Warema: mehr als nur Sonnenschutz

Wer sich um den deutschen Mittelstand sorgt, um seine Perspektiven, Krisenfestigkeit und auch seine Standorttreue, könnte einige Kilometer östlich von Würzburg einen Stimmungsaufheller finden. Hier führt Angelique Renkhoff-Mücke ein Unternehmen, dessen Kurzprofil die Phantasie beflügeln dürfte: wirtschaftlich stabil, eine europaweit einmalige Struktur, in einem Markt zu Hause, dessen Zukunft man sich angesichts quälend heißer Sommer wie in diesem Jahr nur verheißungsvoll vorstellen kann.

Die Warema-Gruppe, deren Gesellschafterin und Vorstandsvorsitzende Renckhoff-Mücke ist, stellt her, was Schatten spendet: Markisen, Jalousien, Rollläden, Überdachungen, Sonnensegel und weitere Produkte für den Sonnenschutz. Es ist nicht so, dass dieser Marktführer sorgenfrei wäre, aber im vergangenen Jahr erwirtschaftete er in einer Zeit schwacher Baukonjunktur und niedriger Investitionen immerhin 678 Millionen Euro Umsatz.

In diesem Jahr dürfte es ähnlich aussehen. Das ist solide, zeigt aber auch, dass ein Rekordsommer à la 2026 nicht zwangsläufig auch ein Rekordgeschäftsjahr bedeutet. Die Chefin kommentiert das so: „Der Klimawandel und die zunehmenden Hitzeperioden erhöhen die Bedeutung von wirksamem Sonnenschutz, aber die allgemeine Konjunktur ist entscheidender.“ Kurzum: „So ausgeprägt ist der Trend durch den Klimawandel noch nicht.“

Einiges ist automatisiert in der Warema-Produktion in Wertheim, vieles aber noch Handarbeit.
Einiges ist automatisiert in der Warema-Produktion in Wertheim, vieles aber noch Handarbeit.Inga Klöber

Gleichwohl läuft die Produktion an diesem Spätsommertag in Wertheim fast auf Hochtouren, als Renkhoff-Mücke durch die Produktion und Logistik ihres Unternehmens führt. Der Standort ist einer von mehreren in der Gegend, aber neben dem „Sun Forum“ gleich um die Ecke – einem großflächigen Showroom – ist er die Herzkammer von Warema: so groß wie 18 Fußballfelder, Arbeitsplatz für knapp 800 Beschäftigte. Global sind es etwa 5000, weitere Produktionsstandorte liegen in Sachsen, Ungarn, Polen, der Slowakei und den Niederlanden. Firmensitz der Gruppe ist das unterfränkische Marktheidenfeld, rund 15 Kilometer entfernt.

Humanoide Roboter? Noch nicht, aber vielleicht bald

Obwohl in der Produktion autonome Flurförderfahrzeuge Material in die Pulverbeschichtungsanlage fahren, sagt Renkhoff-Mücke, dass die Automatisierung und Digitalisierung hier noch im Aufbau seien. Anders als in der Logistik. Im Lager stapeln sich Warema-Produkte, die, oftmals in Handarbeit gefertigt, überwiegend in die DACH-Region geliefert werden, also nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz. Die Exportquote beträgt knapp 35 Prozent. Es ist eine Sisyphusaufgabe, Produkte, die mal filigran und zerbrechlich, mal sperrig und schwer sind, in einem Lastwagen auf die Straße zu bekommen. Viele Speditionen seien damit überfordert, sagt Renkhoff-Mücke.

Deshalb leistet sich Warema einen Fuhrpark mit knapp 90 Fahrzeugen und zum Teil festangestellten und selbst ausgebildeten Fahrern, um der Komplexität Herr zu werden. Auch wenn sich das Unternehmen damit Themen wie den Fachkräftemangel oder steigende Spritpreise ins eigene Haus holt. Aber entscheidender für das große Ganze sind ohnehin die schwankenden und schwerer zu kalkulierenden Materialkosten, allen voran Aluminium. 2026 wird Warema 14.000 Tonnen davon einkaufen, es waren auch schon 18.000 Tonnen im Jahr. Fünfzig Prozent seiner insgesamt eingekauften Artikel bezieht Warema von Lieferanten aus Deutschland, mehr als 90 Prozent aus EU-Ländern.

Geschäftsmodell Sonnenschutz: Heute ist das Unternehmen weit mehr als ein Hersteller von Jalousien.
Geschäftsmodell Sonnenschutz: Heute ist das Unternehmen weit mehr als ein Hersteller von Jalousien.Inga Klöber

Die eigene Produktvielfalt dürfte so oder so noch zunehmen. Lamellendächer zum Beispiel – Überdachungen aus schweren Stahlträgern zur Beschattung von Terrassen und Gärten –  gehören zu den jüngsten Entwicklungen. Etwas älter, aber ebenfalls ein Neuling im Produktkatalog, ist Insektenschutz für Türen und Fenster. Hier geht es um Plissees, Rollos, Fliegengitter.

