#Warum ein Künstler sein Gesamtwerk in Diamanten presst

Warum ein Künstler sein Gesamtwerk in Diamanten presst

Zu den Domänen der zeitgenössischen Kunst zählt die Installation. Räume, ganze Säle werden da im Museum installiert, manchmal sogar ein komplettes Haus wie 2001 im deutschen Pavillon der Biennale von Venedig, als Gregor Schneider dort mit dem „Haus u r“ den Goldenen Löwen gewann. Viele aufwendige Raumkomplexe hat der Bildhauer aus Mönchengladbach-Rheydt in den vergangenen Jahrzehnten eingerichtet, um deren Lagerung er sich selbst kümmert, wie er Besuchern gelegentlich in seinen niederrheinischen Depots vorzeigt. Das ist mit Aufwand und Kosten verbunden und kann doch die Unsicherheit nicht vollends verdrängen, was auf lange Sicht damit geschehen soll. Nicht alles wird schließlich von der Nachwelt so hochgeschätzt wie etwa El Lissitzkys „Prounenraum“, eine Inkunabel moderner Installationskunst aus dem Jahr 1923, die sogar immer wieder rekonstruiert wird, oder die „Honigpumpe am Arbeitsplatz“ von Joseph Beuys, in ihren Relikten in der Sammlung des Louisiana Museum of Modern Art im dänischen Humlebaek zu bestaunen.

Mit diesem Umstand sieht sich auch Christoph Büchel konfrontiert, ein Künstler, für den der Titel Agent provocateur erfunden worden sein könnte. Der Schweizer inszeniert Flüchtlingscamps, Swinger Clubs, Politmessen, Moscheen in Museen und Ausstellungshallen, trifft häufig und gelegentlich auch überzeugend den Nerv eines allgemeinen Empörungsgestus und polarisierte zuletzt mit dem Wrack eines Flüchtlingsschiffs bei der Venedig-Biennale; gelegentlich stößt er an seine Grenzen wie bei der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, die 2016 eine Ausstellung mit ihm wieder absagte. Was tun mit den Hinterlassenschaften all der Interventionen, die zumeist auf Ort und Zeitpunkt zugespitzt, für weitere Verwendung aber weniger brauchbar und auch am Markt offenbar nicht zu platzieren sind?

150 Diamanten sollen im laufenden Jahr entstehen

Es dürften auch solche Gedanken sein, die den Künstler auf eine Idee gebracht haben. Sein bisheriges materiales Werk, soweit es sich noch in seiner Hand befindet, will er zu einer Sammlung laborgezüchteter Diamanten komprimieren und dazu alles aus seiner künftigen Produktion, was nicht aus einer laufenden Ausstellung heraus veräußert wird. So soll ein Work in progress entstehen, lässt Büchel verlautbaren, das erst mit seinem Ableben abgeschlossen sein werde: „The Diamond Maker – The Estate“.

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Sämtliches Material, was für die Herstellung der Rohdiamanten nicht zu verwenden sei, werde entsorgt; für deren Wachstumsprozess wiederum würden „Impfdiamanten aus der DNA des Künstlers“ hergestellt, gemeint sind seine Fäkalien. Die so entstehende Kollektion soll, in einem Koffer präsentiert, auf Marcel Duchamps berühmte „Boîte-en-valise“ (1935 bis 1941), auf die in Dosen zum Goldpreis angebotene „Merda d’artista“ von Piero Manzoni von 1961 und auf H. G. Wells Kurzgeschichte „The Diamond Maker“ von 1894 anspielen. 150 Diamanten sollen im laufenden Jahr gefertigt werden. Wer den Koffer erwerben wolle, müsse mit dem Künstler vertraglich eine dauerhafte Kooperation eingehen, teilt auf Nachfrage die Kunstsammlung Jena als Produzentin des Werks mit. Sicherlich gibt es hier einiges zu regeln. Denn der Eigentümer, so er sich finden lässt, wird ja auch finanziell durchaus dauerhaft eingebunden.

All das würde man in einem Theaterstück von Yasmina Reza („Kunst“) für eine gelungene Persiflage des Kunstmarkts halten. Es soll aber gegen grassierende Phänomene von „Zertifizierung, Eigentum, Urheberschaft und Auktionspreise“ in Stellung gebracht werden und als „Instrument der potenzierten Wahrnehmung“ dienen, wie Büchel in seinem Bulletin verlauten lasst. Als wäre der Hype um die Kryptokunst nicht ernüchternd genug, werden jetzt auch noch Diamanten zur Rettung einer „potenzierten Wahrnehmung“ ausgerufen – und ein Künstler bietet seine Resterampe in Form von Diamanten feil! Das neue Kunstjahr geht ja gut los.

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