Verleger der „Berliner Zeitung“ siehtt sich als Opfer

Verleger der „Berliner Zeitung“ siehtt sich als Opfer

Falls es jemand noch nicht mitbekommen haben sollte: Holger Friedrich ist ein Freiheitskämpfer. Der Verleger der „Berliner Zeitung“ kämpft, wie er in seinem eigenen Blatt schreibt, „weiter für die Freiheit“, obwohl er mit „jeder Denunziation“ überzogen und als „Putin-Knecht, Corona-Leugner, Antisemit“ ausgewiesen worden sei. Er habe die „Beißreflexe eines etablierten Systems“ ausgelöst, „Orthodoxien infrage“ gestellt und den „exklusiven Zugang zu diesem System“ geöffnet. Das „System“, das Friedrich meint, ist die freie Presse, sind Recherchen und Meinungen anderer über ihn und seinen Verlag, für die es nach seiner Lesart keinen anderen Begriff als den in seiner Selbstdarstellung gibt: „Denunziation“.

Das Opfernarrativ der „Berliner Zeitung“

Präsentiert wird uns ein Opfernarrativ, in dem sich Friedrich und die „Berliner Zeitung“ eingerichtet haben. Ziehen er und sein Blatt Kritik auf sich, lautet die Vermutung, dass „einige Kollegen in den Redaktionen der Mitbewerber zu dem Schluss gekommen zu sein“ schienen: „So einer wie Friedrich darf keine Zeitung besitzen.“ Das darf er selbstverständlich, doch kritisiert werden darf er auch.

Aber damit kommt Friedrich nicht zurecht. Seine „Stasi-Geschichte“ sei falsch erzählt, seine Haltung gegenüber Autokraten falsch wiedergegeben; man versuche „die Zusammenhänge der russischen Aggression gegenüber der Ukraine zu ergründen, nicht zu entschuldigen“, mittlerweile würden „unsere Prognosen durch die bittere Wirklichkeit bestätigt“, und nun solle er auch noch zum Antisemiten gestempelt werden, wogegen er sich „auf das Schärfste“ verwahre.

Wie war das mit dem „Ostküsten-Geldadel“?

Dabei könnte man seinen Spruch, mit dem er den Erwerb der Titelrechte an der „Weltbühne“ begleitete, durchaus als antisemitisch lesen. Da habe er, der „Ostdeutsche“, sich gegen „Ostküsten-Geldadel“ durchgesetzt, sagte Friedrich. Nun erklärt er, dass es allein um die geographische und berufliche Verortung („Börsenhändler“, „in den Hierarchien der Finanzmarktindustrie zur gehobenen Einkommensklasse“ gehörend) seines Ge­­genspielers gehe. Bei diesem handelt es sich um Nicholas Jacobsohn, Erbe des jüdischen Gründers der „Weltbühne“, Siegfried Jacobsohn, der seine Familie ein drittes Mal enteignet sieht – einmal durch die Nazis, dann durch eine Ausgabe in Ost-Berlin und nun durch Friedrich. Der hat sich die Rechte an der „Weltbühne“ bei einem Verein aus Dähre in Sachsen-Anhalt besorgt, der sich „Die Weltbühne e.V.“ nennt, und beantragt, dass die Markenrechte der Familie Jacobsohn gelöscht werden.

Dass die „Weltbühne“ dann auch noch einen Artikel von Deborah Feldman hochzog, in dem diese das Jüdischsein des Chefredakteurs der „Jüdischen Allgemeinen“, Philip Peyman Engel, mit Fragezeichen versah, empfindet Nicholas Jacobsohn als besonders perfide. Friedrich wiederum erscheint es als Zumutung, dass sich die „Jüdische Allgemeine“ bei ihm nach dem Spruch mit dem „Ostküsten-Geldadel“ erkundigt hat. Er erwartet offenbar einen kritischen Artikel und übt sich in Vorwärtsverteidigung.

Die „Weltbühne“ verharmlost Putins Vernichtungskrieg

Charakteristisch für Friedrich ist in dieser Auseinandersetzung wie in manch anderer, dass er den „Spiegel“-Leitspruch „Sagen, was ist“ ins Gegenteil verkehrt: Sagen, was nicht ist; sagen, dass das Gegenteil gemeint ist, und raunen, was in Wahrheit dahinterstecke. Erscheint im „Spiegel“ eine polemisch zugespitzte Analyse der „Berliner Zeitung“, kann das nur bedeuten, dass das Magazin Friedrich den Erfolg neidet und Vorurteile gegen Ostdeutsche hegt (eines von Friedrichs Lieblingsnarrativen). Verrät Friedrich den einstigen „Bild“-Chef Julian Reichelt, der der „Berliner Zeitung“ Infos zu seinem Abgang zuspielen wollte, an dessen Ex-Arbeitgeber Springer, ist das kein Informantenverrat, vielmehr ist Friedrich seinen Sorgfaltspflichten nachgekommen. Verharmlost Daniela Dahn in der „Weltbühne“ Russlands Vernichtungskrieg gegen die Ukraine als Aktion einer Armee, die „größte Schwierigkeiten“ habe, „von Dorf zu Dorf alle russischsprachigen Oblaste zu besetzen“, fällt das wohl unter das Rubrum, man ergründe „die Zusammenhänge der russischen Aggression gegenüber der Ukraine“.

Holger Friedrich ist ein Verleger mit einem ganz eigenen Freiheits- und Wahrheitsbegriff. Auf unsere Frage, ob es stimme, dass die Redaktion der „Berliner Zeitung“ gegen den Artikel von Deborah Feldman in der „Weltbühne“ Protest eingelegt habe und dieser von ihm und dem Chefredakteur Tomasz Kurianowicz kassiert worden sei, erhielten wir leider keine Antwort.

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