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Die deutsche Nordsee ist eigentlich eines der am besten untersuchten Meeresgebiete überhaupt. Dennoch machen Wissenschaftler dort immer wieder neue Entdeckungen – so auch jetzt. Ein Biologenteam hat in Sedimentproben aus der Deutschen Bucht fünf neuen Arten von Ruderfußkrebsen entdeckt. Die wenige Millimeter kleinen Krebstiere sind äußerlich kaum zu unterscheiden. Erst genetische Analysen und hochauflösende Elektronenmikroskopie haben artspezifische Unterschiede zwischen den Krebschen enthüllt. Die Forschenden vermuten, dass sich in der Fauna der Nordsee noch weitere solcher „kryptischen Arten“ verbergen könnten.
Schon seit Jahrhunderten erforschen Meeresforscher die Tier- und Pflanzenwelt der Deutschen Bucht. Dennoch gibt es bis heute immer wieder Überraschungen: Neue Arten wandern ein, andere verschwinden oder verändern sich unter dem Einfluss des Klimawandels. Zu den typischen Bewohnern der Nordsee gehören auch zahlreiche Ruderfußkrebse. Diese Krebstiere spielen trotz ihrer geringen Größe eine wichtige Rolle im marinen Ökosystem. Sie gelten darüber hinaus als Indikatoren für die Auswirkungen menschlicher Einflüsse und des Klimawandels.
Fünf neue Arten von Ruderfußkrebsen
Um mehr über die Ruderfußkrebse der Nordsee zu erfahren, haben Seher Kuru von der türkischen Universität Mersin und seine Kollegen sich eine Gattung winziger Sedimentbewohner genauer angeschaut: Ruderfußkrebse der Gattung Leptastacus. Diese weniger als einen Millimeter großen Krebstiere gehören zu den häufigsten tierischen Bewohnern der Nordsee. Kuru und sein Team untersuchten Krebse aus Sedimentproben verschiedener Nordseegebiete und nutzten zur Artbestimmung eine Kombination hochauflösender Elektronenmikroskopie und genetischer Analysen. Dabei stellten sie fest: Die zuvor für eine Spezies gehaltenen Ruderfußkrebse gehören fünf verschiedenen Arten an. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass wir es hier nicht mit einer einzigen, sehr variablen Art zu tun haben, sondern mit mehreren klar getrennten Arten, die lange Zeit unentdeckt geblieben sind“, berichtet Seniorautor Sven Rossel von Senckenberg am Meer in Wilhelmshaven.
Erst die Kombination genetischer und morphologischer Analysen deckte die verborgene Artenvielfalt der winzigen Krebstiere auf. „Solche sogenannten ‚kryptischen Arten‘ lassen sich äußerlich kaum auseinanderhalten, unterscheiden sich aber deutlich in ihrem Erbgut“, erklärt Rossel. „Unsere Untersuchung zeigt, dass selbst sehr vertraute und gut untersuchte Lebensräume wie die Nordsee noch immer unbekannte biologische Vielfalt bergen.“ Die neu identifizierten Ruderfußkrebs-Arten wurden nun Leptastacus linae, Leptastacus germanica, Leptastacus klaasi, Leptastacus marleenae und Leptastacus konradi getauft.
„Ökologisch bedeutsam“
Der Fund dieser fünf kryptischen Krebsarten ist aber nicht nur taxonomisch interessant: „Die Entdeckung der fünf neuen Krebstierarten ist ökologisch sehr bedeutsam“, betont Rossel. „Obwohl die Tiere auf den ersten Blick gleich aussehen, können sie unterschiedliche ökologische Nischen besetzen und tragen damit jeweils auf ihre Weise zum Funktionieren des Ökosystems Nordsee bei.“ Marine Bodentiere spielen eine wichtige Rolle in Meeresökosystemen, etwa beim Abbau von organischem Material und werden auch häufig genutzt, um den Zustand von Meeresböden zu bewerten. „Wenn wir Arten übersehen oder falsch zusammenfassen, kann das dazu führen, dass wir Umweltveränderungen falsch einschätzen“, erklärt Rossel. „Eine genaue Kenntnis der Artenvielfalt ist deshalb eine grundlegende Voraussetzung für verlässliche Umweltbewertungen.“
Um auch andere womöglich bisher übersehen Tier- und Pflanzenarten aufzuspüren, haben acht deutsche Forschungseinrichtungen ein gemeinsames Forschungsprojekt gestartet. Ziel ist es, bisher unentdeckte Arten systematisch zu erfassen, zu beschreiben, ihre ökologische Bedeutung besser zu verstehen und daraus Schutzmaßnahmen zu entwickeln. „Nur wenn wir die Arten, die hier leben, wirklich kennen, können wir sie gezielt schützen und bewahren“, so Rossel.
Quelle: Seher Kuru (Universität Mersin, Türkei) et al., Marine Biodiversity, doi: 10.1007/s12526-025-01583-4
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