesetzt aus der Debatte herauszuhalten, in der sie sich mit ihm befand.

Als der in seiner Not nach dem scharfen Schwert der Psychologisierung griff und Frau Strack-Zimmermann mit dem Hinweis kam, sie sei mit ihrer Partei ja schließlich aus dem Bundestag herausgekegelt worden und habe darum (so verstand man Stegner) nun ein umso höheres Profilierungsbedürfnis, da gab die derart Psychologisierte ihr lässiges „Lassen Sie stecken, Herr Stegner!“ aus, was hier so viel hieß wie: Er möge die Sache in seinem eigenen Interesse besser nicht weiter verfolgen, es könnte sonst noch überraschend ungemütlich für ihn werden, um es freundlich zu sagen. Und Stegner, der ja bei all seiner Raubeinigkeit nicht nur über eine geschliffene Argumentationskunst gepaart mit hoher Geistesgegenwärtigkeit verfügt, sondern sich empfindlich genug zeigt, die Dinge im zweiten Zugriff dann tatsächlich immer auch stecken lassen zu können, als sei er schon wieder weiter, Stegner also ließ stecken.

Dafür parierte er die diskursive Exklusionsstrategie mit einem Hinweis in vorderhand anderem Zusammenhang, nämlich dass man schließlich nicht wissen könne, wie lange Trump seine jüngste Laune gegenüber der nun auch den NATO-Luftraum verletzenden russischen Kriegführung (Trump: „Abschießen!“) durchhält. Stegner meinte zu diesem anderen psychischen Komplex: „Ganz ausschließen kann man Dinge ja nie“, doch ein Tor, wer in diesen Worten nicht auch ein Widerwort gegen die Ausschliesseritis-Gebärde von Strack-Zimmermann bei Maischberger heraushören wollte.

„Hören Sie auf zu träumen!“

Beide nannten es in seltener Einmütigkeit so wichtig wie erratisch, was Trump dem Abschussappell von himmlischen Eindringlingen aus Russland hinzufügte: „Ich denke, dass die Ukraine mit Unterstützung der EU in der Lage ist zu kämpfen und die gesamte Ukraine in ihrer ursprünglichen Form zurückzugewinnen.“ Welchen ontologischen Status, welche Halbwertzeit hat jedoch bei Trump „ich denke“? Wie hoch müsste seiner Ansicht nach die Unterstützung der EU für die Ukraine ausfallen, um erfolgreich zu heißen? Und was bedeutet die Zurückgewinnung der Ukraine in ihrer ursprünglichen Form, welche Gebiete sind da gemeint?

Der Einfall, hier Strack-Zimmermann und Stegner aufeinander losgehen zu lassen, verbürgte jedenfalls, dass sich gegenseitig nichts geschenkt wurde, was wichtig ist, wenn in der wie gesagt eigentlich deutungsoffenen Sache sich dann doch nur die eingespielten Auslegungen wiederholten. Grobianisch verkürzt bedeutet dies: Strack-Zimmermann redete den Waffen das Wort, Stegner der Diplomatie. So, in dieser einseitigen Auflösung der Spannung zwischen den Polen, war das Ensemble im Studio Maischberger hergerichtet. Selbst die hyperharmonisch-niederschmetternden Alaska-Bilder von Trump und Putin, ein diplomatischer Attrappen-Gipfel mit roten Teppichen und schwarzem Humor, wurde von Stegner „in der Form grotesk“ geheißen, im Gehalt aber für zukunftsweisend gehalten, was wiederum Frau Strack-Zimmermann treffsicher als grotesk bezeichnete: „Hören Sie auf zu träumen!“

Frau Maischberger assistierte ihrer Traummetapher mit der Mitteilung, dass seit dem Alaska-Gipfel zwischen Trump und Putin nicht etwa weniger geschossen wurde, sondern nachweislich mehr, mit vermehrten russischen Angriffen auf die ukrainische Zivilbevölkerung sowie nun auch auf ein Regierungsgebäude in Kiew.

Als sei der jeweilige Part schon zigfach durchgespielt worden, sagte Strack-Zimmermann, es sei sehr wichtig, Putin zuzuhören. Bloß dürfe dann nicht gesagt werden, Putin wolle ja nur spielen: „Er will nicht spielen, er will diesen Globus in Brand setzen.“ Man rede hier nicht über Hunde, sondern über ernsthafte Weltpolitik, knurrte Stegner zurück, aber dieses Knurren schüchterte Strack-Zimmermann nicht ein, denn in Gefahr und größter Not ist der Mittelweg der Tod, von dieser Sache beißt die perspektivische Maus keinen Faden ab, und zu irgendwas muss die Beschwörung des politischen Realismus im Lager der Intellektuellen ja immerhin gut sein. So sagte das Strack-Zimmermann zwar nicht, so verstand man sie aber. Als wolle sie sagen, was ist.

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