Vielseitigkeitsreiten beim CHIO ist eine Frage des Risikos

Vielseitigkeitsreiten beim CHIO ist eine Frage des Risikos

Es war den beiden britischen Reitern ein Anliegen, sich einmal persönlich bei ihm zu bedanken. Nach der Pressekonferenz lobten Tom McEwen und Gemma Stevens Giuseppe della Chiesa für seinen Geländekurs. Der Erfolg eines Vielseitigkeitsreiters hängt schließlich zu einem bedeutenden Teil davon ab, wie er und sein Pferd mit der Geländestrecke, dem Herzstück jedes Wettkampfs, zurechtkommen. Liegt sie dem Pferd mehr oder weniger? Fordert sie vor allem Kondition oder technisches Geschick?

Beim CHIO Aachen war das diesmal eine kleine Wundertüte. Der Italiener baute zum ersten Mal den Kurs in der Aachener Soers, nachdem Rüdiger Schwarz, der diese Aufgabe mehr als 20 Jahre lang innehatte, in den Ruhestand gegangen war. Umso spannender war zu sehen, was Giuseppe della Chiesa sich ausgedacht hatte. Denn er wird auch im kommenden Jahr für die WM-Strecke in Aachen verantwortlich sein.

Zuerst überraschte er damit, dass er die Starter in entgegengesetzter Richtung zu den vergangenen Jahren losschickte. Anfangs ließ er die Pferde in einer langen Schleife galoppieren, mit großem Abstand zwischen den Hindernissen, und gab ihnen somit die Möglichkeit, in den Rhythmus zu finden. Den Reitern gefiel daran besonders gut, dass sie auf diesem Teilstück die Atmosphäre mit Tausenden Zuschauern an der Strecke noch genießen konnten, bevor die schwierigen Aufgaben begannen.

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Auffällig war zudem: Keines der 45 gestarteten Paare schaffte es, den 3750 Meter langen Parcours in der Idealzeit von 6:35 Minuten zu überwinden. Damit habe er zwar nicht gerechnet, sagte della Chiesa hinterher, doch ihm sei etwas anderes wichtiger gewesen: „Die Reiter haben den Kurs respektiert. Es ist gut, dass sie an die Hindernisse und nicht an die Zeit gedacht haben. Sie haben ein gutes Bild abgegeben.“

Tim Price gewinnt mit dem Wallach Vitali

Die neue Streckenführung sorgte für eine weitere Premiere: Erstmals gewann der Neuseeländer Tim Price mit dem Wallach Vitali die Vielseitigkeitsprüfung. Jedes Jahr war er seit 2014 in Aachen am Start gewesen, hatte aber oft Pech, dreimal erreichte er gar nicht erst das Ziel des Geländekurses. Diesmal siegte er auch dank einer guten Dressurprüfung und eines fehlerfreien Parcoursspringens am ersten Wettkampftag. In der Gesamtwertung führte Price das Klassement schließlich vor den beiden Briten Tom McEwen mit Quality und Gemma Stevens mit Flash Cooley an.

Dass beim CHIO Aachen, dem „Weltfest des Pferdesports“, in den Pressekonferenzen Englisch gesprochen wird, ist gang und gäbe. Seltener kommt es jedoch vor, dass alle Athleten auf dem Podium Muttersprachler sind – was ein unmissverständliches Zeichen dafür ist, dass es bei den deutschen Reitern nicht allzu gut lief. Auch in der Mannschaftswertung triumphierte Neuseeland vor den USA und Großbritannien. Das deutsche Team belegte Platz vier, im Einzel war der Warendorfer Jérôme Robiné mit Black Ice als Achter bester deutscher Starter.

Bestes deutsches Paar in Aachen: Jerôme Robiné und Black Ice
Bestes deutsches Paar in Aachen: Jerôme Robiné und Black Icedpa

Solche Ergebnisse wären aus deutscher Sicht etwa in einem Olympia-Jahr recht alarmierend. In diesem Jahr steht mit den Europameisterschaften im September jedoch ein eher kleineres Highlight im Kalender. Die Olympiasieger von Paris und Tokio, Michael Jung und Julia Krajewski, verzichteten auf einen Start in Aachen und bereiten ihre Pferde individuell auf die EM im September vor.

„Wir wollten aufs Podium“

Eine Chance für Bundestrainer Peter Thomsen, jüngere Reiter und Pferde zu testen, die vielleicht in Zukunft für ein internationales Championat infrage kommen. „Wir wollten aufs Podium“, sagte Thomsen nach dem Wettkampf, „das hat nicht ganz geklappt. Aber das war ein guter Gradmesser. Man muss sich auch messen in so einem Weltklasse-Starterfeld. Wenn man sich immer versteckt, denkt man vielleicht, man hat alles im Griff.“

Nach der Dressur hatte es zunächst noch so ausgesehen, als habe Jérôme Robiné alles im Griff, als er noch zusammen mit Tim Price das Klassement anführte. Doch im Parcoursspringen war sich der Warendorfer an einer Stelle „uneinig“ mit seinem Wallach Black Ice – eine Stange fiel. Den Rückstand zur Spitze konnten die beiden trotz einer fehlerfreien Geländerunde nicht mehr wettmachen. „Wir haben am Anfang nicht in den Fluss gefunden“, sagte der 27-Jährige, „ich war nicht so schnell, wie ich sein wollte.“

Dabei hätte die Strecke alle Optionen hergegeben – eine kontrollierte, langsamere Runde oder eine risikoreichere, schnellere. „Der Kurs war perfekt gebaut“, sagte Robiné: „Wenn man sich Zeit genommen hat, ist jeder gut rübergekommen. Und wenn man probiert hat, schnell zu sein, wurde es immer anspruchsvoller.“ Es war wie immer in der Vielseitigkeit: eine Frage des Risikos.

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