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Influencer und „Content Creator“ verdienen viel Geld. Kaum sind einige der Internetstars dem Kinderzimmer entwachsen, beschäftigen sie plötzlich Assistenten, Cutter und Manager. Das geht nicht immer gut. Der Fall von Deutschlands größtem Streamer Papaplatte und seinem Cutter mit dem Künstlernamen Pamabu zeigt es.
Papaplatte, bürgerlich Kevin Teller, ist Streamer. Ihm folgen auf der Plattform Twitch drei Millionen Leute. Nutzer können auf Twitch live Videos übertragen, während andere Nutzer zuschauen. Dabei kann in Echtzeit miteinander agiert werden, in den Chats der Streams werden Nachrichten geschrieben, die Einfluss auf das Geschehen im Video nehmen können. Hauptinhalte auf der Plattform sind Videospiele, E-Sport oder einfach „Just Chatting“-Streams, in denen sich die Streamer mit dem Chat unterhalten.
Beliebt sind auch Formate, in denen der Streamer auf Videos anderer Content Creator reagiert, sogenannte Reactions. In den Streams werden die Videos oft angehalten, und die Community diskutiert dann über die Inhalte. Zuschauer können ihren Idolen auf Twitch virtuelle Items schicken oder kostenpflichtige Abos abschließen. Bei dem 28-jährigen Papaplatte kostet eine exklusive Mitgliedschaft fünf Euro. Zwar kann man auch im kostenfreien Abonnement die Streams sehen, die Mitgliedschaft bringt aber Vorteile mit sich: keine Werbung, bestimmte Abzeichen, die anderen Fans zeigen, wie lange man selbst schon Mitglied ist.
Diese Livestreams werden oft zweit- oder sogar drittverwertet. Man lädt den Stream als Video herunter, das wird geschnitten und auf anderen Plattformen wie Tiktok oder Youtube hochgeladen. So wird mehrfach Geld verdient, indem die Plattformen pro Klick zahlen oder Werbung vor die Videos geschaltet werden.
„Die Reaction-Videos haben mir einfach gefehlt“
Eine solche Idee hatte auch der Cutter Pamabu, bürgerlich Paul Buyse, der mit der F.A.Z. ausführlich über seine Zusammenarbeit mit Papaplatte gesprochen hat. „Mir ist vor ein paar Jahren aufgefallen, dass es noch keinen Reaction-Kanal mit den Videos von Papaplatte gab“, sagt der 22-Jährige. Noch während seines Freiwilligen Sozialen Jahrs beim Rettungsdienst begann er im Februar 2023 damit, Videos zu bearbeiten. „Ich hatte durch den Schichtdienst nicht immer die Möglichkeit, live zu gucken. Die Reaction-Videos haben mir einfach gefehlt“, sagt der Zweiundzwanzigjährige. Deshalb sei er auf die Idee gekommen, es selbst zu machen. Er lud in seiner Freizeit die Videos von Twitch herunter und bereitete sie für Youtube auf.
Um Papaplatte nach seinem Einverständnis zu fragen, sei er über Donations – also Spenden im Livestream – an den Streamer herangetreten. Dieser war einverstanden. Innerhalb von zwei Monaten habe sein Kanal „Lattensepp“ rund 18.000 Abonnenten gesammelt. „Papaplatte hat mir angeboten, die Einnahmen 50/50 zu teilen“, sagt Buyse, der bis dahin die Einnahmen des Kanals allein bekommen hatte. „Es war die Wahl zwischen: Er will jetzt einen eigenen Kanal machen, weil er eben das Potential sieht, oder wir führen den zusammen weiter.“ Einige Tage später, noch bevor der Deal zustande kam, sei das Angebot geändert worden. Schriftlich wurde nichts festgehalten.
Ein Teilzeitjob mit fünfstelligem Gehalt
Der Kanal machte einen sehr guten Umsatz: Mittlerweile kamen rund 8000 Euro im Monat zusammen. Buyse sollte sich entscheiden: Entweder er akzeptierte ein Festgehalt oder weiterhin eine Umsatzbeteiligung, dafür aber eine geringere. Von 50/50 war keine Rede mehr, er nahm dennoch die Prozente und bekam von da an nur noch ein Viertel der Einnahmen. Papaplatte gab er die Zugriffsrechte für den Kanal. Zu seinen besten Zeiten setzte „Lattensepp“ rund 30.000 bis 40.000 Euro im Monat um. „Ich glaube, das Höchste, was ich ausgezahlt bekommen habe, waren so 10.200 Euro“, sagt Buyse. Und das alles mit Videos, die nur zweitverwertet worden sind. Es brauchte keine extra Drehs oder Aufnahmen dafür. Es war also ein Art passives Einkommen für den Streamer Papaplatte. Heute hat der Kanal mehr als 435.000 Abonnenten.
