Ukraine unter Beschuss: Russlands Großangriff während einer Kältewelle

Russland hat die Ukraine in der Nacht zum Freitag massiert aus der Luft angegriffen. Ukrainische Behörden sprachen von einem „Massenangriff mit Drohnen und Raketen quer durch die gesamte Ukraine“. Dabei wurden in der Hauptstadt Kiew vier Menschen getötet und mindestens 19 verletzt, teilte Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko mit. Unter den Getöteten ist ein Sanitäter, der bei einem „Doppelschlag“ ums Leben kam, also einem weiteren Angriff auf Ersthelfer nach einem Erstschlag.

In mehreren Stadtteilen Kiews waren Marschflugkörper und Drohnen eingeschlagen, darunter in einem Einkaufszentrum und einem Sanatorium. In einem Kiewer Vorort seien ein fünf Jahre altes Kind, dessen Eltern und die Großmutter aus den Trümmern ihres Wohnhauses geborgen worden. Zudem gebe es großflächigen Stromausfall. Auf Bildern, die der Kiewer Katastrophenschutz verbreitete, waren brennende und teilweise zerstörte Wohngebäude zu sehen.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von 20 beschädigten Wohnhäusern. Ihm zufolge hat Russland mit 242 Drohnen, 13 ballistischen Raketen und 22 Marschflugkörpern Energieanlagen und zivile Infrastruktur angegriffen. „Der Angriff erfolgte genau während einer ausgeprägten Kältewelle und gezielt auf das normale Alltagsleben der Bevölkerung“, erklärte Selenskyj auf seinen Kanälen im Internet. Kiews Bürgermeister Klitschko forderte am Freitag alle „Einwohner der Hauptstadt, die die Möglichkeit haben“, auf, vorübergehend die Stadt zu verlassen.

Selenskyj: Botschaft von Qatar beschädigt

Vor allem in der Nord- und Zentralukraine fällt die Temperatur zurzeit nachts auf bis zu minus 20 Grad. Präsident Selenskyj erklärte, es werde alles unternommen, um die Wärme- und Stromversorgung wiederherzustellen. Darüber hinaus sei bei den Angriffen die Botschaft von Qatar von einer russischen Drohne beschädigt worden. „Qatar – ein Staat, der so viel unternimmt, um mit Russland zu vermitteln“, etwa beim Austausch von Kriegsgefangenen.

Selenskyj bestätigte zudem den Angriff durch eine russische Mittelstreckenrakete des Typs Oreschnik. Sie war auf die westukrainische Großstadt Lemberg (Lwiw) abgefeuert worden, die nur 50 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt liegt. Lembergs Bürgermeister Andrij Sadowyj zufolge beschädigte die Rakete zivile Infrastruktur. Mutmaßungen zufolge könnte sie einen unterirdischen Gasspeicher zum Ziel gehabt haben. Einwohner berichteten von sechs Explosionen, was der Anzahl an Gefechtsköpfen einer Oreschnik entspricht. Ob die Rakete mit Sprengstoff bestückt war, ist unklar. Das ukrainische Militär berichtete, dass die Rakete vom russischen Militärgelände Kapustin-Jar östlich von Wolgograd gestartet wurde und eine Geschwindigkeit von 13.000 Kilometern pro Stunde erreicht habe.

Das russische Verteidigungsministerium stellte den Angriff aus der Nacht auf Freitag als „Antwort auf die terroristische Attacke des Kiewer Regimes“ auf Präsident Wladimir Putins Residenz im Waldaj-Höhenzug zwischen Moskau und Sankt Petersburg dar. Diese fand nach einer russischen Erzählung in der Nacht auf den 29. Dezember, nach ukrainischer und amerikanischer Darstellung dagegen überhaupt nicht statt. Moskaus Versuche, mit der Geschichte den amerikanischen Präsidenten Donald Trump zu einer härteren Gangart gegenüber der Ukraine zu bewegen, sind bisher erfolglos geblieben.

Zweiter Angriff mit Oreschnik-Rakete

Dabei war das russische Verteidigungsministerium von der zunächst von Außenminister Sergej Lawrow aufgebrachten Geschichte offenkundig überrascht worden und hatte seine Verlautbarungen zu ukrainischen Angriffen entsprechend anpassen müssen. Weil russische Staatsmedien den angeblichen Angriff auf Putins Residenz zu einem großen Skandal hochgespielt hatten, wurden Erwartungen für einen Vergeltungsangriff geschürt.

Schon der erste Einsatz einer Oreschnik-Rakete im November 2024 gegen einen Rüstungsbetrieb in Dnipro war, seinerzeit von Putin persönlich, als Antwort dargestellt worden auf den ukrainischen Einsatz amerikanischer ATACMS-Raketen und britischer Storm-Shadow-Marschflugkörper gegen Ziele auf russischem Staatsgebiet. Die sechs Gefechtsköpfe waren damals nach ukrainischen Angaben nicht mit Sprengstoff gefüllt gewesen; Fachleute vermuten, dass die Zielgenauigkeit der nach russischer Darstellung neuartigen Mittelstreckenrakete bei einer größeren Beladung leiden könnte.

Am Freitagmorgen sprach das russische Verteidigungsministerium von einem Schlag mit „hoch präzisen, land- und seegestützten Waffen großer Reichweite“, unter anderem der Oreschnik, sowie mit Drohnen gegen „elementar wichtige Objekte auf dem Gebiet der Ukraine“. Die Ziele des Angriffs seien erreicht worden, hieß es wie stets nach russischen Angriffen. Man habe Objekte zur Herstellung von Drohnen zerstört, die für die „terroristische Attacke“ auf die Residenz benutzt worden seien, sowie „Energieinfrastruktur“. Zudem hob das russische Militär hervor, „terroristische Handlungen vonseiten des verbrecherischen ukrainischen Regimes werden auch künftig nicht ohne Antwort bleiben“.

Auch in Russland gab es kriegsbedingte Ausfälle der Infrastruktur. In der westrussischen Stadt Belgorod, die nahe der Grenze zum nordukrainischen Gebiet Charkiw liegt, waren davon offenbar Hunderttausende Menschen betroffen. Der Gouverneur des Gebiets, Wjatscheslaw Gladkow, teilte mit, infolge eines ukrainischen Raketenangriffs am Donnerstagabend habe es „ernste Beschädigungen an einem Infrastrukturobjekt“ gegeben. Am frühen Freitagmorgen sagte Gladkow, insgesamt 556.000 Menschen seien ohne Strom, fast ebenso viele ohne Heizung und fast 200.000 ohne Wasser und Kanalisation.

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