„Wann kommt man einem Killer schon so nahe?“

„Wann kommt man einem Killer schon so nahe?“

Mr. Hall, es ist inzwischen fast 19 Jahre her, dass Sie erstmals den Serienmörder Dexter gespielt haben. Auf die acht Staffeln der Originalserie folgten zuletzt die Fortsetzung „New Blood“ und das Prequel „Original Sin“, nun geht es mit „Dexter: Wiedererwachen“ (zu sehen bei Paramount+) weiter. Wann wurde Ihnen klar, dass die Figur – wie Sie es neulich formulierten – Ihnen inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen ist?

Ich wollte damit weniger ausdrücken, dass Dexter Morgan mittlerweile ein Teil meiner Identität geworden sei, sondern es ging mir eher darum, wie ungewöhnlich es ist, dass ich inzwischen so enorm viele Staffeln und Jahre damit zugebracht habe, ihn zu spielen. Wir sind gemeinsam älter geworden. Wenn ich ihn nun wieder verkörpere, dann kommt anders als bei neuen Rollen sehr stark meine Intuition ins Spiel. Manchmal mache ich quasi einen Schritt zur Seite, damit Dexter freie Bahn hat. Wenn man auf eine Sache so viel seiner Lebenszeit verwendet hat, ist es vermutlich unausweichlich, dass man vielleicht doch ein wenig mit ihr verschmilzt.

Mindestens zweimal haben das Publikum und Sie sich eigentlich bereits von Dexter verabschiedet, nun kehrt er doch abermals zurück. Was macht den dauerhaften Reiz dieser Figur aus?

Aus der Sicht des Publikums ist das für mich gar nicht so leicht zu beantworten, denn mein Blick auf Dexter ist natürlich ein sehr subjektiver. Aber ich glaube, als Zuschauer nimmt er einen wirklich mit auf einen wilden Trip. Dass er in vieler Hinsicht einzigartig kompetent, aber gleichzeitig in anderen Bereichen bemerkenswert limitiert ist, ist eine faszinierende Mischung. Seine Widerstandsfähigkeit ist erstaunlich: Die Tatsache, dass er die Kugel am Ende von „Dexter: New Blood“ doch überlebt hat, spricht da ja für sich. Dass er Bösewichte zur Rechenschaft zieht, ist ebenfalls ein entscheidender Faktor für die Beliebtheit der Figur, und so fiebert man mit, wenn er sich aus brenzligen Situationen befreien muss, in die er sich zwangsläufig selbst gebracht hat. Und dann ist da noch die Tatsache, dass er aus dem Off zum Publikum spricht und es somit quasi zu seinem Komplizen macht. Wann kommt man einem Serienhelden, zumal einem Killer, schon so nahe?

Machen die gleichen Faktoren auch Ihr ungebrochenes Interesse an Dexter aus?

Weitestgehend ja. Dass er in einer Welt existiert, in der scheinbar widersprüchliche Dinge wie Gut und Böse gleichzeitig wahr sein können, macht ihn für mich zu einer Rolle, die bis heute reizvoll ist.

Wie hat sich Ihr Verhältnis zu der Rolle denn über die Jahre verändert?

Natürlich macht man verschiedene Zyklen durch, wenn man jemanden über einen so langen Zeitraum spielt. Da durchläuft man allerlei Höhen und Tiefen. Es gab Phasen, in denen ich vor Eifer und Lebendigkeit sprühte, und andere, in denen ich eher erschöpft und uninspiriert war. Dexter und ich haben diese Auf und Abs gemeinsam durchlebt, und ich habe dabei immer wieder neue Facetten an ihm entdeckt. Seine Rückkehr in „Dexter: Wiedererwachen“ fühlte sich nun nach etwas ganz Neuem an, deswegen habe ich mich darauf eingelassen.

Worin bestand denn das Neue?