Der Arbeitsaufwand sei schwer zu beziffern, sagt Buyse. „Ich habe nicht nur die Videos geschnitten, sondern auch die Kommentare betreut, geschaut, dass alles richtig läuft.“ Ungefähr fünf Stunden pro Tag habe er gearbeitet. In der Höchstzeit habe er auch mal zwei Videos am Tag hochgeladen, in der Regel aber eins. Das Erfolgreichste ist vom Februar 2024 und wurde über 1,5 Millionen Mal angeschaut. Papaplatte schaut darin mit seinen Fans eine Dokumentation über Hacker und Wahlbetrug. Gesamtdauer: 81 Minuten.
Konditionsverhandlungen per Sprachnachricht
Das alles lief so lange gut, bis Papaplatte dem Cutter im März 2024 eine Sprachnachricht schickte. Er wollte die Konditionen anpassen. Diese lauteten: 3500 Euro brutto, plus 1,5 Prozent Umsatzbeteiligung – das waren laut Buyse noch mal 400 bis 500 Euro. Buyse nahm die Anpassung hin. Er habe das Gefühl gehabt, dass er sonst raus gewesen sei. Am 17. Mai, also mehr als ein Jahr später, schickte Papaplatte seinem Cutter wieder eine Nachricht: Er wolle reden. Einen Tag später beendet er die Zusammenarbeit.
Zum einen gefielen Papaplatte die Titel der Videos nicht mehr, zum anderen störten ihn Schnittfehler, sagte er. „Ich hatte das Gefühl, er hat Gründe gesucht“, sagt Buyse. Er habe 490 Videos für den Kanal geschnitten, „genug davon sind in den Youtube-Trends gelandet“. Seit dem 1. Juli hat Buyse keinen Zugriff mehr auf seinen Kanal „Lattensepp“. Seine Kündigung verwertete Buyse auf Youtube, er lud ein Video, insgesamt erst das zweite, auf seinem Kanal hoch: „Papaplatte hat mich gescammt (leider)“. Gescammt ist ein anderes Wort für betrogen.
Entschuldigung per YouTube-Video
Das Video schlug hohe Wellen: Papaplatte, eigentlich als „links“ und „progressiv“ bekannt, wurde vorgeworfen, seine eigenen Werte nicht mehr zu vertreten. Papaplatte reagierte in einem Stream: Er sei unzufrieden mit der Arbeit des Cutters gewesen. Kommentare unter seinen Videos hätten gelautet: „Schneidet das eine KI?“, außerdem seien seine anderen Angestellten nicht gut mit dem Cutter klargekommen. Der Hauptpunkt aber sei gewesen, dass ein Cutter in seinem Team keine 10.000 Euro verdienen dürfe – vor allem wenn seine anderen Angestellten weniger verdienten. Er habe für mehr Gerechtigkeit unter den Angestellten sorgen wollen.
Buyse schätzt, dass Papaplatte Einnahmen in sechs- bis siebenstelliger Höhe habe – im Monat. Der Streamer hat etwas mehr als 37.000 Abonnenten auf Twitch, selbst mit konservativer Schätzung bekommt er für jeden 2,50 Euro. Dazu kommen die Reichweiten seiner Profile auf Instagram (934.000), seiner drei Youtube-Kanäle (2,68 Millionen) sowie Werbepartner. In einem Twitch-Clip erzählt Papaplatte davon, wie er Aktien in Höhe von einer Million Euro verkauft habe.
Am Dienstag veröffentlichte Papaplatte auf dem Kanal „Lattensepp“ ein „Update zur Cutter Thematik“: Er habe viel nachgedacht und sei zu dem Schluss gekommen, dass er sich Pamabu gegenüber „extrem unkorrekt verhalten“ und „extrem Scheiße gebaut“ habe. Deswegen habe er in einem persönlichen Gespräch um Entschuldigung gebeten, was der Cutter auch akzeptiert habe. Der Cutter sagt: „Persönlich ist zwischen Kevin und mir alles geklärt. Jetzt heißt es rechtlich: Pamabu vs. Unternehmen Papaplatte.“ Wem gehört was?
Die Videos auf dem vom Pamabu gegründeten Kanal hat dieser zwar geschnitten, zu sehen ist aber nur Papaplatte. Die beiden wollen sich nun juristische Expertise einholen. Das Problem sei, dass alles mündlich oder über Whatsapp geregelt worden sei. „In unserer Branche ist das ein Riesenproblem, dass vieles ohne Regelung geschieht und man sich deshalb nicht wehren kann. Schriftliche Verträge sind die Ausnahme“, sagt Buyse. Momentan lebe er von dem Geld, das er über die vergangenen zwei Jahre verdient und angespart habe. Er will aber weiterhin in der Branche bleiben.
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