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Im Landkreis Harz haben Archäologen ein besonders Zeitzeugnis gleich mehrerer Jahrtausende entdeckt. Bei Ausgrabungen stießen sie auf ein jungsteinzeitliche Grabreste und ein mögliches Hügelgrab, unter denen sich Überraschendes fand: Unter dem mehr als 5000 Jahre alten Trapezgraben der neolithischen Baalberger Kultur entdeckte das Team ein Gangsystem aus dem Spätmittelalter – einen sogenannten Erdstall, in dem sich ein Hufeisen, Reste eines Feuers und Tierknochen fanden. Ob dieser Erdstall als Versteck diente oder rituellen Zwecken, ist jedoch unbekannt.
Das östliche Harzvorland ist für seine reiche und weit zurückreichende Geschichte bekannt. So lag hier in der Jungsteinzeit das Gebiet der Baalberger Kultur. Diese im vierten Jahrtausend vor Christus in Mitteldeutschland verbreitete Kultur gehörte zu den ersten, die ihre Toten in Hügeln und Steinkisten bestattete. Typisch für sie sind zudem charakteristisch geformte, unverzierte Tongefäße. Wie in Gebieten mit möglichen archäologischen Relikten üblich, haben Archäologen des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie (LDA) Sachsen-Anhalt im Vorfeld des Baus einer Windkraftanlage bei Reinstedt daher Ende 2025 eine vorsorgliche Ausgrabung durchgeführt.

Mittelalterlicher Gang unter einem Steinzeitgrab
Tatsächlich wurde die Ausgrabung auf dem flachen Dornberg östlich des Orts Reinstedt fündig: Das Team stieß auf gleich mehrere Gräber aus verschiedenen Zeiten und Kulturen: Den Anfang machte zuunterst der Trapezgraben einer Grabanlage aus der Baalberger Kultur, daneben fanden sich mehrere stark erodierte Hockgräber aus dem dritten Jahrtausend vor Christus sowie die Reste eines künstlich aufgeschütteten Hügels aus der Bronzezeit – möglicherweise barg er einst ebenfalls ein Grab. Doch als die Archäologen den Trapezgraben weiter freilegten, entdeckten sie eine rund 75 Zentimeter breite und rund zwei Meter lange Grube, die diesen jungsteinzeitlichen Graben im rechten Winkel durchschnitt.
Zunächst gingen die Archäologen davon aus, dass es sich auch hierbei um die Reste eines Grabes handeln könnte. Dafür schien auch eine große Steinplatte zu sprechen, die im Norden der Grube lag. Doch als das Team die Grube nach und nach weiter freilegte, zeigte sich Überraschendes: Das vermeintliche Grab hörte nicht auf, sondern entpuppte sich als ein Gang, der immer tiefer in den hellen und sehr festen Lössuntergrund unter den jungsteinzeitlichen Grabrelikten führte. Der Gang war zwischen einem und 1,25 Meter hoch und zwischen 50 und 70 Zentimeter breit. An einigen Stellen war die Gangdecke mit einem Spitzgiebel überdacht. Im Eingangsbereich fand sich eine Stufe im Löss, in der Grubenwandung eine Nische.
Wozu diente der Erdstall?
Den entscheidenden Hinweis auf Zweck und Natur dieses Gangsystems lieferten Scherben spätmittelalterlicher Keramik, die die Archäologen in der Verfüllung des Gangsystems entdeckten. Zusammen mit Form und Lage des Gangsystems legten sie nahe, dass es sich um einen Erdstall handeln musste – ein von Menschen unterirdisch in den Löss gegrabenes Gangsystem. Solche mittelalterlichen Erdställe wurden schon in verschiedenen Regionen Deutschlands entdeckt. Typisch sind ihre geringe Größe und eine einfache, unbefestigte Bauweise mit Nischen oder kammerartigen Erweiterungen.
Wozu solche Erdställe einst gegraben wurden, ist ungeklärt. Gängigen Annahmen zufolge könnten sie als Verstecke gedient haben, denkbar wäre aber auch eine Funktion als Kultstätte oder als symbolische Refugien für die Seelen verstorbener Angehöriger oder Ahnen. Auch die Funktion des nun bei Reinstedt entdeckten Erdstalls ist offen. Am Eingang zum Gangsystem entdeckten die Archäologen auffallend viele übereinander gestapelte Steine. Diese könnten einst zum Verschließen und Verstecken des Eingangs genutzt worden sein. Im Inneren des Erdstalls stieß das Team auf einige Relikte, darunter ein Hufeisen, Holzkohlereste einer Feuerstelle sowie das Skelett eines Fuchses und mehrere Knochen von Kleinsäugern. Weil der Untergrund unter der Feuerstelle nicht verfärbt ist, muss das Feuer dort nur kurzzeitig gebrannt haben, wie das Landesamt berichtet.
Wie diese Funde und der Erdstall zu interpretieren sind, ist unklar. Die Lage des Gangsystems unter einer jungsteinzeitlichen Trapezgrabenanlage könnte symbolische Bedeutung gehabt haben. Denkbar wäre aber auch, dass das heidnische Grab im christlichen Mittelalter gemieden wurde und daher ein gutes Versteck abgab.
Quelle: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
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