Er mag den Schuss am Ende der vorangegangenen Serie überlebt haben, aber die Kugel ist natürlich nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Zum ersten Mal ist es ihm nun plötzlich möglich, seine eigene Vergangenheit abzuschütteln, die er sonst immer – und sei es oft auch unbewusst – mit herumgeschleppt hat. Nicht dass er sie ad acta legt oder vergisst. Aber anders als zuletzt kasteit er sich deswegen nicht mehr selbst. Er blickt nach vorne und ist mehr bei sich selbst als früher. Statt des Todes hat ihn neuer Lebensmut ereilt.

Ein Unterschied zu früher ist auch, dass Sie inzwischen als Produzent an all den neuen Serien beteiligt sind. Wie groß ist dabei Ihr kreativer Einfluss?

Der ist schon nicht unerheblich, auch wenn ich natürlich kein Drehbuchautor bin und das auch nie sein wollte. Wenn es darum geht, Ideen und Handlungsstränge für eine neue Staffel zu entwerfen, bin ich allerdings in die Gespräche involviert und werde auch immer wieder ermutigt, mich eher mehr als weniger zu Wort zu melden. Dass ich intellektuell und emotional Dexters Persönlichkeit bis ins Detail kenne und diese Figur genauso lange begleite wie unser Showrunner Clyde Phillips, macht mich natürlich zum Experten. Würde ich mich einfach nur zurücklehnen und die anderen machen lassen, wäre das doch Verschwendung! Aber mir geht es auf keinen Fall um irgendwelche Egotrips. Gemeinsam im Team diese Geschichte immer weiterzuentwickeln, ist viel befriedigender.

„Dexter“ ist eines von vielen Beispielen dafür, wie sehr die Kino- und Serienlandschaft dieser Tage von Fortsetzungen, Remakes und Reboots dominiert wird. Ist das Publikum so nostalgisch? Oder Hollywood nur so einfallslos?

Ich kenne natürlich die etwas zynische Sichtweise, dass heutzutage niemand mehr neue Ideen hat und sich deswegen alle auf Bewährtes verlassen. Dass alle risikoscheu geworden sind, ist eine Erklärung, die in die gleiche Kerbe haut. Aber ich glaube, es gibt auch noch andere Faktoren, die in das von Ihnen beschriebene Phänomen hineinspielen.

Zum einen gibt es, gerade für Serien, eine ganz neue Zeitlosigkeit, seit wir kaum noch lineares Fernsehen schauen, sondern Streamingdienste einschalten, wo endlose Inhalte dauerhaft verfügbar sind. Die originale „Dexter“-Serie war kürzlich beispielsweise mal wieder bei Netflix verfügbar, wo eine neue Generation sie zum ersten Mal für sich entdeckte. Plötzlich werde ich auf der Straße von Teenagern angesprochen! Aber selbst für die alten Fans von vor 20 Jahren ist vielleicht Nostalgie nicht der Hauptanreiz, sondern eher die Tatsache, dass es da eine Figur gibt, die parallel mit ihnen älter geworden ist.

In die TV-Geschichte haben Sie sich auch mit einer anderen Serie eingeschrieben. Wäre David Fisher aus „Six Feet Under“ auch eine Figur, zu der Sie gerne noch einmal zurückkehren würden? Oder eine andere Ihrer Rollen?

Nein, was das angeht, ist Dexter schon ein ziemlich einzigartiges Phänomen. Ich denke nicht, dass es viele andere Figuren gibt, die es in Sachen Stehvermögen mit ihm aufnehmen können. Jedenfalls keine, die ich gespielt habe. Natürlich gab es andere Rollen, die ich unglaublich gerne gespielt habe. Und gerade „Six Feet Under“ war ein wichtiges Projekt für mich, nicht nur weil es mein erster großer Job jenseits des Theaters war. Aber genau wie in meinen Bühnen- und Filmrollen gab es da einen stimmigen Bogen für die Figur, inklusive Abschluss. Dexters Weg dagegen kam nie an einem befriedigenden Ende an, weswegen erzählerisch immer neue Ideen sprießen konnten. Vielleicht birgt dieser Mann einfach eine Hartnäckigkeit in sich, die sich gegen ein wirkliches Ende immer wieder sträubt.

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