Es ist ein Geschäftsbereich, der erst in den vergangenen Jahren angezogen hat und im Süden Deutschlands gefragter ist als im Norden. Allen Produkten ist gemeinsam, dass es keine Lagerware gibt. Nur was vorbestellt ist, wird hergestellt. Zwischen Produktion und Logistik sinniert die Chefin, welche Veränderungen der technische Fortschritt noch nach Wertheim bringen könnte. „Humanoide Roboter werden auch für uns interessanter, wir beschäftigen uns damit“, sagt sie. „Aber es wird noch ein paar Jahre dauern, bis wir sie in unserer Produktion oder Logistik sehen.“

Die Geschäftslage hänge unter anderem stark von der Bauwirtschaft ab. Auch die überschaubaren Margen dort und den ausgeprägten Preiskampf erwähnt sie. Andererseits: „Weil wir als einziges Unternehmen in Europa mit unseren Produkten derart breit aufgestellt sind, sind wir von einzelnen Entwicklungen in der Bauwirtschaft zum Glück nicht so abhängig wie andere.“

Die Logistikhalle mit Luken für die Lkws des Unternehmens Warema, Hersteller von Sonnenschutz, im Warema-Sun-Forum in Wertheim-Bettingen. Fotografiert am 02.09.2026 in Wertheim-Bettingen.
Die Logistikhalle mit Luken für die Lkws des Unternehmens Warema, Hersteller von Sonnenschutz, im Warema-Sun-Forum in Wertheim-Bettingen. Fotografiert am 02.09.2026 in Wertheim-Bettingen.Inga Klöber

Deutsche Industrie „nicht gut vorbereitet“

Um in diese Position zu kommen, reichte dem im Jahr 1955 von Hans-Wilhelm Renkhoff gegründeten Unternehmen zunächst organisches Wachstum. „Wir haben anorganisches Wachstum mithilfe von Zukäufen lange ausgeschlossen“, sagt die Gründertochter. „Allerdings mussten wir feststellen, dass es ohne solche Zukäufe sehr schwierig sein kann, auf neuen Märkten Fuß zu fassen.“

Also griff Warema in den vergangenen Jahren das eine oder andere Mal zu. Zuletzt im Mai 2026, als die Novaco Invest GmbH – jene Beteiligungsgesellschaft der Gruppe, die alle Beteiligungen außerhalb des Kerngeschäfts bündelt und steuert – das polnische Unternehmen Terasola übernahm.

Der jüngste Zukauf mit seinen 200 Beschäftigten und 30 Millionen Euro Jahresumsatz soll den Bereich Sonnen- und Wetterschutz stärken. Er zahlt auf eine Entwicklung ein, die Renkhoff-Mücke mit Blick auf verglaste Decken oder Wände in Wertheim erwähnt. Der Sonnenschutz werde für ihr Unternehmen immer wichtiger, denn es gebe „Räume oder Umgebungen, die in Hitzeperioden kaum noch nutzbar sind“. Dazu gehörten Schulen und Kindergärten, aber auch Fabriken. Dort müssten mitunter Arbeitsschichten in weniger heiße Phasen des Tages verschoben werden, um den Beschäftigten zumutbares Arbeiten zu ermöglichen. „Extrem heiße Sommer wie in diesem Jahr drücken auf die Produktivität, und darauf ist die deutsche Industrie nicht gut vorbereitet“, sagt sie.

Große deutsche Mittelständler standen in den vergangenen Jahren aber auch für den Verkauf ins Ausland, vor Kurzem der Ventilatorenhersteller EBM-Papst. Auch sie beschäftige das, sagt Renkhoff-Mücke, zumal auch bei Warema dann und wann Anfragen eingingen. Allerdings: „Unsere Familienverfassung gilt: Wir wollen unseren Familiencharakter bewahren und so fortfahren.“

Es sei aber „gar nicht schlimm, wenn mal ein Familienunternehmen verkauft wird – schlimmer ist, dass Unternehmertum hierzulande nicht mehr wertgeschätzt wird und Unternehmer stattdessen in eine Ecke gestellt werden, als würden sie vor allem verlagern, ausbeuten und ihrer Verantwortung nicht gerecht werden.“ Das klingt nach Frust. Aber davon sei sie weit entfernt. Kleine Einschränkung: „Es nervt, angesichts der überbordenden Regulatorik vieles nicht mehr selbst in der Hand zu haben.“

Das Unternehmen

Die Warema Renkhoff SE wurde im Jahr 1955 von Hans-Wilhelm Renkhoff und Karl-Friedrich Wagner in Marktheidenfeld gegründet – daher die Wortschöpfung Warema. Nach dem Unfalltod Wagners wenige Jahre nach der Gründung übernahm Renkhoff, 2011 verstorben, die alleinige Führung. Dessen Tochter Angelique Renkhoff-Mücke ist seit 2001 Vorstandsvorsitzende. Mit etwas mehr als 5000 Beschäftigten kam die Unternehmensgruppe im vergangenen Jahr auf knapp 480 Millionen Euro Umsatz.

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