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„Urteil gegen Regime-Gegnerin Marija Kolesnikowa“
„Gericht des Minsker Bezirks“ heißt das Gericht im Süden der belarussischen Hauptstadt Minsk. In dem beige-grau-rosafarbenen Zweckbau wird heute um zwölf Uhr Ortszeit, um elf Uhr deutscher Zeit das Urteil in einem der bedeutendsten Prozesse verkündet, mit denen das Regime von Alexandr Lukaschenko seine Gegner einschüchtern will. Eingeschüchtert wirkt an diesem Morgen aber schon die Frau in blauer Bluse am Eingang des Gerichts, die frühe Besuchsinteressierte wieder auf die Straße weist; vielleicht wegen des bulligen Mannes in Zivil, der ihr über die Schulter schaut.
Angeklagt sind in dem Prozess, der nun zu Ende gehen soll, Marija Kolesnikowa und Maxim Snak, zwei führende Mitglieder des Koordinationsrats der Lukaschenko-Gegner. Ihnen drohen zwölf Jahre Haft.
Was in dem Prozess, der vor gut einem Monat begann, geschah, weiß man nur näherungsweise. Angeklagt sind Kolesnikowa und Snak wegen Aufrufen gegen die nationale Sicherheit, einer verfassungswidrigen Verschwörung zur Machtergreifung sowie Gründung und Führung einer extremistischen Organisation. Doch war die Öffentlichkeit ausgeschlossen, waren alle Beteiligten zur Verschwiegenheit verpflichtet: Einzig die Urteilsverkündung soll nun öffentlich sein.
Die Ereignisse wurden passend gemacht
Ein Anwalt Snaks sagte, die Anklageschrift erinnere ihn an ein Drehbuch für Hollywood, wenn es am Ende heiße „basierend auf wirklichen Ereignissen“. Denn das Regime musste das Geschehen jener Sommertage des vergangenen Jahres gehörig verdrehen, um es für seinen Prozess passend zu machen. Die 39 Jahre alte Kolesnikowa und der gerade 40 gewordene Snak arbeiteten für Viktor Babariko, den vom Regime verhinderten Präsidentschaftskandidaten, der wohl die besten Aussichten gehabt hätte, Lukaschenko in echten Wahlen zu besiegen.
Der im Juni 2020 festgenommene Babariko wurde schon im vergangenen Juli in anderer Sache zu 14 Jahren Haft verurteilt. Ihm und seinen Mitstreitern geht es um friedlichen Wandel, Gewalt lehnen sie ab; Marija Kolesnikowa sprach sich auf dem Höhepunkt der Proteste nach den gefälschten Wahlen gegen Strafmaßnahmen gegen Minsk aus. „Als jemand, der zu Kompromissen und zu Dialog aufruft, bin ich gegen Sanktionen“, sagte sie damals der F.A.Z.
Dass der Prozess gegen Kolesnikowa und Snak, die im September 2020 verschleppt und dann festgenommen wurden, unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, verdeutlicht die Gefahr, die von ihnen für das Regime ausgeht: Die Angeklagten sollten keine Bühne bekommen, auch ihre letzten Worte im Prozess mussten hinter verschlossenen Türen fallen; es heißt, Snak habe in rund drei Stunden die juristischen Seiten des Prozesses erörtert, Kolesnikowa emotionaler über die Arbeit mit Babarikos Team gesprochen.
Lukaschenkos Regime hat erfahren müssen, was passiert, wenn insbesondere Marija Kolesnikowa eine Bühne bekommt: Sie begeistert, inspiriert, reißt mit. Sie ist die letzte aus dem Frauen-Trio um die Kandidatin Swetlana Tichanowskaja, das im Sommer 2020 durch Belarus tourte und Zehntausende, Hunderttausende mitzog, die noch im Land ist – und das auch nur, weil sie, als das Regime sie über die Ukraine nach Deutschland expedieren wollte, ihren Pass an der Grenze zerriss.

Das Frauen-Trio um die damalige Präsidentschaftskandidatin Swetlana Tichanowskaja (Mitte) am 31. Juli 2020 in Minsk: rechts neben ihr steht Marija Kolesnikowa, links Veronika Tsepkalo.
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Bild: dpa
Spätestens mit dieser Demütigung Lukaschenkos wurde Kolesnikowa zum Gesicht der belarussischen Revolution, zu einer Ikone gar: Ihr wirkmächtigstes Porträt, es stammt von der belarussischen Künstlerin Anna Redko, ist an das Agitprop-Plakat „Mutter Heimat ruft!“ von 1941 angelehnt, das gegen die deutschen Eroberer zu den Waffen rief.
Man sieht Kolesnikowa im roten Gewand, mit ihren kurzen Haaren und rotem Lippenstift sowie, statt den Waffen des Vorbilds, weißen Rosen. Als das noch ging, wurde dieses Bild in Minsk auf Häuserfassaden projiziert. Es prägt sich ein wie die Märsche der Frauen. Gegen diese Bilder setzt das Regime alles, was es hat. Nicht nur Sicherheitskräfte und Justiz; die längst selbst verfolgten Menschenrechtler von Wjasna zählen, Stand Montagmorgen, 656 politische Verfolgte.
Regime stellt Gegner als „Faschisten“ dar
Das Regime stellt seine Gegner als Wiedergänger der „Faschisten“ dar, der nationalsozialistischen deutschen Eroberer. Als Handlanger des Westens, der über Belarus nach Russland vorrücken wolle – und dass, nachdem Lukaschenko noch mit einer russischen Bedrohung für Belarus seinen kargen Wahlkampf bestritten hatte und Babariko als russischen Einflussagenten darstellen ließ.
So erbarmungslos verfolgt das Regime seine Gegner, dass sogar Anwälten, die diese Gegner verteidigen, die Lizenz aberkannt wird. Nach allem, was man aus dem geheimen Prozess erfuhr, ließen sich die Angeklagten nicht davon entmutigen, blieben, so die Anwälte, munter, zuversichtlich, fröhlich. Zu Beginn des Prozesses vor einem Monat, in einem einzigen kurzen Moment, ehe die Öffentlichkeit den Saal verlassen musste, tanzte Kolesnikowa im schwarzen Kleid im Angeklagtenkäfig.
Erst Ende August konnte ihr Vater, Alexandr Kolesnikow, nach fast einem Jahr seine Tochter sehen, da er einen Auftritt im Prozess hatte. Um was es dabei ging, durfte auch er bei Strafandrohung nicht verraten, der Geheimhaltung wegen, sagte aber, er habe das Lächeln seiner Tochter gesehen, sie sei strahlend und gutmütig geblieben.
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