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Die 1845 gestartete Franklin-Expedition war eine der größten Tragödien der Polarforschung. Denn von dieser Suche nach der Nordwestpassage kehrte niemand lebend zurück. Jetzt wurden vier der in der kanadischen Arktis gefundenen Toten mithilfe von DNA-Analysen identifiziert. Dies liefert neue Einblicke in die Ereignisse, die zum tragischen Ende der Expedition führten. Doch der größte Teil der Expeditionsmitglieder ist bis heute verschollen, viele Gebeine sind nicht zugeordnet. Mit den neuen Ergebnissen sind nun sechs Tote eindeutig identifiziert.
Der britische Polarforscher und Marineoffizier John Franklin brach im Jahr 1845 mit den Schiffen „HMS Erebus“ und „HMS Terror“ auf, um die Nordwestpassage zu erforschen und zu kartieren. Dieser Seeweg durch das arktische Nordamerika sollte die Route von Europa nach Ostasien abkürzen. Doch die Franklin-Expedition endete in einer Katastrophe. Die Schiffe steckten fast zwei Jahre lang im Eis fest, erste Besatzungsmitglieder starben. Franklin und 104 seiner Männer versuchten daraufhin, über das Eis zurück in die Zivilisation zu gelangen. Doch alle Männer starben in der eisigen Ödnis von King William Island und der Adelaide-Halbinsel in der kanadischen Arktis.

Bis heute ist erst in Teilen geklärt, warum die Expedition so dramatisch scheiterte. Die beiden Schiffe HMS Terror und HMS Erebus wurden erst in den Jahren 2014 und 2016 am Grund der Victoria-Straße gefunden. Einige Gräber und Überreste der Besatzung wurden bereits im 19. Jahrhundert im Rahmen von Suchexpeditionen an drei verschiedenen Stellen an der Nordwestküste von King William Island entdeckt. „Die Umstände ihres Todes sind jedoch noch immer unklar und bis vor Kurzem war die Identität keines der Toten bekannt“, erklären Douglas Stenton von der University of Waterloo in Kanada. Erst 2014 und 2021 haben die Forschenden mithilfe von DNA-Analysen zwei der auf King William Island begrabenen Toten identifiziert: John Gregory, Ingenieur der HMS Erebus und James Fitzjames, Kommandant dieses Schiffes.
Drei Tote waren Besatzungsmitglieder der HMS Erebus
Jetzt ist es Stenton und seinem Team gelungen, vier weitere Mitglieder der tragischen Franklin-Expedition zu identifizieren. Dafür hatten sie DNA-Proben von einzelnen Zähnen und Knochen aus den drei Fundstätten auf King William Island mit dem Erbgut von 31 heute noch lebenden Nachkommen von Familien der Expeditionsmitglieder verglichen. Mit Erfolg: Die Forschenden wiesen nach, dass einige der sterblichen Überreste von dem Schiffsjungen der Erebus, David Young, stammten. Dieser hatte mit erst 17 Jahren auf dem Schiff angeheuert. Der zweite identifizierte Tote ist John Bridgens, Offiziers-Steward der Erebus. Sein Skelett wurde zusammen mit dem des zuvor schon identifizierten John Gregory bei einem der drei von der Expedition auf den Marsch mitgenommenen Beiboote gefunden.
Der dritte neu identifizierte Tote ist der Seemann William Orren, auch er ein Mitglied der Erebus-Besatzung. Seine Gebeine wurden am Fundort eines zweiten Beiboots NgLj-2 entdeckt, rund 1,7 Kilometer vom ersten entfernt. In diesem Boot wurden die sterblichen Überreste von 13 Männern gefunden, darunter die des Schiffskapitäns James Fitzjames. Im nahen Umfeld des Boots lagen Knochen von fünf weiteren Besatzungsmitgliedern, William Orren war einer davon. „Die Identifizierung von John Bridgens, David Young und William Orren belegt, dass sie genauso wie John Gregory die ersten drei Jahre der Franklin-Expedition überlebt hatten und zu den 105 Besatzungsmitgliedern gehörten, die die Schiffe im April 1848 verließen“, berichten die Forschenden.

Neue Einblicke in das tragische Ende
Die neuen Erkenntnisse helfen auch dabei, mehr über die Ereignisse im Frühjahr 1848 zu erfahren, der Zeit, nachdem die Männer ihre Schiffe aufgegeben hatten und über das Eis Richtung Süden aufgebrochen waren. “Diese neuen Funde grenzen mögliche Erklärungen dafür ein, warum das NgLj-3-Boot mit John Gregory, John Bridgens und einem weiteren Toten in der Erebus Bay zurückgelassen wurde“, schreiben Stenton und sein Team. Die Zugehörigkeit dieser Toten zur Mannschaft der Erebus legt nahe, dass es sich um ein Beiboot dieses Schiffs handelte. Außerdem war das Boot so schwer, dass es von einer größeren Zahl von Männern über das Eis gezogen worden sein muss. Möglicherweise waren diese jedoch bereits so entkräftet, dass sie sich entschlossen, das Boot mitsamt den drei vielleicht schon gestorbenen oder schwer kranken Seeleuten aufzugeben.
Anders als bei diesem ersten Boot zeigen die Überreste der Männer im zweiten, rund 1,7 Kilometer entfernt gefundenen Boot Hinweise auf Kannibalismus. Stenton und sein Team vermuten, dass auch diese Seeleute wegen ihres geschwächten Zustands von anderen, noch marschfähigen Besatzungsmitgliedern zurückgelassen worden waren. Einige von ihnen überlebten dann noch lange genug, um aus Verzweiflung von den Kadavern der kurz vor ihnen Gestorbenen zu essen. „Zusammengenommen legen all diese Ergebnisse nahe, dass die beiden Boote der Erebus schon voneinander getrennt worden waren, bevor sie Erebus Bay erreicht hatten“, erklären die Forschenden. Auch eine dritte, größere Gruppe von Expeditionsmitgliedern, die von Inuit an der Südküste von King William Island gesichtet worden war, muss bereits vorher von den restlichen Männern isoliert worden sein.
Erstes Besatzungsmitglied der HMS Terror identifiziert
In einer getrennt veröffentlichten Studie berichten Stenton und sein Team von einem vierten neu identifizierten Toten der Franklin-Expedition. „Es handelt sich um das einzige bisher mittels DNA-Analysen identifizierte Besatzungsmitglied der HMS Terror“, berichtet Stenton. „Seine Überreste wurden 130 Kilometer von denen der anderen entfernt gefunden.“ Wie die Vergleichsanalysen ergaben, stammen diese Gebeine von Harry Peglar, einem der leitenden Seeleute am Vortopp der Terror.
„Die Identifizierung dieses Seemanns ist besonders interessant, weil seine Gebeine mit den wenigen von dieser Expedition bekannten schriftlichen Dokumenten gefunden wurde“, erklärt Stenton. Der Tote trug persönliche Papiere, darunter sein Seemannspatent und einige Notizen mit sich. Weil seine Kleidung aber nicht seinem Rang entsprach, blieb strittig, ob es sich wirklich um Peglar handelte. Die DNA-Ergebnisse bestätigen dies nun.
Quelle: University of Waterloo; Fachartikel: Journal of Archaeological Science Reports, doi: 10.1016/j.jasrep.2026.105739; Polar Record, doi: 10.1017/S003224742610031X
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