#Vier gläserne Bücher stehen an der Seine

Das Jahr 1981, in dem der damals gerade 28-jährige Architekt Dominique Perrault in Paris sein Architekturbüro eröffnete, war auch das Jahr, in dem François Mitterrand zum ersten sozialistischen Präsidenten Frankreichs gewählt wurde. Für den Bausektor bedeutete diese Wahl den Beginn einer Epoche von „Grands Projets“ – riesiger Kulturbauten, mit denen der neue Präsident Frankreichs Anspruch, eine Kulturnation für alle Bürger zu sein, im Pariser Stadtbild sichtbar machen wollte.

Der Arche de la Défense genannte neue Triumphbogen, die neue Oper an der Bastille, die Pyramide im Louvre: All diese Großprojekte wurden damals geplant, und dass ihre Formen allesamt monumentalen stereometrischen Grundkörpern entsprachen – der Triumphbogen ist ein Quader, die Oper ein Zylinder, der Louvre-Eingang eine Pyramide –, war manchen ein Beweis für Mitterrands pharaonischen Anspruch, wie antike Herrscher gebaute Zeichen für die Ewigkeit hinterlassen zu wollen. Jenes Grand Projet, das im letzten Jahr von Mitterrands Amtszeit fertiggestellt wurde, weicht von dieser Ikonographie ab, obwohl es ebenfalls hochsymbolisch auftritt.

Das Berliner Velodrom


Das Berliner Velodrom
:


Bild: Picture Alliance

Im 13. Arrondissement, dicht an der Stadtautobahn, dem Périphérique, wurde 1995 die neue Nationalbibliothek eröffnet. Mit ihr wurde der Architekt Dominique Perrault international bekannt. Sein Entwurf besteht aus vier Ecktürmen, die an aufgeklappte Bücher erinnern. Ganz aus Glas, geben sie den Blick auf hölzerne Regaleinbauten frei, was den Türmen aus der Ferne einen goldenen Schimmer verleiht. Unterhalb der Türme sind die Arbeitsplätze um einen zehntausend Quadratmeter großen Innenhof herum angelegt, der eher an einen wilden Wald erinnert: 250 Eichen, Pinien und Birken wachsen dort, die Stadt ist ausgeblendet; erst wenn man aufs Oberdeck geht, von dem eine Hunderte Meter breite Treppe zur Seine hinunterführt, kommt sie umso dramatischer wieder in den Blick.

Dominique Perrault im Juli 2020 im Gebäude der Poste du Louvre, das gerade renoviert wird


Dominique Perrault im Juli 2020 im Gebäude der Poste du Louvre, das gerade renoviert wird
:


Bild: picture alliance / abaca

Typisch für den 1953 geborenen Perrault sind die reduzierten Großformen: Der Garten wirkt wie ein Stück gigantischer Land Art, ein Wald, den man zum Quadrat geschnitten und in die Stadt verpflanzt hat, die Türme leuchten nachts wie abstrakte Skulpturen und spiegeln sich in der Seine, was ein wenig über die zahlreichen funktionellen Mängel der Bibliothek hinwegtröstet. Schon Perraults erster Bau, der Sitz der Hochschule für Elektroingenieure bei Paris, war eine ähnlich reduzierte Großform. Fünf Hochhausriegel wurden durch eine dreihundert Meter lange mehrgeschossige Rampe miteinander verbunden, in der sich die öffentlichen Funktionen des Komplexes befinden. Geklebtes Glas ließ den Bau noch glatter und nahtloser aussehen; oft nahm Perrault die Oberflächenperfektion des iPhone-Zeitalters vorweg.

Schnell wuchs sein Büro zur internationalen Architekturfirma an, die Hunderte von Projekten realisiert hat: Perrault baute viele Stadien, in Berlin etwa das Velodrom, und zahllose, teilweise eher manierierte Wohn- und Bürotürme, die dafür ausgezeichnet wurden, im Rahmen des Möglichen vorbildlich viel Betriebsenergie zu sparen. Für Seoul entwarf Perrault einen spektakulären, kilometerlang gestreckten schmalen Central Park, in dem sich Grünflächen, Open-Air-Kinos, Fahrradwege und Plätze abwechseln sollen und der die dicht bebaute Stadt um eine neue Form von öffentlichem Raum herum organisieren will. An diesem Sonntag wird Dominique Perrault siebzig Jahre alt.

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, vergessen Sie nicht, ihn mit Ihren Freunden zu teilen. Folgen Sie uns auch in Google News, klicken Sie auf den Stern und wählen Sie uns aus Ihren Favoriten aus.

Wenn Sie an Foren interessiert sind, können Sie Forum.BuradaBiliyorum.Com besuchen.

Wenn Sie weitere Nachrichten lesen möchten, können Sie unsere Nachrichten kategorie besuchen.

Quelle

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert