#War’s das, Holozän?

„War’s das, Holozän?“

Es ist dunkel und leer auf dem Grund des Gotlandbeckens in der Ostsee, es gibt kaum Sauerstoff dort unten, in 240 Meter Tiefe. Was es gibt, ist ein weder von Lebewesen durchwühlter noch von Strömungen verwirbelter Meeresboden, der bewahrt, was im Laufe der Jahre auf ihn herabsinkt. Ein Chronist dessen, was sich viel weiter oben, über der Wasseroberfläche, abgespielt hat und in den vergangenen Dekaden vor allem mit dem Menschen zu tun hatte. Im Bohrkern, der im Östlichen Gotlandbecken entnommen wurde, sind in den Schichten seit 1950 konserviert: DDT-Pestizide, Blei, Kohlenstoff, radioaktive Nuklide, Mikroplastik, Flugasche.

Neben einem Foto des Bohrkerns hängt im Haus der Kulturen der Welt (HKW) eines von einem Labortisch mit vielen Gläsern, Flaschen, Röhren. „Sieht chaotisch aus, aber für mich macht das alles Sinn!“ steht quer darüber: der Kommentar eines Mitglieds des Forschungsteams zu seinem Arbeitsplatz.

Ein Brocken Eis, ein Häufchen Torf

Es geht in der Ausstellung „Earth Indices. Die Verarbeitung des Anthropozäns“, die seit Freitag und noch bis 19. Oktober zu sehen ist, nicht nur darum, die Orte vorzustellen, die sich wie das Gotlandbecken als geologische Marker für eine neue Erdepoche namens Anthropozän qualifiziert haben, sondern darum, die wissenschaftliche Arbeit zu thematisieren, die dieses Neubenennungs-Vorhaben begleitet. Es braucht viele hochtechnologische Schritte, bis aus einem Brocken Eis aus der Antarktis oder einem Häufchen Torf aus einem Moor in Polen die anthropogenen Spuren isoliert sind, die die Internationale Kommission für Stratigraphie bewegen könnten, das Holozän offiziell enden zu lassen.

Der seit 2009 dauernde Prozess tritt nun in seine heiße Phase: Am Mittwoch und Donnerstag berieten die Mitglieder der Anthropocene Working Group im HKW über die zwölf Kandidaten für den „Golden Spike“, jenen Ort, an dem sich der Übergang in die neue Erdepoche stratigraphisch ablesen lässt. (F.A.Z. vom 18.Mai).

Vergrößerung des Dünnschliffs eines Stalagmiten aus der Ernesto-Höhle im italienischen Trentino – ein „Golden Spike“-Kandidat. Das dicke braune Band markiert das Ende der „Kleinen Eiszeit“ um 1860.


Vergrößerung des Dünnschliffs eines Stalagmiten aus der Ernesto-Höhle im italienischen Trentino – ein „Golden Spike“-Kandidat. Das dicke braune Band markiert das Ende der „Kleinen Eiszeit“ um 1860.
:


Bild: Giulia Bruno und Armin Linke für das Haus Der Kulturen Der Welt, Berlin (2020 – 2022

Während die Geologen, Erdsystemwissenschaftler, Ökologen und Archäologen im Vortragssaal diskutierten, wurde also nebenan im Foyer eine Ausstellung aufgebaut, die den Gegenstand dieser Diskussion zeigt und, indem sie die Arbeitsweise der Wissenschaft selbst im Fokus hat, eine Metaebene einzieht. Die Feststellung, dass der Mensch inzwischen eine den Planeten verändernden Kraft ist, berührt auch das Selbstverständnis der Naturwissenschaft, zu dem gehört, vor dem Hintergrund eines unveränderbaren Erdsystems dieses zu erforschen. Nun stellt sich heraus: Es gibt auf der Erde kaum einen biologischen, biochemischen, geologischen Prozess mehr, der nicht vom Menschen beeinflusst wäre.

Möglich wurde dies durch Technologien, die die Wissenschaft hervorgebracht hat. Die Ausstellung hält also einen historischen Moment fest: Forscher tragen mit ihrer Arbeit zu einer Diagnose bei, die die eigene Disziplin nicht unberührt lassen kann, und deren Weichen in der eigenen Lebenszeit gestellt wurden.

Einig ist man sich mittlerweile darin, den Beginn des Anthropozäns auf die Fünfzigerjahre zu datieren, den Zeitpunkt, zu dem die als „Great Acceleration“ bekannt gewordenen Diagramme einen steilen Kurvenverlauf nach oben zeigen. Es ist der Beginn der westlichen Konsumgesellschaft – und damit der Prozesse, die das Erdsystem nun destabilisieren. Dass der Mensch die klimatischen Bedingungen verändert, die die Zivilisation erst haben entstehen lassen, ist nur einer davon.

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, vergessen Sie nicht, ihn mit Ihren Freunden zu teilen. Folgen Sie uns auch in Google News, klicken Sie auf den Stern und wählen Sie uns aus Ihren Favoriten aus.

Wenn Sie an Foren interessiert sind, können Sie Forum.BuradaBiliyorum.Com besuchen.

Wenn Sie weitere Nachrichten lesen möchten, können Sie unsere Nachrichten kategorie besuchen.

Quelle

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert